Die französische Mezzosopranistin Adèle Charvet gastierte mit dem Pariser Alte-Musik-Ensemble „Le Consort“ in der Kölner Philharmonie.
Mezzosopranistin Adele Charvet in KölnZum Heulen schön

Die französische Mezzosopranistin Adele Charvet
Copyright: Capucine de Chocqueuse
Die Aussicht auf ein Pfund italienischen Barocks im abendlichen Konzert – jahreszeitlich zumeist in der Vorweihnachtszeit situiert – mag bei vielen Musikfreunden die Mundwinkel sinken lassen. Zu Recht, oft erwartet sie in der Tat das Erlebnis gepflegt-entsagungsvoller Langeweile. Manchmal aber eben auch nicht. Es kommt halt immer darauf an, was die Ausführenden aus ihrer Agenda machen. Wenn sie es so aufziehen wie jetzt die französische Mezzosopranistin Adèle Charvet und das noch junge Pariser Alte-Musik-Ensemble „Le Consort“ unter seinem Mitgründer und Konzertmeister Théotime Langlois de Swarte in der Kölner Philharmonie, dann wächst Vivaldi und Konsorten im besten Fall eine magisch-bannende Anziehungskraft zu. Dann vergisst man als Hörer Harmonie-Schablonen und Sequenzengeklingel und nimmt – sozusagen wie am ersten Tag – die experimentelle, klangauratische Signatur und die expressive Gewalt dieser Musik wahr.
Zum Beispiel aus der Vivaldi-Oper „Farnace“ die lange Arie „Gelido in ogni vena“, die im Sound an den „Winter“ der „Vier Jahreszeiten“ erinnert. Die ständig fallenden Oktavgänge über chromatisch absteigenden Bässen bekommen da eine bohrend-beklemmende Intensität, nicht weniger als ausweglose Depression scheint hier zu Musik zu werden.
Explosive Gewalt der Performance
Zweifellos kam dem Abend auch die Konzept-Strategie der Gäste zugute: Über pausenlos eineinviertel Stunden mit teils dicht aneinander anschließenden Nummern begab sich hier eine Reise durch das Repertoire des venezianischen Opernhauses Sant’Angelo, das in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts seine Blütezeit erlebte. Vivaldi stand dabei – auch mit drei (weithin unbekannten) Instrumentalwerken (Sinfonia und Concerti) – im Zentrum, hinzu gesellten sich Zeit- und Zunftgenossen, die hierzulande selbst Metiervertraute nicht einmal den Namen nach kennen: Michelangelo Gasparini, Giovanni Alberto Ristori, Fortunato Chelleri.
Das Ensemble überzeugt durch die explosive Gewalt seiner Performance in jedem Augenblick, die Oper greift da unmittelbar auf die Spielweise über. Das gilt zum Beispiel für das quasi-szenische Gegeneinander der Stimmgruppen, der Violinen gegen die Bässe. Die Forti stürzen herein wie Gebirgsbäche, während die leisen Stellen sehr leise, aber mit durchdringend-beredter Legato-Gesanglichkeit kommen. Diese extremen Kontraste setzten sich in der jeweils paarigen Konfrontation lyrisch-melancholischer und hochdramatisch-erhitzter Arien fort. Diesbezüglich war selbstredend vor allem die Solistin gefordert, die die extrem gegensätzlichen Anforderungen an Stimme und Stil bravourös meisterte.
Charvets überaus beweglicher, klangvoller und körperhafter Mezzo bewährte sich in den halsbrecherischen Koloraturen genauso wie bei den lang gezogenen Bögen der Adagio-Sätze, die sie allemal exzellent phrasierte. Dass sie keine ausschließliche Barocksängerin ist, sondern unweigerlich ihre Erfahrungen mit dem Operngesang quer durch die Jahrhunderte einbringt – es gereicht ihrer Interpretation eher noch zum Vorteil.
Als Zugabe erklang Händels legendäres „Lascia ch’io pianga“ – mit betont zurückgenommenem Dacapo. Das war dann wirklich zum Heulen schön.

