Die belgischen Alte-Musik-Ensembles Vox Luminis und B'Rock Orchestra gastierten mit einem Bachprogramm in Köln.
Vox Luminis und B'Rock Orchestra in der PhilharmonieEbenmaß und Klangschönheit

Das Alte-Musik-Ensemble Vox Luminis
Copyright: Leslie Artamonow
Das „Halleluja“ aus „Messias“ als Zugabe? Auf Anhieb wirkt das ein bisschen peinlich, sozusagen mit der Wurst nach dem Schinken geworfen. Beim Philharmonie-Konzert mit den belgischen Alte-Musik-Ensembles Vox Luminis und B'Rock Orchestra war diese Wahl indes im Programmkonzept geerdet: Auf der Agenda stand die (Teil-) Rekonstruktion einer musikalischen Wohltätigkeitsveranstaltung, die Carl Philipp Emanuel Bach als Hamburger Musikdirektor im Jahre 1786 ins Werk gesetzt hatte. Und dabei erklangen eben auch Auszüge aus Händels längst auf dem Festland populär gewordenem Oratorium – tatsächlich des „Messias“, nicht des englischen „Messiah“. Friedrich Gottlieb Klopstock und Christoph Daniel Ebeling hatten die (heute außer Kurs gekommen) deutsche Übersetzung erstellt, die jetzt auch in der Kölner Philharmonie zu vernehmen war.
Aufführungsgeschichte wird erlebbar
So oder so ist aufschlussreich, was der zweitälteste Sohn von Johann Sebastian Bach da seinerzeit so alles unter das Dach eines Konzertes packte: Neben einer Sinfonie aus eigener Feder waren sein 1749 entstandenes „Magnificat“ sowie das „Symbolum Nicenum“, also das „Credo“, aus der h-Moll-Messe des Vaters zu hören (letzteres eröffnet durch eine instrumentale Einleitung wiederum aus der eigenen Werkstatt). Wohlgemerkt: nur das „Credo“, keineswegs die komplette Messe – auch diese damals übliche Ausschnitts-Programmatik wäre in einem „normalen“ Chorkonzert unserer Tage kaum mehr zu vermitteln. Allemal widerlegt die Agenda von 1786 die immer noch verbreitete Auffassung, Bach Vater sei erst durch Mendelssohns 1829er Wiederaufführung der Matthäus-Passion gleichsam aus dem Grabe erstanden. Das vom Sohn veranstaltete Konzert ist Teil einer Aufführungsgeschichte, die vielmehr eine Kontinuität der Bach-Pflege auch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bezeugt.
Zwischen beiden Bachs liegen Welten
Nun liegen freilich stilistisch und epochenphysiognomisch – auch das wurde in der Philharmonie eindrucksvoll deutlich – Welten zwischen den Werken der beiden Bachs. Und das, obwohl besagtes „Magnificat“ noch zu Lebzeiten des Vaters entstand. Das Werk ist bereits weitgehend in der damals angesagten empfindsamen Schreibweise auf homophoner Basis verfasst. Der dabei vermiedene Kontrapunkt trumpft freilich in der gigantischen Doppelfuge am Schluss dann doch noch einmal auf. Sie fordert in ihren stets neuen, koloraturengesättigten Anläufen dem Chor einiges ab – „Überstehen ist alles“ wird da leicht zur Maxime. Das Profi-Ensemble „Vox Luminis“, gestisch inspiriert von seinem im Bass mitsingenden Leiter Lionel Meunier, erfüllte indes die Aufgabe, den Steigerungsbogen nicht einknicken zu lassen, im Wesentlichen sehr gut – auch dank einer kräfteschonenden Dramaturgie, die die jeweiligen Abschnitte dezidiert leise beginnen ließ.
Überhaupt ließen weder das Vokal- noch das Instrumentalensemble inklusive der Vokalsolisten Gwendoline Blondeel, Marie Henriette Reinhold, Florian Sievers und Sebastian Myrus an ihrer hohen Professionalität und musikalischen Stilsicherheit keinen Zweifel aufkommen. Die Chor-Performance im „Credo“ etwa zeigte in den Rahmensätzen und im „Et resurrexit“ eine vitale, in der Artikulation fokussierte Beschwingtheit, die aber nicht an gewaltsamer Forcierung litt, sondern auf Ebenmaß und Klangschönheit setzte. Dafür gelangen die Sätze „Et incarnatus est“ und „Crucifixus“ bemerkenswert verinnerlicht – hier schmerzvertieft, dort schwebend-entrückt.
