Caroline Wahl, Melanie Raabe und Katrin Schumacher gingen bei der lit.Cologne mit Matthias Jügler der Frage nach, wie man mithilfe der Literatur ausgestorbene Arten wiederbeleben kann.
Caroline Wahl, Melanie Raabe und Katrin Schumacher bei der Lit.CologneHeilende Bäume, sprechende Beutelwölfe und tanzende Seekühe

Herausgeber Matthias Jügler sprach bei der Lit.Cologne mit Melanie Raabe, Caroline Wahl und Katrin Schumacher über Beutelwölfe und Riesenvampire
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„Menschen sind saudumm“, denkt Boa, die Beutelwölfin, in der Kurzgeschichte, aus der Caroline Wahl am Montagabend im Rahmen der lit.Cologne in der Kölner Flora las – und nahm das Fazit des Abends vorweg. Die Schriftstellerinnen Wahl, Melanie Raabe und Katrin Schumacher – die auch moderierte – sprachen mit dem Herausgeber Matthias Jügler über seine Anthologie „Wir dachten, wir könnten fliegen“, für die neben den Anwesenden viele weitere Prominente der Literaturwelt – etwa T.C. Boyle, Kim de l’Horizon und Iris Wolff – Kurzgeschichten über verschwundene oder ausgestorbene Tiere und Pflanzen verfassten.
Mit der Literatur die Ausgestorbenen zum Leben erwecken
„Ich fand den Gedanken so poetisch, dass wir etwas, das es nicht mehr gibt, wieder zum Leben erwecken“, so Raabe. Ihre Geschichte handelt von einem Olivenbaum, der nur auf den höchsten Punkten der abgelegenen Südatlantikinsel Sankt Helena vorkam und seit 2003 als ausgestorben gilt – sein Saft wird in ihrer Erzählung zur entscheidenden Zutat für ein Tonikum gegen Weltschmerz. Ein solches könnten wir wohl alle gut gebrauchen, auch angesichts der Tatsache, wie viele Tier- und Pflanzenarten der menschlichen Überheblichkeit, Rücksichtslosigkeit und schonungslosen Ausbeutung schon zum Opfer fielen.
Die Stellersche Seekuh zum Beispiel wurde bis zu acht Meter lang und war für den Menschen ausgerechnet deshalb eine ebenso leichte wie lukrative Beute, weil sie so zutraulich und neugierig war. Die letzte ihrer Art erscheint in Katerina Poladjans und Henning Fritschs im positiven Sinne abgedrehtem Beitrag, den Jügler präsentierte: im roten Paillettenkleid auf einer Gala, wo sie beim Tanz so misslich ins Orchester stürzt, dass sie langsam verblutet und noch während sie stirbt von den Galagästen gegessen wird.
Trotz der Brutalität und Traurigkeit des Verlusts, der in dem Band literarisch verarbeitet wird, seien es auch einfach Texte, die man genießen könne, die Spaß machten, so der Herausgeber. Was er damit meint, zeigt sich, als Caroline Wahl ihre Geschichte aus der Perspektive der letzten Beutelwölfin, Boa, liest, die aus irgendeinem Grund in Berlin gestrandet ist und gelegentlich auf dem Dach der S1 raus in die Natur fährt. Wie bei all ihren Protagonisten, sagt Wahl, habe sie sich überlegt, „wie eine Beutelwölfin so tickt“. Und auch diesmal sei es wieder eine Liebesgeschichte geworden. Sie könne einfach nicht anders, gab die Autorin am Montagabend zu: „Ich erzähle am liebsten solche Liebesgeschichten. Ich weiß auch nicht, was ich da kompensiere.“

