Abo

Interview

Ewa Bogusz-Moore
„Man muss um die Zuhörer schon kämpfen“

6 min
Ewa Bogusz-Moore steht vor einer Treppe.

Ewa Bogusz-Moore, Intendantin der Kölner Philharmonie 

Philharmonie-Intendantin Ewa Bogusz-Moore über das neue Programm, das Acht-Brücken-Festival, Kunst-Boykotte und Kamelle-Schmeißen.  

Frau Bogusz-Moore, Sie sind jetzt ein Dreivierteljahr in Köln. Haben Sie sich hier schon eingelebt?

Sehr gut, ich habe eine Wohnung gefunden, mache das meiste hier mit dem Fahrrad. Also, Köln ist wirklich eine Stadt, in der man gut leben kann.

Wo wohnen Sie?

Im Belgischen Viertel, also mittendrin – mit all den Cafés, wo die Leute jetzt draußen sitzen. Eine quirlige, lebendige Atmosphäre. Hier im Haus spüre ich viel positive Energie, habe natürlich auch ein ausgezeichnetes Team.

Köln ist nach London und Kattowitz für Sie eine neue Erfahrung, an die Sie zweifellos bestimmte Erwartungen geknüpft haben. Was hat sich davon erfüllt, was nicht?

Was den Vergleich mit Kattowitz anbelangt: Die Menschen dort sind auch nett, aber vielleicht nicht so offen wie in Köln, so positiv neugierig. Die Leute hier möchten mehr wissen, fragen mehr. Unsere Künstler sind immer wieder erfreut über den Enthusiasmus, die Begeisterungsfähigkeit des Kölner Publikums.

Wir wollen neue Gewohnheiten des Konzertbesuchs entwickeln
Ewa Bogusz-Moore

Was ist in Köln und seiner Philharmonie strukturell anders als in Kattowitz?

Das Angebot in Köln ist zweifellos größer. Auch das Budget, so dass wir mehr internationale Künstler einladen können. In Kattowitz hatten wir ein Residenzorchester – das nationale Rundfunkorchester. Hier haben wir zwei. Dann hat Köln diesen imposanten Unterbau einer dichten und pulsierenden freien Szene. Die gibt es in anderen Städten, auch Metropolen, so nicht. Ich erwähne nur mal die vielen Chorgemeinschaften. Das bilden wir ja auch ab – etwa mit unseren Chorkonzerten. Im Prinzip ist der Philharmonie-Betrieb allerdings nicht so sehr von dem anderer Häuser verschieden. Das hat mit der Internationalität des Konzertbetriebs zu tun – jedenfalls in dieser Liga. Es gibt da überall die nämlichen Bedingungen und Ambitionen. Genauer: die Herausforderung, Internationalität und Lokalität miteinander zu verbinden.

Im Zuge der Corona-Krise hat sich die Philharmonie geleert, und ein Teil des Publikums ist danach nicht wiedergekommen. Aber auch das ist ja überall mehr oder weniger dasselbe.

Ja, in der Tat, das ist eine der aktuellen Herausforderungen. Wir können heute nicht mehr einfach nur vielfältige und schöne Musik anbieten, man muss um die Zuhörer schon kämpfen. Fangen wir mal mit dem Ticketverkauf an: Die Lage unserer Konzertkasse in der Bechergasse ist suboptimal. Ich möchte die Abendkasse wieder in das Philharmoniegebäude selbst zurückholen. Wenn wir Zugangsschwellen senken wollen, müssen wir mit solchen Dingen – der Erleichterung des Kartenkaufs – anfangen.

Ein Dauerbrenner sind neue, Publikum ziehende Veranstaltungsformate. Was haben Sie diesbezüglich auf der Pfanne?

Also, prinzipiell bleibt die Struktur unseres Programms erhalten. Aber wir spezifizieren einige Formate, wollen damit auch neue Gewohnheiten des Konzertbesuchs entwickeln. Zum Beispiel wollen wir die „Sonntags um vier“-Konzerte explizit als Familienkonzerte aufziehen – moderiert und ohne Pause, vom Programm her vielleicht etwas zugänglicher als das übliche 20-Uhr-Konzert. Beide sollen auf ihre Kosten kommen, die Eltern und die Kinder.

Dann das „Come closer“-Konzept im Fall der Kammermusik.

Wir brauchen Kammermusik, aber sie bedarf einer Atmosphäre der Intimität. Dafür ist unsere Philharmonie tendenziell zu groß. Was kann ich machen? Ich kann das Publikum näher an die Musiker und Musikerinnen heranbringen, auch hier wieder zum Beispiel mit Moderation eine besondere Verbindung herstellen.

Wir werden nach der Unterbrechung in der laufenden Spielzeit 26/27 mit „Acht Brücken“ weitermachen
Ewa Bogusz-Moore

Schließlich die vier „Klangraum-Kaukasus“-Konzerte im Mai/Juni 2027…

Ja, damit legen wir den Akzent auf einen bestimmten geografischen Raum, in diesem Fall auf Armenien und Georgien, woher auch die Musiker und Ensembles kommen. Das ist eine hochinteressante, aber bei uns wahrscheinlich noch wenig erschlossene Musiklandschaft, bei deren Präsentation es um Geschichte, Kultur und Mythologie gleichermaßen geht.

Sie sahen sich gleich nach ihrem Einstieg in Köln mit unschönen Dingen konfrontiert: dem Ende des Neue Musik-Festivals „Acht Brücken“ und dem Ende des Originalklang-Festivals „Felix“, jedenfalls in der gewohnten Ausdehnung und Ausstattung…

Also zunächst zu „Acht Brücken“: Natürlich war das Aus für mich keine schöne Situation – die Diskussion wurde allerdings ja schon lange geführt. Wir werden nach der Unterbrechung in der laufenden Spielzeit 26/27 mit „Acht Brücken“ weitermachen – bei auf fünf Tage gekürzter Dauer und Integration ins laufende Programm –, aber die Akzente anders setzen. Das hat nicht nur mit dem Ausfall der finanziellen Förderung seitens der Stadt zu tun – wir sind diesbezüglich übrigens in guten Gesprächen mit den Sponsoren –, sondern auch mit konzeptuellen Veränderungen. Wir wollen auch hier die Verbindung zur Freien Szene in Köln stärken – da ist die Neue Musik ja bekanntlich sehr präsent – und das Ganze räumlich und inhaltlich auf das Zentrum, zumal die Philharmonie, konzentrieren. Ein Signal: Der Titel wird ein anderer sein – nicht mehr „Acht Brücken – Musik für Köln“, sondern „Acht Brücken – Musik in Köln“. Wir wollen damit sagen: Neue Musik ist in Köln kein Import, sondern etwas, das aus der Stadt und ihrer Tradition selbst kommt.

Was heißt das konkret?

Es soll in der ersten Ausgabe 2027 um „Stimmen“ gehen. Zu diesen diversen Stimmen gehört zum Beispiel auch der Karneval. Ich bin ja im Rosenmontagszug mitgefahren, und das war schon eine sehr besondere Erfahrung. Ich dachte, als man mir sagte, ich müsse jetzt sechs Stunden lang Kamelle schmeißen, das sei ein Witz. Aber es waren dann wirklich sechs Stunden – und es war unglaublich toll. Also: Wir werden bei „Acht Brücken“ keine Künstlerporträts und allgemeinen Rahmenthemen mehr machen, sondern jeweils mit einem eindeutig Köln-bezogenen Thema aufwarten – natürlich unter der Leitfrage: Was heißt heute „aktuelle Musik“?

Ich dachte, als man mir sagte, ich müsse jetzt sechs Stunden lang Kamelle schmeißen, das sei ein Witz
Ewa Bogusz-Moore

Nun ja, eine Verbindung von „Mer losse der Dom in Kölle“ und dem Betätigungsfeld etwa der Musikfabrik stelle ich mir ziemlich schwierig vor. Das sind doch Sphären, die wenig miteinander zu tun haben – um es einmal so zu sagen.

Na, warten Sie es ab. Ich möchte viele Möglichkeiten ausprobieren. Neue Musik ist nicht nur Darmstadt und Donaueschingen. „Karneval“ und „Musikfabrik“ sind dabei ja auch nur die extremen Pole. Wir werden dazu im Oktober Details vorstellen.

Und das Festival „Felix“?

Statt des Festivals im Spätsommer bieten wir nun ein Original-Klang-Wahlabo an mit Konzerten über die gesamte Saison. Die Terminierung zu Beginn der Spielzeit war von der Vermarktung her nicht ganz ideal.

Aber Sie haben mit „In Motion“ ein neues Festival – vom 28. bis 31. Oktober – in petto?

Ja, das hat mit den innovativen Formaten zu tun, über die wir schon sprachen. Es geht darum, das zu aktivieren, was sich zwischen Musikern und Publikum abspielt. Was passiert eigentlich mit unseren Körpern, wenn wir – Musiker wie Publikum – die musikalischen Vibrationen erleben? Ich kenne das als Cellistin mit meinem Instrument. Das Scottish Ensemble zum Beispiel ist mit dabei und bekannt dafür, dass und wie es klassische Musik durch Bewegung und Choreografie neu interpretiert. Es gibt auch ein Tanzfinale, das dann das Publikum in Bewegung setzt.

Eine leidige, aber leider immer noch aktuelle Frage: Wie verfahren Sie bei der Einladung russischer Künstler?

Also, ich will das nicht so handhaben wie in Polen, wo es nur Schwarz und Weiß gibt und sogar keine russischen Komponisten mehr gespielt werden. Das ist völlig verkehrt – was kann Tschaikowsky für Putin? Tatsächlich müssen wir auch bei den auftretenden Künstlern von Fall zu Fall entscheiden – es gibt da eben kein Schwarz und Weiß. Das ist eine schwierige Materie. Das Problem kann sich übrigens bei israelischen Musikern je nach dem auch stellen. Also: Kultur existiert nicht in Blasen, sondern im wechselseitigen Austausch. Und sie hat die Kraft, Brücken zu bauen, wenn dieser schreckliche Krieg einmal vorbei ist.

Wie stehen Sie zu Touren internationaler Orchester in der Klimakrise – da die Vielfliegerei ja nun unstrittig auch einen tiefen ökologischen Fußabdruck zeitigt? Kann man heute noch die „Big Five“ aus den USA einladen?

Eine komplexe Sache. Die Orchester versuchen ja schon, wenn möglich, mit dem Zug zu reisen. Klar, aus Amerika geht das nicht. Es geht um die Balance. Tatsächlich müssen wir nicht alle Welt-Spitzenorchester hier haben. Aber wenn das Chicago Symphony für fünf Konzerte nach Europa kommt und dann eh schon hier ist – dann wäre es merkwürdig, wenn ausgerechnet die Kölner Philharmonie sich einer solchen Besuchsoption verweigerte. Für unsere Reputation sind solche Konzerte schon wichtig. Symbolik, Geld, Klima – das alles müssen wir irgendwie zusammenbekommen. Das macht unsere Arbeit ja auch so interessant.


Ewa Bogusz-Moore, 1975 im polnischen Glogów geboren, ist seit August 2025 als Nachfolgerin von Louwrens Langevoort Leiterin der Kölner Philharmonie. Nach ihrem Cello-Studium in Breslau arbeitete sie als Kulturmanagerin in Großbritannien. Von 2018 bis 2025 war sie General- und Programmdirektorin des Nationalen Symphonieorchesters des Polnischen Rundfunks in Kattowitz.