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Ehrung für Hans Martin MüllerDie hohe Kunst der Freiheit

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Hans Martin Müller

Hans Martin Müller

Orchestermusiker, Loft-Gründer, Impulsgeber, Mutmacher: Hans Martin Müller erhält den Ehrenpreis des Kölner Kulturrats

Hans Martin Müller erhält den Ehrenpreis des Kölner Kulturrats, und es hätte für diese Auszeichnung kaum jemand Profunderes geben können. Gewürdigt wird Müller als Gründer und langjähriger Leiter des Loft, das er (und nach ihm sein Sohn Urs Benedikt) „zu einem der erfolgreichsten und einflussreichsten Jazzclubs der Republik und Europas gemacht“ hat. Auch als Mitbegründer und Gründungssprecher der Kölner Jazzkonferenz ehrt ihn die Jury. Zudem habe er als Sprecher des Initiativkreises Freie Musik Köln maßgeblich die Neugestaltung der politischen Interessenvertretungen der freien Musikszene vorangetrieben.

Müller freut sich über die Auszeichnung, die sein bürgerschaftliches Engagement, vor allem aber „die Arbeit des Loft für die zeitgenössische Musik und den Jazz“ wahrnimmt. Hauptberuflich 40 Jahre stellvertretender Soloflötist des WDR Sinfonieorchesters, glückte Müller tatsächlich etwas Wertvolles von kultureller Bedeutung, das weit über Köln hinaus Strahlkraft besitzt. Dass ihm dies mit so etwas Unberechenbarem wie dem Jazz gelang, leuchtet spätestens dann ein, wenn man, wie Müller, Jazz nicht (nur) als stilistische Referenz sieht, sondern als Denkweise, die Freiheiten ermöglicht und Risiken einschließt.

Er absolvierte ein Bergbaustudium

Die Beschäftigung mit Improvisation habe sein Verständnis von Musik erweitert, sagt Müller, der sich nicht als Veranstalter, sondern als „Infrastrukturbereitsteller“ sieht. Trotz Gegenwind und existenzieller Krisen schuf er Strukturen sowohl für den Ort als auch für die Arbeitsbedingungen Musizierender. „Mein Ziel war es stets, ihnen Freiheit zur Verfügung zu stellen. Aber nicht in irgendeinem Keller, sondern unter besten Bedingungen. Das Loft ist nicht die schickste Lokalität, hat aber eine sehr gute Akustik, die Instrumente sind hervorragend, die Dokumentationsmöglichkeiten außergewöhnlich. Jazz sollte so oft wie möglich öffentlich gespielt werden, und damals, als ich anfing, gab es dafür fast keine geeigneten Spielstätten in Köln. Wir reden heute gerne von der Musikstadt Köln, dies wurde Köln aber erst ab 1986, als die Philharmonie, der Stadtgarten und später das Loft hinzukamen.“

Geboren 1952 in Geldern, entstammt Müller einer Bergmannsdynastie. Saxofon und Flöte spielte er als Jugendlicher in Rock- und Jazzbands, während er ein Praktikum im Bergbau absolvierte, in Aachen ein Bergbaustudium absolvierte und am Konservatorium Duisburg Flötenunterricht erhielt. Nach Köln kam er wegen des Jazz. „Meine Aufnahmeprüfung musste ich im Fach Flöte machen, Saxofon war noch kein Kulturinstrument. So kam ich in die Flötenklasse und konnte auch am Jazzseminar teilnehmen, das von Manfred Schoof und Peter Trunk geleitet wurde. Da waren zum Beispiel auch Markus Stockhausen, Achim Fink und Norbert Stein. Wir alle waren in der alten Hochschule in einem Keller und haben versucht, Jazz zu lernen.“ Rückblickend staunt er über seinen Lebensweg: „Ich hatte sehr viel Glück, traf zur richtigen Zeit die richtigen Leute und bin, falls ich mal eine falsche Abbiegung nehmen wollte, immer daran gehindert worden.“

Sein Sohn führt das Loft erfolgreich weiter

Wobei er doch stets der Schmied seines Glückes war. Freiheit war für ihn nichts, was einem zufällt, sondern was man sich erarbeiten muss. Im Gereonsviertel wohnte er über dem Jazzclub Päff: „Da habe ich am Programm mitgearbeitet, mit Burkhard Hennen, dem späteren Künstlerischer Leiter des Moers Festivals.“ Schon da knüpfte er Beziehungen, die sich als trag- und zukunftsfähig erwiesen. Das erste Loft entstand 1986 in einem Hinterhof an der Straße Unter Krahnenbäumen. Vorbild war Walter Zimmermanns legendäres Studio Beginner, getragen von Offenheit und der Bereitschaft, Strömungen und gegensätzliche Ästhetiken nebeneinander zuzulassen.

So war Müller doch stets mehr als ein „Infrastrukturbereitsteller“: Er brachte sich ein, erhob seine Stimme immer da, wo er überzeugt war, dass er etwas beizutragen habe, künstlerisch und gesellschaftspolitisch. Müller: „Ich bin Ehrenmitglied der Kölner Gesellschaft für Neue Musik, sowie Ehrenmitglied der Kölner Jazzkonferenz, die ich mitgegründet habe. Ich war Sprecher des Initiativkreises Freie Musik, Sprecher der Kölner Jazzkonferenz – und das alles als Orchestermusiker. Ich glaube, das gibt es wohl nur in Köln.“

Fürs Loft handelte er nach der Devise „Willkommen heißen, Wahrnehmen, Würdigen“. In seinem Leben folgt er dem Motto „Die Vergangenheit ehren, in der Gegenwart leben, auf die Zukunft vorbereitet sein“. Dass das Loft nach seiner Pensionierung weiterhin fantastisch läuft, ist seinem Sohn Urs Benedikt zu verdanken, der die Geschichte des Loft um seine eigene Persönlichkeit, sein Wissen und seinen Charme bereichert.

So bleibt das Loft eine Idee, eine Denkweise, dazu ein Ort, der mit offenen Armen einlädt – und hoffentlich weiterhin ab und an durch Hans-Martin Müller bereichert wird, durch seine Geschichten, ein spontanes Tänzchen mit seiner Frau wie beim Jubiläumskonzert von Nils Wograms Root 70, sein Spiel auf der Querflöte wie bei Dietmar Bonnens Saxosythes Weihnachtsensemble. Demnächst gibt er drei Solo-Flötenkonzerte in romanischen Kirchen im Burgund. Man sollte sich die Freiheit nehmen, dabei zu sein.