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Autofahrer im FokusFast ein Drittel mehr Unfälle mit Stadtbahnen in Köln

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In 50 der 182 Fälle aus dem vergangenen Jahr ermittelten die Beamten Autofahrer als Hauptunfallverursacher (Archivfoto).

In 50 der 182 Fälle aus dem vergangenen Jahr ermittelten die Beamten Autofahrer als Hauptunfallverursacher (Archivfoto).

182 Menschen sind 2025 bei Unfällen mit Stadtbahnen verunglückt. Warum die Zahlen steigen und wo KVB, Polizei und ADAC die größten Probleme sehen.

Ob die Joggerin die rote Ampel bewusst ignorierte oder zu sehr in ihren Lauf vertieft war, ist unklar. Fest steht: Am Abend des 11. Juli 2025 überquerte die 32-Jährige die Aachener Straße bei Rot. Eine stadtauswärts fahrende Stadtbahn der Linie 1 erfasste die Frau, als sie die Gleise querte. Sie erlitt schwere Kopfverletzungen und wurde ins Krankenhaus gebracht, der Fahrer der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) erlitt einen Schock.

Die Joggerin ist eine von insgesamt 182 Menschen, die im vergangenen Jahr in Köln bei Unfällen mit Stadtbahnen verunglückten. Das sind 27,3 Prozent mehr als im Vorjahr mit 143 Verunglückten. Wie schon 2024 kam auch im vergangenen Jahr eine Person im Zusammenhang mit Stadtbahnunfällen ums Leben. 2024 handelte es sich um einen Suizid, 2025 starb ein Mann bei einem Unfall am 16. Mai am Heumarkt. 28 Menschen wurden 2025 schwer verletzt.

KVB sieht strukturelle Ursachen

Dass die Zahlen steigen, beobachtet auch die KVB „mit Sorge“, wie Sprecher Thorsten Moeck sagt. Die Zahlen des Verkehrsunternehmens weichen allerdings etwas von denen der Polizei ab — unter anderem, weil nicht zu jedem Unfall die Polizei gerufen wird. Der Trend zeigt jedoch in dieselbe Richtung: Für 2024 verzeichnete die KVB 545 Unfälle, an denen ihre Straßenbahnen beteiligt waren – ein Negativrekord, wie aus der Ende vergangenen Jahres veröffentlichten Unfallstatistik hervorgeht. Zugleich verweist das Unternehmen darauf, dass die Zahl der Unfälle mit schwer verletzten Personen laut Unternehmensstatistik zurückgegangen sei.

Alles zum Thema Aachener Straße (Köln)

182 Menschen sind im vergangenen Jahr bei Unfällen mit Straßenbahnen verunglückt.

182 Menschen sind im vergangenen Jahr bei Unfällen mit Straßenbahnen verunglückt.

Für den grundsätzlichen Anstieg bei den Verunglückten sieht die KVB mehrere Ursachen. „Eine häufige Ursache für Verletzungen sind Stürze in den Bahnen. Wir beobachten, dass sich zunehmend Fahrgäste freistehend, also ohne sich einen festen Halt zu verschaffen, in unseren Bahnen aufhalten. Das bleibt häufig nicht ohne Folgen“, sagt Moeck. Hinzu komme, dass sich Fußgänger und Radfahrer durch Kopfhörer „von der Umwelt abschotten“ oder sich durch den Blick aufs Handy vom Verkehrsgeschehen ablenken ließen. Generell komme es häufig zu Gefahrenbremsungen, „weil andere Verkehrsteilnehmer gegen die Verkehrsregeln verstoßen und unachtsam oder bei Rotlicht die Gleise überqueren“.

Nach Einschätzung der KVB gibt es aber auch strukturelle Ursachen. „Generell gibt es in Köln keine durchgehende Trennung zwischen Schienen- und Individualverkehr. Auf allen zwölf Stadtbahn-Linien gibt es Bereiche, in denen sich die Gleise auf der Fahrbahn befinden“, sagt Moeck. Das führe immer wieder zu Unfällen – auch wenn die Fahrerinnen und Fahrer regelmäßig geschult und für Unfallschwerpunkte sensibilisiert würden.

ADAC: Fehlverhalten im Straßenverkehr ist das Kernproblem

Als solche Unfallschwerpunkte hätten sich in den vergangenen Jahren etwa der Messekreisel in Deutz und die Pipinstraße in der Innenstadt erwiesen. „An beiden Stellen war das verbotene Linksabbiegen von Fahrzeugen über die Gleise eine Hauptunfallursache“, sagt Moeck. An der Pipinstraße habe sich die Unfallhäufigkeit durch ein Hinweisschild auf die nächste reguläre Abbiegemöglichkeit zwar bereits deutlich verringert. Verbotene Linksabbieger seien aber in der ganzen Stadt ein Problem. „Bei solchen Unfällen trifft unser Fahrpersonal keine Schuld, zudem ist diese Art der Unfälle kaum vorauszusehen und daher schwer zu vermeiden“, so Moeck.

Auch die Statistik der Polizei weist in diese Richtung. In 50 der 182 Fälle aus dem vergangenen Jahr ermittelten die Beamten Autofahrer als Hauptunfallverursacher. In 13 Fällen war das Missachten einer roten Ampel die Hauptursache, in neun Fällen das Linksabbiegen.

Der ADAC sieht primär Fehlverhalten im Straßenverkehr als Kernproblem. „Die Zahlen der Polizei sprechen eine eindeutige Sprache“, sagt ein ADAC-Sprecher. „Das A und O bleibt, sich an die Verkehrsregeln zu halten. Der Blick in den Innen- und Außenspiegel sowie der Schulterblick vor dem Abbiegen minimieren die Gefahr, eine sich von hinten nähernde Straßenbahn zu übersehen.“ Gleichzeitig werde die Gefahr durch herannahende Straßenbahnen „häufig unterschätzt“, auch weil Autofahrer deren Geschwindigkeit – gerade im Dunkeln – schwer einschätzen könnten.

Der Sprecher verweist zudem auf infrastrukturelle Probleme. Besondere Vorsicht sei dort nötig, wo sich Straßenbahn- und Autoverkehr eine Spur teilen oder baulich nicht klar getrennt seien. In Köln nennt er dafür die Luxemburger Straße/Ecke Eifelwall in Richtung Barbarossaplatz sowie die Luxemburger Straße/Ecke Moselstraße in Richtung Sülz als Beispiele. Dort könne die Bahn für unaufmerksame Autofahrer „im Rücken“ auftauchen. Als Gegenmittel setzt der ADAC auf „Aufklärung und Sensibilisierung für Unfallrisiken“. Außerdem sollte die Gefahr durch Stadtbahnen „im Unterricht in den Fahrschulen noch stärker berücksichtigt werden“. An besonders gefährlichen Punkten bleibe „als letzte Möglichkeit nur eine bauliche Trennung der Fahrspuren“.

Die KVB verweist ihrerseits auf bereits umgesetzte Maßnahmen, um das Zusammenspiel von Stadtbahn und anderem Verkehr sicherer zu machen. Man habe in den vergangenen Jahren „sowohl bauliche als auch technische Veränderungen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit“ vorgenommen, sagt Moeck. So seien neben der Pipinstraße auch an der Venloer Straße/Westendstraße in Ehrenfeld Schilder installiert worden, die auf die nächste reguläre Linksabbiegemöglichkeit hinweisen. Auf dem Gotenring und der Siegburger Straße in Deutz sei zudem der straßenbündige Bahnkörper angehoben worden. Dadurch entstehe eine „deutliche optische Unterscheidung zwischen Fahrbahn und Bahnkörper“; die Zahl der Auffahrunfälle sei dort zurückgegangen.

Für die kommenden Jahre setzt die KVB vor allem auf neue Fahrzeuge und Assistenzsysteme. In den nächsten sechs Jahren wird etwa die Hälfte des Stadtbahn-Fuhrparks erneuert. Alle neuen Bahnen sollen mit einem Kollisionswarnsystem ausgestattet werden: Eine Kamera erfasst den Bereich vor der Bahn, eine Software erkennt Gefahrensituationen und warnt das Fahrpersonal optisch und akustisch. Zusätzlich ist ein Fahrsimulator für die Ausbildung vorgesehen, um das Niveau der Fahrerinnen und Fahrer weiter zu steigern.