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Ensemble MusikfabrikEin Musizieren in kompromissloser Zuspitzung

3 min
Musiker posieren vor einem Baustamm.

Das Kölner Ensemble Musikfabrik

Das Kölner Ensemble Musikfabrik brachte zwei Uraufführungen und einen mitreißenden Klassiker der Neuen Musik in die Philharmonie. 

Zuckerwatte ist klebrig, substanzlos und künstlich aufgebauscht – keine Eigenschaften, durch die sich ein Musikwerk besonders auszeichnen würde. Das hat den 2002 geborenen slowenischen Komponisten Alex Hren aber nicht davon abgehalten, seinem neuen Ensemblestück den Titel „Cotton Candy“ zu geben. Die Komposition klingt allerdings eher wie der Rummelplatz um die rosa Süßigkeit herum: Es gibt scharf akzentuierte Fanfaren und Hymnenfragmente, schnatternde, plärrende Schnellfiguren im Blech.

Alex Hren, der zurzeit bei Miroslav Srnka an der Kölner Musikhochschule studiert, wurde 2025 mit dem Kompositionspreis des mittlerweile weitgehend abgewickelten Acht-Brücken-Festivals ausgezeichnet, ebenso seine 1991 geborene polnische Kollegin Żaneta Rydzewska. Auch sie hat ihr Studium unter anderem in Köln absolviert (bei Brigitta Muntendorf), war 2019 Trägerin des Bernd-Alois-Zimmermann-Stipendiums und lehrt mittlerweile an der Chopin-Universität in Warschau.

Die Sopranistin Viktoriia Vitrenko hielt den Saal in atemloser Spannung

Bei ihrem neuen Stück „Superheroines“ fällt gleichfalls ein ironisch gebrochenes Verhältnis zwischen Titel und Wirkung ins Ohr: Rydzewskas Superheldinnen bewegen sich meist diskret und schemenhaft im Schatten; man hört Atemgeräusche und mikrotonale Verschleifungen, kaum einmal werden konkrete Töne angesteuert. Am Ende übernehmen Spieluhren das Regiment und das Stück verflüchtigt sich vollends in den Äther.

Beide Novitäten zeichnen sich durch eine sehr eigenwillige und zielgerichtete Klangphantasie aus – aber eben auch durch das präzise Wissen, wie man die angepeilten Farben und Schattierungen bei einem durchgehend solistisch besetzten Ensemble aus knapp zwei Dutzend Musikern erwirkt. Dass in der Philharmonie nun gerade die ausgefuchsten Spezialisten des Ensembles Musikfabrik an den Pulten saßen, war für die beiden Ausgezeichneten natürlich ein besonderer Glücksfall: So artistisch inspiriert, so leichtgängig virtuos selbst in den entlegensten Spieltechniken werden sie die Premieren ihrer neuen Stücke vermutlich nicht immer erleben.

Viktoriia Vitrenko schaut in die Kamera.

Viktoriia Vitrenko

Am Pult stand mit dem ehemaligen Kölner GMD Markus Stenz ein überaus erfahrener Geburtshelfer der Neuen Musik. Den beiden Youngsters stellte er einen der dienstältesten Vertreter der Avantgarde gegenüber: Der Ungar György Kurtág hat im Februar seinen 100. Geburtstag gefeiert. Seine „Botschaften des verstorbenen Fräuleins R. V. Trusova“ (1976–80) nach Versen der russischen Lyrikerin Rimma Dalos sind ein Zyklus überaus fein gearbeiteter, luzider Miniaturen, in dem sich die Geschichte einer intensiven, aber scheiternden Liebesbeziehung abzeichnet

So gestaltete ihn auch die ukrainische Sopranistin Viktoriia Vitrenko, die von kehliger Brusttiefe bis zu einem nurmehr auf den Stimmrändern balancierenden Höhenregister ein beeindruckend weites Klangspektrum entfaltete und dazu die jähen Brüche zwischen Singen, Schreien und Lachen zu einem fesselnden Charakterporträt formte. Die kleinteilige Werkstruktur, das beständige Ab- und Ansetzen nötigte allen Beteiligten ein hohes Maß an innerer Sammlung und wacher Kommunikation auf. Das Ergebnis war ein Musizieren, das in seiner Intensität und kompromisslosen Zuspitzung den Saal über eine halbe Stunde hinweg in atemloser Spannung hielt.