Bei der „Tribute To Xatar“-Show in der Lanxess-Arena flossen die Tränen. Aber getanzt wurde auch.
Toter RapperTrauershow für Xatar: Wer fehlte, wer begeisterte, wer durchfiel

Rapper SSIO (links) bei der „Tribute To Xatar“-Show in der Lanxess-Arena.
Copyright: Arton Krasniqi
„Sag mir, wer trägt den Mantel“, fragt Xatar auf seinem Erfolgsalbum „Baba aller Babas“, ein viel geteiltes Meme aus seiner Haftzeit aufgreifend. Die Antwort erübrigt sich. Er ist der Chef, der Baba, der Krasseste aller krassen Gangsta-Rapper. Goldräuber. Knastbruder. Chartstürmer. Labelchef. Tiefkühlkost-Unternehmer. Kinostar und Füller von Philharmonien. Größenwahnsinniger Betreiber des siebenstöckigen Goldmann-Towers am Barbarossaplatz, einer wilden Mischung aus Jugend- und Kreativzentrum für junge Rap-Talente, das bald außer Kontrolle geriet. Xatar ist kurdisch für „Gefahr“. Aber er war auch ein Gefährdeter, immer kurz vor dem Absturz. Und vielleicht trägt er gerade deshalb den Mantel.
Trug. Am Abend des 8. Mai 2025 war Giwar Hajabi, wie Xatar bürgerlich heißt (das „g“ wird weich gesprochen), tot in einer Kölner Wohnung aufgefunden worden. Ein Herzstillstand. Mit 43 Jahren. Sein Grabstein auf dem Bonner Nordfriedhof gibt den 7. Mai als Todestag an. In der Lanxess-Arena begehen am Donnerstag Xatars Angehörige, Freunde, Feinde und Gelegenheitsbewunderer das Jahresgedächtnis. Zusammen mit 12.000 Fans. Eine Show als Heilige Messe.
Nette Gymnasiasten treffen auf ausgekochte Ghetto-Rapper
Und der Mantel ist mit dabei auf der Bühne, hängt leer vom Kleiderständer, als würde er selbst trauern. Dazu erklingt getragene Klaviermusik und die Supreme Girls singen den Refrain aus seinem Song „Mama war der Mann im Haus“: „Vater war nicht da, Straße war wie mein Vorbild“. Auf dem Weg nach oben, hatte Xatar darin festgestellt, gäbe es keine Abkürzung: „Oder doch, nur wenn du diese gehst, zahlst du einen ganz großen Preis.“
Was folgt, wirkt wie ein Kurzabriss der deutschen Hip-Hop-Geschichte und ihrer Verwerfungen. Die netten Gymnasiasten der 1990er treffen auf die ausgekochten Ghetto-Stars, die nach der Jahrtausendwende den Diskurs bestimmten. Auch auf den Schulhöfen der Gymnasien. Erstere werden vom Publikum mit höflichem Desinteresse empfangen.
Jan Delay war mit den Beginnern ein Pionier des Deutsch-Raps, kann als Solo-Künstler drei Nummer-Eins-Alben verbuchen. Doch in der Arena hilft ihm das wenig. Selbst ein routiniertes Medley mit den eingedeutschten Hits von Dr. Dre bringt kaum Bewegung in den Innenraum.

Jan Delay
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Damit ergeht es ihm immer noch besser als dem anderen Jan. Böhmermann tritt als sein Alter Ego „POL1Z1STENS0HN“ auf, ruft „Wer ist Fan des deutschen Rechtsstaats?“ in die Runde und darf erleben, wie seine Gangsta-Rap-Parodie hier völlig ins Leere läuft. Wenn Hip-Hop keine Geschmacksäußerung ist, sondern eine der wenigen Chancen auf Repräsentation, funktioniert das mit dem Humor nicht mehr. Wenn eines von Giwar bleibe, rettet sich der Satiriker, dann sei es seine Fähigkeit, Leute zusammenzubringen, die gar nicht wussten, dass sie etwas gemeinsam hatten. Zu sehen in einer Folge seiner Kochshow, bei der Xatar Köftespieß und Böhmermann Rindsrouladen mit Kartoffeln zubereitet und die beiden sich näherkommen, als man anfangs vermutet hatte.
Davon, wie nahbar dieser stabile Kerl mit dem dicken Schnäuzer war, erzählen viele, die ihn noch aus Kindheitstagen am Brüser Berg kannten, die von ihm entdeckt und groß gemacht wurden, und auch solche, die ihn nur einmal getroffen haben und sich dann wunderten, dass der Baba aller Babas die Zeit fand, sich eine Stunde lang ihre Geschichte anzuhören. Man kann das in der dreiteiligen Xatar-Doku hören, die derzeit in der ARD-Mediathek abrufbar ist, oder in Kommentarspalten unter seinen Videos lesen.

Jan Böhmermann
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Schwester Ewa etwa, die Xatar ihren Ausstieg aus dem Frankfurter Rotlichtmilieu zu verdanken hat und den Aufstieg zu einer der ersten Gangsta-Rapperinnen Deutschlands, fällt es sichtlich schwer, ihren Auftritt über die Bühne zu bringen. Sie hätte, gesteht sie, zuerst gar nicht kommen wollen, weil sie eigentlich nur heulen könnte. In ihren Zeilen teilt sie trotzdem kräftig gegen die jüngere Konkurrenz aus, man hat ja einen Ruf zu verlieren: „Von der Hure zum Rapstar, mein Weg war nicht unbeschwert/Die gleiche Karriere wie bei Ikkimel, nur umgekehrt.“
Zart folgt auf hart, das sind hier zwei Seiten einer Medaille. Die Deutsch-Polin schickt ihre siebenjährige Tochter ans Mikrofon. „Onkel Giwar, du bist ein Stern. Wir haben dich vermisst.“ Das kollektive „Oooh“ folgt aufs Stichwort.

Schwester Ewa
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Zuvor hatte sich Xatars ebenfalls stark emotionalisierter Jugendfreund Samy durch ein Duett mit dem Toten gekämpft, hatte singend gefleht: „Bruder, ich will nicht schießen/Bruder, ich will nicht dribbeln.“ In der ARD-Doku erzählt er, wie er dem Freund beim berüchtigten Überfall auf den Goldtransporter geholfen hat, wie sie als Steuerfahnder und Polizisten verkleidet Schmuck im Wert von rund 1,7 Millionen Euro erbeutet hatten. Wie ihnen die Polizei schnell auf die Spur kam, sie erst nach Moskau und dann in den Irak flüchteten, wo sie der kurdische Geheimdienst im Gefängnis folterte, in der irrigen Annahme, die beiden Amateurräuber hätten ihre Beute mit sich geschleppt.
Hajabis Eltern waren mit dem dreijährigen Giwar einst aus der kurdischen Provinz Iran in den Irak geflüchtet und kamen dort ebenfalls in Haft. Die Mutter wurde gefoltert, bevor sich das Ehepaar nach Deutschland absetzen konnte. Dass der Sohn nun vom Irak nach Deutschland abgeschoben wurde, dass er dort in der JVA Rheinbach heimlich das Album aufnehmen wird – „Nr. 415“, benannt nach der Türnummer seiner Zelle –, das ihn zum Rap-Star macht, dass Fatih Akin seine Krimistory zu einem international erfolgreichen Spielfilm verarbeitet, dass der geläuterte Xatar nach etlichen Triumphen und Niederlagen schließlich in Big-Band-Begleitung in jenen deutschen Philharmonien auftritt, von denen der Komponisten-Vater vergeblich geträumt hatte – es klingt wie ein Irrwitz.

Peter Fox
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Und ist doch höchstens die halbe Wahrheit. „Was passiert, wenn ein Junge sagt: Nein, ich nehme nicht die Karten, die ihr mir zugespielt habt?“, hatte der Kalker Lokalmatador Eko Fresh zu Anfang der Tribute-Show gefragt. Man kann es sich nicht ausdenken.
Die Trauerfeier zieht sich. Erst als Farid Bang dran ist, steigt die Stimmung. Der selbst ernannte „asoziale Marokkaner“ macht Werbung für sein kommendes Album, auf dem er ein Stück seines einstigen Konkurrenten Xatar gecovert hat. Dann bewundert er sein Abbild auf der LED-Wand: „Ey, wie breit ich da aussehe!“

Farid Bang
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Aber erst SSIO, ebenfalls aus Bonn und der größte Star von Xatars „Alles oder Nix“-Label, erntet Zugabe-Rufe. Reimt „Schlage den Popsänger/Überfalle den Goldhändler“. Es ist das Satyrspiel zum Xatar’schen Lebensdrama, der Bandenkriminelle als in Doubletime rappender Übertreibungskünstler. Nur Haftbefehl, wahrscheinlich der größte Star unter den angekündigten Acts, schafft es nicht auf die Bühne.
Für Zugaben ist leider keine Zeit mehr, es muss umgebaut werden für Peter Fox, der sich darüber beschwert, wie undankbar es ist, nach SSIO auftreten zu müssen. Auch er verbreitet die Botschaft vom Zusammenhalt, bringt dann aber auch tatsächlich die kritische Menge zum Tanzen. Anschließend füllt sich die Bühne noch ein wenig mehr.
Die Heavytones, einst Studioband von Stefan Raab, waren die letzten Musiker, mit denen Xatar zusammengearbeitet hat, mit denen er unter anderem in der Kölner Philharmonie und in der Elbphilharmonie auftrat. Jetzt rappt seine Aufzeichnung zur Live-Musik und man versteht, was und wer hier die ganze Zeit gefehlt hat.
„Wer trägt den Mantel?“, hatte auch Max Herre gefragt, der zusammen mit seiner Frau Joy Denalane das Konzert eröffnet hatte. Giwar Hajabi trägt den Mantel und der verbarg einen komplexen Mann. Der Baba ist tot.
