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Tanzschule van HasseltMit Krönchen und Quadrille – So läuft der Debütantenball im Kölner Gürzenich

7 min

Mehrmals im Jahr findet der aufwendige Ball statt. Jugendliche bereiten sich drei Monate lang darauf vor.

„Zuerst wollte ich eigentlich gar nicht mitmachen,“ sagt Joscha (15). „Aber dann haben sich so viele aus meiner Klasse angemeldet. Und die, die letztes Jahr dabei waren, haben erzählt, dass der Ball ein schönes Event ist. Und dass es hier in der Tanzschule  gute Partys gibt.“

Joschas Tanzpartnerin ist Emilia (15), die beiden haben sich beim Kurs in der Tanzschule van Hasselt in Lindenthal kennengelernt. „Ich wollte von Anfang an dabei sein. Wir hatten Angst vor einem Mädchenüberhang und haben deshalb noch viele Jungs aus unserer Klasse angeworben.“

Die Fledermausquadrille wird in der Tanzschule van Hasselt geprobt, in der Mitte der linken Seite tanzen Emilia und Joscha. In dem Saal mit der Discobeleuchtung werden auch Partys gefeiert.

Die Fledermausquadrille wird in der Tanzschule van Hasselt geprobt, in der Mitte der linken Seite tanzen Emilia und Joscha. In dem Saal mit der Discobeleuchtung werden auch Partys gefeiert.

Emilia hat schon ihre glitzernden Ballschuhe an, um sie einzulaufen. Es sind noch zwei Wochen bis zum großen Tag: dem Debütantenball im Gürzenich. Und das bedeutet vor allem: noch zwei Wochen bis zur Fledermausquadrille zur Musik von Johann Strauss, bei der die Tanzpaare in einer verschachtelten Choreographie möglichst elegant übers Parkett schweben sollen. Ein bisschen Wiener Opernball, ein bisschen „Bridgerton“-Feeling, Tanzen als arrangierte Gelegenheit für Körper- und Blickkontakt.

„Debütantenball“ klingt viel besser als „Abschlussball“

Im Saal der Tanzschule, der aussieht wie eine Disco und für Partys auch als solche genutzt wird, wird der Auftritt seit drei Monaten durchgespielt. Tanzlehrer Marcel (23) – Hoodie, Basecap und Nasenring – gibt die Kommandos über Mikrofon: „Bitte drei Spaliere bilden, Rück, Platz und Seite wechseln. Und Kolonne und zueinander gehen und diagonal. Schräg vor und zurück. Rechte Hand und linke Hand und Promenade.“

Volle Tanzfläche bei der Quadrille

Volle Tanzfläche bei der Quadrille

Die Schülerinnen und Schüler tragen Jeans, fast alle Mädchen haben lange Haare. Es wird noch viel gekichert, nicht alles klappt. Die Jugendlichen kommen vor allem von Gymnasien, sie besuchen die 8. oder 9. Klasse und sind 14, 15 Jahre alt. In den Schulen gehen regelmäßig Listen herum, in denen sich die Interessenten eintragen können.

Seit etwa zehn Jahren macht van Hasselt das ganz große Kino mit der Quadrille. „Davor wurden die Bälle mit einem Wiener Walzer eröffnet. Jetzt ist es wirklich eine schöne neue Tradition“, sagt Bettina van Hasselt. Und „Abschlussball“ klinge so nüchtern. „Debütantenball“ hört sich doch nach mehr an. Die Nachfrage sei ungebrochen und steige in den letzten Jahren sogar. „Trotz gemischter Klassen: Der Tanzkurs ist oft das erste Mal, dass Jungen und Mädchen etwas gemeinsam machen. Und hier können sie Partys feiern, für 14-Jährige gibt es ja sonst eigentlich nichts, wo sie hingehen können. Hier entstehen Freundschaften und Cliquen, die oft ein Leben lang halten.“

Emilia und Joscha bei der Quadrille

Emilia und Joscha bei der Quadrille

Kölns „gute Stube“, der Gürzenich, sei alternativlos für den Ball: Hier gibt es tanzbaren Parkettboden und der große Saal fasst 1000 Menschen – 300 Tanzschüler aus mehreren Kursen und deren Eltern, manchmal kommen auch Geschwister oder Großeltern mit.

Doch erstmal muss Tanzlehrer Marcel weiter Anweisungen geben: „Gerade in die Mitte, schräg rechts, Platzwechsel und Rundgang, zueinander gehen, Partnerwechsel und jetzt schneller. Plätze tauschen mit dem Gegenüber. Damenkette.“ Manche Jungs haben noch Kindergesichter, es gibt kleine und ganz große Jungs. Bettina van Hasselt sagt: „Mädchen sind oft schon fertig, die Jungs sind noch im Werden. In den drei Monaten kann man sehen, wie sie sich entwickeln.“

Wörter wie Digga oder Bruder sind beim Ball verboten

Die Musik wird immer schneller, der Schlusspunkt naht. „Und den Partner vor sich werfen und knien und die Jungs runter mit dem Kopf“, ruft Marcel. Das heißt: Im Schlussbild kniet das Mädchen, der Junge macht eine tiefen Diener und reicht ihr die Hand. „Ganz wichtig: Beim Ball erst wieder aufstehen, wenn der Applaus vorbei ist.“

Nach dem Tanztraining folgt der Benimmkurs. Eine Anweisung von Marcel, die man auf viele Lebenssituationen anwenden kann: „Wenn ihr lost seid, nicht panisch im Spalier herumlaufen, denn dann fällt es recht auf. Kurz durchatmen, gucken, wo man ist und wieder einreihen.“ Und dann die Begrüßung, zum Beispiel, wenn man die Eltern der Tanzpartner oder des -partners trifft. Linke Hand aus der Hosentasche, Hand reichen, Vor- und Nachnamen nennen, Augenkontakt. „Auf die Ohrringe oder die Krawatte schauen ist kein Blickkontakt.“ Wörter wie Digga oder Bruder wolle man an dem Abend nicht hören. Gekicher im Saal.

Und die Schuhe: Auch wenn die noch so drücken, die Jungs müssen sie den ganzen Abend anbehalten und dürfen sie nicht gegen Sneaker austauschen. Die Mädchen dürfen dagegen für den Notfall schöne Sandalen oder Ballerinas mitnehmen.

Farblich abgestimmt: Emilias weinrotes Kleid und Joschas Krawatte

Farblich abgestimmt: Emilias weinrotes Kleid und Joschas Krawatte

Am Schluss der Stunde bekommen die Mädchen schon einmal ihre Krönchen für den Ball. Emilia nimmt es begeistert aus der Hülle. Bettina von Hasselt erzählt: „Wir haben lange nach dem richtigen Krönchen gesucht. Es darf nicht drücken, es muss glitzern, aber auch wertig aussehen.“ Emilia setzt es auf und strahlt. Den weißen Fächer gibt es erst kurz vor dem Ball. „Sonst ist er bis dahin nicht mehr ganz“, weiß Bettina van Hasselt aus Erfahrung.

Die Krawatte hat der Vater gebunden

Zwei Wochen später: Der große Abend ist da. Feenhafte Mädchen in langen Kleidern (Schleppe verboten) und Fächern, Jungs, die in Anzügen auf einmal ganz anders aussehen, und feingemachte Eltern schwirren durch den Gürzenich. „Die Generalprobe um 17 Uhr verlief erschreckend gut“, sagt Bettina van Hasselt und lächelt. Emilia trägt ein weinrotes Kleid, die eingetanzten Glitzerschuhe und ihr Krönchen auf den hochgesteckten Haaren. „Heute um 14 Uhr hatte ich noch einen Friseurtermin. War ein bisschen knapp, aber hat alles gut geklappt.“ Joscha trägt eine auf ihr Kleid farblich abgestimmte Krawatte. „Die hat mein Vater gebunden, aber ich kann es jetzt auch.“ Im schwarzen Anzug – es ist sein erster – fühle er sich wohl: „Es gibt ja nicht so viele Gelegenheiten für Jungs, um sich mal richtig schick zu machen. Bei den Schuhen habe ich etwas Angst, dass ich am Ende eine Blase habe.“ Worauf sich die beiden am meisten freuen: Auf die Afterparty nach dem offiziellen Teil.

Bettina van Hasselt führt durch den Abend.

Bettina van Hasselt führt durch den Abend.

Joschas Eltern sagen: „So ein Ball ist ein sehr schöner Anlass. Das ist wirklich etwas Außergewöhnliches für die Jugendlichen.“ Emilias Eltern waren extra beim Elterntanzkurs, den es bei van Hasselt zur Ballvorbereitung gibt. „Da bin ich mit großer Angst reingegangen“, sagt der Vater und lacht. „Früher, als wir an der Sporthochschule waren,  haben wir viel getanzt, Sirtaki und so. Der Rhythmus ist da, aber die Schritte?“ Mit der Tochter habe er öfter geprobt: „Immer in den Werbepausen von ‚Let’s Dance‘.“ Und Emilias Mutter sagt: „Eben war sie noch ein kleines Baby. Und jetzt eine junge Dame.“

Die Quadrille läuft ohne Patzer ab

Es sind die Eltern, die zuerst tanzen. Bettina van Hasselt ruft sie zu Walzer, zum Discofox zum Hit „Stumblin‘ In“ und zur Discosamba auf. „Das ist der Einheitsschritt, der einfachste Tanz.“ Seit ran, Seit ran, ohne Hüftbewegungen.

Dann folgt der feierliche Einzug der Debütanten und die Quadrille beginnt, sie dauert fast zehn Minuten. Jetzt kichert keiner mehr. Die Gesichter, auch die von Emilia und Joscha, sind konzentriert. Eltern filmen, jüngere Geschwister staunen.  Diagonale, Seit rück, Seit rück, Damenkette, Promenade, immer schneller. Und schließlich der große Schlussmoment mit den knieenden Mädchen und den Jungs in Dienerhaltung. Der Applaus ist lang, die Jugendliche verharren wie gelernt in ihren Haltungen. Die Quadrille hat ohne Patzer geklappt. Niemand war lost im Spalier.

Spalierstehen ist Teil der Quadrille.

Spalierstehen ist Teil der Quadrille.

Emilia strahlt und vergleicht mit anderen Mädchen die Fotos vom Tanz: „Das war cool. Ich weiß gar nicht, ob irgendwo etwas schiefgegangen ist, ich habe mich sehr auf uns konzentriert. Es war heiß unter den Scheinwerfern, aber sehr schön.“ Joscha ist in der Menge verschwunden. Er muss überraschend mit der zweiten Gruppe noch einmal die Quadrille tanzen, weil plötzlich einige Jungs fehlen.

Bis zwei Uhr bleiben die beiden und ihre Eltern auf dem Ball. Emilia hat tapfer ihrer Tanzschuhe anbehalten. Die meisten Mädchen seien aber spätestens um Mitternacht auf Ballerinas umgestiegen, berichtet sie am nächsten Tag. Bei der Afterparty wurde der Paartanz aufgehoben und es durfte „gezappelt“ werden. „Bei Kasallas ‚Stadt met K‘ bebte das Parkett“, erzählen Emilia Eltern. „Ein toller Abend für uns alle. Wir freuen uns schon auf den nächsten Ball in zwei Jahren, wenn unser Sohn an der Reihe ist.“

Joscha berichtet: „Es war anstrengend, in dem Anzug mit Hemd und T-Shirt drunter wurde es auch sehr heiß. Aber es war sehr schön und hat Spaß gemacht.“ Eine Blase hat er sich nicht getanzt, obwohl die letzte Stunde schon hart gewesen sei.

Bei van Hasselt beginnen nach den Sommerferien viele neue Kurse für Debütanten. Im Herbst gibt es dann sechs Bälle im Gürzenich samt Fledermausquadrille, Krönchen und Blasen. Emilia und Joscha überlegen nun, ob sie einen Aufbaukurs besuchen. „Da gibt es nur leider am Ende keinen Ball.“