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Neues Album mit 88So trauert Irmin Schmidt um seine Kölner Bandkollegen von Can

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Irmin Schmidt, letzter lebender Mitgründer der weltberühmten Kölner Band Can veröffentlicht mit 88 Jahren noch einmal ein neues Album

Irmin Schmidt, letztes lebendes Gründungsmitglied der legendären Kölner Band Can, hat ein Requiem veröffentlicht.

Frösche quaken im Chor, dazu lauscht man dem Mistral, der den Wasserspiegel eines Teiches kräuselt, ganz leise auch einem Windspiel. Und, am prominentesten, dem Gesang einer Nachtigall. „Les Rossignols“, „die Nachtigallen“, lautet denn auch der Name von Irmin Schmidts Anwesen in der Provence. Die Field Recordings, mit denen „Requiem“, Schmidts neues Album, anhebt, hat der bald 89-Jährige in seinem südfranzösischen Garten aufgenommen.

Anderthalb Minuten lang haben die Ohren nicht mehr zu tun, als sich an den Soundtrack der Natur zu gewöhnen, dann erklingt ein kleines Klaviermotiv aus fünf Noten, ähnlich jenem, mit dem „Promises“, Pharoah Sanders letzte Veröffentlichung zu Lebzeiten, beginnt – ein langes Ambient-Stück, das der Jazz-Saxofonist 2021 zusammen mit dem britischen Elektroniker Floating Points aufgenommen hat.

Als ginge ein Messermörder im Provence-Garten umher

Aber für unaufdringliche Ambientmusik wird es in Schmidts zweiteiligem „Requiem“ schon bald zu ungemütlich. Ein Frühlingsregen prasselt auf die Erde und mit ihm einzelne, atonale Klaviertöne. Der Regen wird zum Schauer, begleitet von einem insistierend-anschwellendem Ton, der sich schließlich in einem lauten Schlag aufs präparierte Klavier entlädt – wie man ein Klavier präpariert, das hatte Irmin Schmidt dereinst von John Cage gelernt. Als ginge ein unaufhaltsamer Messermörder aus einem Slasher-Film im Provence-Garten umher. Kurz darauf folgt ein wellenförmiges Grollen, als befände sich ein alles zermalmendes Monster im Anmarsch.

Mit anderen Worten: Die florale Idylle trügt, es handelt sich um eine Totenmesse. „Requiem“, verrät der Beipackzettel, sei eine Arbeit über Erinnerung, Verlust und Gedenken, ein Übergangsraum von der formalen Strenge Neuer Musik zum Auflösen allen Menschenwerks in der absichtslosen Natur.

Irmin Schmidt ist das letzte lebende Gründungsmitglied von Can. Zusammen mit dem ersten Sänger Malcolm Mooney und dem späteren Bassisten Rosko Gee verbleibt der Schüler von György Ligeti und Karlheinz Stockhausen als einziger Zeuge jener alchemistischen Prozesse im Weilerswister Inner Space Studio, mit denen sich die Kölner Formation in den 1970er Jahren Weltgeltung erspielt hatte. Can sind, neben Kraftwerk aus dem benachbarten Düsseldorf, die bis heute international einflussreichste Band aus Deutschland. Von Joy Division bis The Fall, von Stereolab bis Radiohead, von Kanye West bis LCD Soundsystem reicht dieser Einfluss. Zuletzt coverte Geese, die blutjunge New Yorker Rockgruppe der Stunde, Cans „Halleluwah“ auf den Konzerten ihrer aktuellen Tour.

Das Vermächtnis der Kölner Band pulsiert, Can lebt

Das Vermächtnis der Band pulsiert also, Can lebt. Doch Irmin Schmidt musste in den vergangenen Jahren kurz hintereinander seine beiden ehemaligen Bandkollegen Jaki Liebezeit und Holger Czukay auf dem Melatenfriedhof zu Grabe tragen. Dem Wunder-Schlagzeuger Liebezeit hatte der Pianist bereits bei einem Jahresgedächtnis-Konzert 2018 in der Philharmonie mit einem – passenderweise stark perkussiven – Stück für präpariertes Klavier gehuldigt, zu dem vom Band die Blätter rauschten.

Es gibt einen vierten Zeugen, der überlebt hat, den Produzenten, Tonmeister und langjährigen Inner-Space-Studiobetreiber René Tinner, der auf „Requiem“ Irmin Schmidts spontane Klavierkompositionen zum bündigen Stück editiert hat, so wie früher die Endlosimprovisationen der grundverschiedenen Can-Mitglieder.

Oberflächlich erinnert hier allerdings nichts an Can-Klassiker wie „Tago Mago“ oder „Future Days“. Und auch Schmidts Soundtracks – von „Das Millionenspiel“ über etliche „Tatort“-Folgen bis hin zu Wim Wenders’ „Palermo Shooting“ – klingen auf „Requiem“ höchstens in seiner Fähigkeit an, mit wenigen Noten dichte Atmosphären zu erzeugen.

Stattdessen kehrt Irmin Schmidt mit diesem Seelenamt zurück zu seinen Fluxus- und Neue-Musik-Tagen unmittelbar vor Can. Zurück in den wild wuchernden Garten, aus dem dann das entstand, was man in England „Krautrock“ nannte.

Irmin Schmidt: „Requiem“ ist bei Mute erschienen