Mahlers Erste, Anna Thorvaldsdóttir und Grund zum Fremdschämen beim Gürzenich-Konzert in der Kölner Philharmonie.
Gürzenich-OrchesterIntensives Konzert mit Smartphone-Intervention

Andrés Orozco-Estrada, Dirigent des Kölner Gürzenich-Orchesters, vor der Kölner Philharmonie
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Musikalische Weltentstehungen gibt es in der Geschichte der Tonkunst immer wieder. Das Gürzenich-Orchester stellt im jüngsten Abokonzert unter seinem Chef Andrés Orozco-Estrada gleich zwei von ihnen vor – eine sehr bekannte und eine (weil erst vor acht Jahren uraufgeführte) weitgehend unbekannte. Mit letzterer, „Metacosmos“, aus der Feder der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdóttir, begann das Programm. Ganz allmählich füllen sich hier über Liegebässen die Oktaven mit motivischem Material. Im Zuge dieser Gestaltwerdungen geht auch die zunächst dissonant-atonale Schreibweise in ein – vom Dirigenten so nachdrücklich wie erfolgreich eingefordertes – neoromantisches Espressivo der Streichergruppen über. Gegen Schluss scheint ein echter Klagegesang angestimmt zu werden. So oder so erklingt jedenfalls aus dem Riesenorchester keineswegs jene Hardcore-Avantgarde, die die Leute tendenziell aus dem Saal treibt.
Eine Weltwerdung zeitigt auch der Beginn von Mahlers erster Sinfonie, die als finales Werk nach der Pause erklingt. Auch hier die leeren Oktaven, in die dann beharrlich die Quarten als Naturlaute hineintönen – so weit weg davon ist Thorvaldsdóttir in der Tat nicht. Das Orchester, am Sonntagmorgen in bester Form, stellte den Spannungsbogen des Werkes über Auf- und Abbrüche bis hin zum triumphalistischen Ende überzeugend-beifalltreibend hin.
Das Verhalten von Teilen des Publikums ließ zu wünschen übrig
Orozco-Estrada ließ sich bei vital-energischer Stabführung hinsichtlich dieser Effekte nicht lange bitten: Die berühmten Durchbruchsstellen zum Beispiel kamen mit all jener quälenden Intensität, die sie tatsächlich brauchen. Gleichzeitig waren die kontrapunktisch-raumklanglichen Motivschichten mit großer Deutlichkeit und Prägnanz zu hören. Und eindringlich erstanden auch die typischen Mahler-Charaktere – österreichischer Ländler, Kondukt und sentimentale Trivialmelodik. Schwer zu sagen, inwieweit bei letzterer bereits die für den Komponisten typische ironische Uneigentlichkeit am Werk ist. Diesbezüglich ließ sich auch der Dirigent nicht in die Karten gucken: Die Stellen kamen mit der nämlichen Inbrunst wie alles andere.
In der Mitte der Agenda stand Saint-Saëns’ erstes Cellokonzert – ein Werk mit origineller Formkonzeption (Einsätzigkeit in der Dreisätzigkeit), dessen Substanz man nicht zu überschätzen braucht. Der französische Cellostar Gautier Capuçon machte das erdenklich Beste daraus – mit geschmeidigster Virtuosität, wo sie angezeigt ist, und einem erfüllten kantablen Piano etwa im lyrischen Seitenthema. Der Mann muss dabei nicht schwitzend auftrumpfen, die kontrolliert-gelassene Noblesse seines Tons dominierte den kompletten Auftritt.
Als Zugabe ließ der Solist dann noch „Towards the forest“ aus der Feder des US-Komponisten Bryce Dessner hören, ein repetitiv-kontemplatives Stück, aus dessen Bariolagen sich eine in sich kreisende engschrittige Melodik entfaltet. Das Stück erheischt vonseiten der Zuhörer Stille, jedenfalls auf keinen Fall bellenden Husten und eine stimmungsvolle Smartphone-Intervention. Überhaupt ließ, jedenfalls am Sonntagmorgen, das Verhalten von Teilen des Publikums zu wünschen übrig: Orozco-Estrada hatte charmant, aber doch unmissverständlich kundgetan, dass er Klatschen zwischen den Mahler-Sätzen eher nicht goutiert. Etlichen Zuhörern war das allerdings völlig egal. Wer sich auf einen Morgen mit schöner Musik gefreut hatte, kam somit genauso auf seine Kosten wie ein Besucher mit Fremdschamneigung.
