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Mit Plüsch und HumorNelio Biedermann, Anna Dushime und Verena Kessler bei der Lit.Cologne Pop

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Nelio Biedermann im Gespräch mit Moderatorin Miriam Zeh

Nelio Biedermann („Lázár“) bei der Lit.Cologne Pop im Gespräch mit Moderatorin Miriam Zeh

Die Lit.Cologne Pop feierte mit ihrer vierten Ausgabe junge Literatur, die der Absurdität der Welt mit Witz und Wärme trotzt.

Wenn sich auch im Jahr 2026, und der mittlerweile vierten Ausgabe der Lit.Cologne Pop – die sich lange Zeit als coole, kleine Schwester der Lit.Cologne vermarktete – so viele Menschen im Saal einfinden, dass nicht alle einen Sitzplatz ergattern können, Jacken in die Plätze der ersten Reihen geworfen werden wie Handtücher auf die Urlaubsliege, dann muss man das zunächst einmal als gutes Zeichen für die Stellung der Literatur unter jungen Menschen werten. Zumindest die Kölnerinnen und Kölner haben jedenfalls auch, oder gerade im Social-Media-Zeitalter, noch Bock auf Bücher.

Ganz so klein ist das zweitägige Literaturfestival im Literaturfestival mit insgesamt zehn Lesungen auf zwei Bühnen, einer Drag-Show und Partynacht gar nicht mehr – ausverkauft waren trotzdem beide Tage. Und mit Nelio Biedermann konnte die Lit.Cologne Pop sogar einen echten Star der jungen Literaturszene gewinnen. Der 23-Jährige kam direkt aus New York nach Köln, um über seinen Erfolgsroman „Lázár“ zu sprechen, der sich seit letztem Herbst unaufhaltsam auf den Bestsellerlisten hält. Auf die Frage, ob er den Hype denn  gut überstanden habe, sagt Biedermann nur: „Überstanden klingt so schlimm. Das ist ja vor allem auch sehr schön.“

Manchmal hilft nur noch Humor

Schön und auf eine seltsame Art sehr tröstlich waren auch beide Abende der Lit.Cologne Pop. Vielleicht war es das wohlig-weiche Kuschelinterieur der Bühne mit dem rosabefellten Plüschtisch, der sich neben die Autorinnen und Autoren wie Maria Popov, Yasmine M’Barek, oder Ozan Zakariya Keskinkılıç gesellte. Vielleicht war es aber auch die ebenso schmerzliche wie beruhigende Erkenntnis, die sich einstellte, dass angesichts der Absurditäten des Lebens und der Welt, in der wir leben, manchmal eben nur noch die Flucht in den Humor hilft.

Wie heilsam es sein kann, über sich und die Welt zu lachen, zeigte etwa am Freitag die sehr charismatische Autorin und Moderatorin Anna Dushime, die mit ihrem Buch „1000 letzte Dates“ zu Gast war und, wie sie an diesem Abend sagte, „durch das Schreiben, viele Jahre Therapie und eine sehr hohe Bildschirmzeit endlich darauf gekommen ist, dass es auch Spaß machen kann, Single zu sein“. Mit Lara Sielmann sprach sie über Datingapps, in welcher Stadt man die besten Typen kennenlernen kann („Köln“) und über die Frage, wie politisch Dating eigentlich ist. Wenn die Räume, in denen wir uns auch außerhalb unserer Blasen begegnen können, immer weniger und enger, werden, so Dushime, sei Dating das durchaus. Es sei vielleicht kein revolutionärer Akt, aber man könne es schon als eine widerständige Praxis sehen, immer wieder rauszugehen, sich die Hoffnung nicht nehmen zu lassen und immer wieder ins Gespräch zu gehen.

Leistungsgesellschaft, Selbstoptimierung und unrealistische Frauenbilder

Verena Kesslers neues Buch „Gym“ wiederum sollte ursprünglich weder witzig werden, noch im Gym spielen, wie die Autorin am Samstagabend erzählte. Doch beim eigenen Fitnessstudiobesuch und einer Schreibblockade eines sehr ernsten Romans, entstand dann die Idee, diesen literarisch unterrepräsentierten Ort zum Schauplatz zu machen. Allein die Prämisse – die Protagonistin ließ sich beim Einstellungsgespräch im „Megagym“ zu der Notlüge hinreißen, sie habe kürzlich erst entbunden, um ihre unfitte Form zu rechtfertigen – birgt eine Menge Humorpotenzial. Gleichzeitig erzählt der Roman selbstverständlich auch von den Tücken der Leistungsgesellschaft, endloser Selbstoptimierung und unrealistischen Frauenbildern.

Was, wenn alles anders gekommen wäre?

Der Realität ins Auge sehen, sie aber doch irgendwie verdrehen – das kann auch Leif Randt, der sein aktuelles Buch „Let's Talk about Feelings“ zwar in unserer Gegenwart spielen lässt, sie aber leicht verändert. Habeck ist darin Vizekanzler, die AfD wurde nicht einmal gegründet und die Bundeskanzlerin heißt Fatima Brinkmann. „Selbst die Rechten sind ein bisschen besser als unsere. Und Trump ist nie Präsident geworden“, so Randt. Zwar habe das Buch grundsätzlich eine melancholische Grundstimmung, aber er hätte trotzdem das Gefühl, es sei bei Weitem sein bislang „fröhlichstes, weltumarmendstes, wärmstes Buch“. Zumindest in der Literatur können wir die sich überlagernden und nicht abreißenden Krisen unserer Zeit für einen Moment vergessen, uns vorstellen, wie es anders sein könnte.

Lesen, so Nelio Biedermann, habe ihm während des Schreibprozesses sehr viel Kraft gegeben. Das sei ein Grund, warum er so viele Textreferenzen in „Lázár“ eingebaut habe. Gleichzeitig nimmt die Literatur im Roman eine ganz aktive Rolle ein: „Sie greift in die Leben dieser Figuren ein. Das hat mir sehr gefallen, dass die Literatur in dieser Welt und in diesem Roman so etwas Veränderndes bewegen kann – was sie ja leider im echten Leben zumindest nicht in diesem Ausmaß kann.“