Der Chor des Bach-Vereins sang in der Kölner Philharmonie Berlioz' selten gehörtes Requiem. Da gingen die Meinungen scharf auseinander.
Bach-Verein KölnMuss man dieses Stück heute noch singen?

Gut aufgestellt: Der Bach-Verein Köln
Copyright: Johannes Toennies
Nach der Aufführung ergaben sich im Publikum lebhafte Diskussionen über die Qualität der gerade gehörten Komposition. Das ist üblicherweise nicht so, war diesmal aber nachvollziehbar: Hector Berlioz’ frühe „Messe solennelle“ von 1824, die (als sein Erstlingswerk) als verschollen galt und erst 1991 wiederentdeckt wurde, erlebt so selten eine Darbietung, dass sich der Urteilsblick genauso auf das Stück selbst wie die jeweilige Aufführungsgüte erstrecken mag. In der Kölner Philharmonie waren die Ansichten nach dem einstündig pausenfreien Konzert von Bach-Vereins-Chor und Gürzenich-Orchester unter Christoph Siebert scharf geteilt, schwankten zwischen „großartig“ und „furchtbar“.
Der Schreiber dieser Zeilen bekennt sich zu seinem grundständigen Mangel an Enthusiasmus – und glaubt, dafür auch diskutable Gründe zu haben. Das Werk, zeitlich übrigens im unmittelbaren Umfeld von Beethovens „Missa solemnis“ entstanden, zerfasert in einem kleinteiligen Wechsel verschiedener Kompositionstechniken (darunter einer Doppelfuge und anderer Kontrapunktik) und Stile. Es sucht eine bombastisch-exzentrische Grandiosität, die es aber nicht ausfüllt, setzt auf knallige Effekte, denen herzige Trivialitäten (Liedmäßiges mit stereotypen Tonika/Dominante-Wechseln) folgen. Auch die Textvertonung ist gesucht bis abstrus – etwa bei den gehackten Terzpendeln bei „adoramus te“ und „benedicimus te“. Das schließlich für die Aussage des katholischen Messordinariums nicht unwesentliche „Dona nobis pacem“ wird beiläufig abgehakt. Emotionale Beteiligung oder gar Ergriffenheit will da beim Zuhören kaum aufkommen.
Es hapert an den vokalen Spitzen
Muss man dieses Stück überhaupt heutzutage auf die Agenda nehmen? Leider drängt sich diese Frage auch angesichts der Aufführung als solcher auf. Die Messe ist schwer zu singen, fordert in ihren permanenten Ausdruckswechseln auch einem guten Chor ein Höchstmaß an Konzentration, Beweglichkeit, Souveränität der technischen Performance ab. Die bringt der Bach-Chor im Prinzip auf: Der Sound ist fokussiert, rhythmisch federnd, kernig, körperhaft im Zugriff; die Artikulation sitzt, und das Gegeneinander der Stimmgruppen – etwa von Sopran und Bass – zeitigt immer wieder im Sinne eines dramatischen Raumklangs eindrucksvolle Resultate.
Hapern tat es vor allem an einer freien, unforcierten, intonatorisch zufriedenstellenden Präsentation der vokalen Spitzen. Klar, der Sopran war da wahrlich nicht zu beneiden: Dauernd hohe G’s und A’s, und die oft genug nicht etwa in der Linie, sondern exponiert und ungeschützt am Phrasenbeginn und teils auch noch ganz leise – das würden auch viele Profi-Ensembles nicht ohne weiteres hinbekommen. Zum Problem aber wurde in diesem Fall vor allem das wiederholte Patzen gerade an den markanten Stellen. Das blieb halt beim Zuhörer einfach hängen und schädigte unweigerlich den Gesamteindruck.
So wird man die oben formulierte Frage am Ende wohl doch mit „ja“ beantworten müssen. Das Risiko, sich an einem Stück wie diesem zu verheben (um welchen Preis?), sollte ein potenter Laienchor wie der Bach-Verein auch bei der lobenswerten Suche nach Repertoire-Nischen abseits der Händel-Bach-Haydn-Mendelssohn-Heerstraße tunlichst vermeiden.
Leider waren die übrigen Beteiligten nur bedingt Pluspunkte der Aufführung: Die – nicht sonderlich geforderten – Solisten (die Sopranistin Sofia Poulopoulou, der Tenor Fabián Lara und der Bassist Valentin Ruckbier) kamen allesamt stimmlich an Grenzen, und das – derzeit allerdings an mehreren Fronten stark geforderte – Gürzenich-Orchester wartete, böse formuliert, mit einer B-Formation auf, die es an Spielbrillanz und -homogenität, auch an Feinkoordination mit dem Chor fehlen ließ.
