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Orchestre Philharmonique Royal de LiègeWeniger Tiefe als behauptet?

3 min
Lionel Bringuier

Der französische Pianist, Cellist und Dirigent Lionel Bringuier

Für seine Darbietung von Tschaikowskys „Pathétique“ ließ sich Lionel Bringuier mit seinem Orchestre Philharmonique Royal de Liège ausgiebig feiern.

Seit 1958 besteht eine Partnerschaft zwischen den Städten Köln und Liège, die in musikalischer Hinsicht aber offenbar nicht allzu intensiv gepflegt wird. So war das Philharmonische Orchester der wallonischen Provinzmetropole nun erstmals seit 2015 wieder in Köln zu Gast. Seit Beginn dieser Saison steht der Franzose Lionel Bringuier dem Orchester vor, dem einzigen professionellen Sinfonieorchester übrigens, das es im französischsprachigen Landesteil Belgiens gibt.

Die typisch französische Klanglegierung des Orchesters war schon im Eingangsstück deutlich zu erkennen. Der früh verstorbene belgische Spätromantiker Guillaume Lekeu hat der Figur der Ophelia aus Shakespeares „Hamlet“ ein kurzes Charakterportrait gewidmet, das im Atmosphärischen stärker wirkt als in der musikalischen Substanz. Das gedämpfte, in sanften Pastellfarben leuchtende Streichergewebe kam in der Lesart der Lütticher gut heraus; gewöhnen musste man sich indes an die etwas säuerliche, leicht gequetschte Tongebung der Holzbläser, besonders der Oboen und Fagotte.

Frage der Ästhetik

Natürlich ist das nicht nur eine Frage des Spielniveaus, sondern auch der Ästhetik. Dass der Maestro und seine Musiker Tschaikowskys sechste Sinfonie, die „Pathétique“, weitgehend von ihren gewohnten slawischen Klangaromen befreiten, hatte ja durchaus einen eigenen Reiz: Das lyrische Seitenthema des Kopfsatzes war eher auf schwingende Eleganz denn auf schwelgendes Pathos hin angelegt; die Ekstasen des dritten Satzes waren ebenso im Zaum gehalten wie die emotionalen Abgründe des Finales.

Tschaikowskys „Pathétique“ wurde hier einmal nicht als schamlose musikalische Selbstentblößung in Szene gesetzt, sondern stand als solide gebaute romantische Sinfonie im Raum, die trotz gewisser formaler Freiheiten von starken Binnenkräften zusammengehalten wird. Das kann man natürlich so machen, aber wenn nach einer solchen Darstellung der Dirigent fast eine halbe Minute in der Schlussgeste verharrt und auf diese Weise den Applaus hinauszögert – wird da nicht eine Tiefe und Erschütterung behauptet, die die Aufführung eigentlich gar nicht hatte?

Deutsche Erstaufführung eines neuen Werkes von Manfred Trojahn

Für besonderes Interesse sorgte im philharmonischen Sonntagskonzert die Deutsche Erstaufführung eines neuen Werkes von Manfred Trojahn nach Versen von Paul Valéry. In „Je suis l’idée maîtresse“ erhebt die Kreativität selbst ihre Stimme und übernimmt in einer durchaus erotisch aufgeladenen Beziehung die Herrschaft über den Künstler.

Trojahn formt aus Valérys suggestiver Gedankenlyrik eine etwa 25 Minuten dauernde Solo-Szene für Mezzosopran und Orchester. Der ehemalige Düsseldorfer Hochschulprofessor und langjährige Wahlfranzose entfaltet dabei ein ungemein farbiges, harmonisch dichtes und kunstvoll verästeltes Liniengeflecht, dessen kompositorische Virtuosität in jedem Takt fasziniert. Dieser Reichtum lastet allerdings mitunter schwer auf den Schultern der Sängerin, die sich gegen den schillernden Klangüberbau nur schwer behaupten kann.

Das musste man auch der Mezzosopranistin Gaëlle Arquez zugestehen, der es durchaus nicht an Stimmvolumen und markantem Timbre fehlte, die sich aber dennoch nicht so recht gegen den üppigen Klangteppich in ihrem Rücken profilieren konnte. Dazu irritierte es ein wenig, dass sie sich jeden einzelnen Einsatz dieser nun auch nicht unzumutbar hochkomplexen Musik mit der Stimmgabel holen musste. Mag sein, dass sie nicht allzu tief in die Materie eingestiegen war; allerdings legten etliche zerfranste Bläsereinsätze auch den Eindruck nahe, dass man die Novität vielleicht etwas geduldiger hätte proben sollen.