Anne-Sophie Mutter erweckt mit den Berliner Barock Solisten in der Kölner Philharmonie unterschiedlichste Emotionen
Anne-Sophie Mutter in der PhilharmonieEine bemerkenswerte Zartheit des Tons

Anne-Sophie Mutter / Berliner Barocksolisten
Copyright: Sophia Hegewald
Zu Beginn des zweiten Teils im Kölner philharmonischen Meisterkonzert wurde es sehr persönlich: Anne-Sophie Mutter berichtete, bevor sie es dann in deutscher Erstaufführung spielte, über die Entstehung des Konzertstücks „Likoo“ für Violine solo, das die iranisch-niederländische Komponistin Aftab Darvishi 2024 für sie geschrieben hatte. Sie verarbeitet darin den Schmerz über den Verlust an Menschenleben im Zuge der 2022er Demonstrationen im Iran gegen die brutale Unterdrückung von Frauenrechten. „Ein Gesang“, so Mutter, „der Erinnerung an den Verlust der Freiheit“.
Musikalisch braucht man das Werk, das die Stargeigerin mit hörbarem emotionalem Einsatz darbot, weder zu über- noch zu unterschätzen. Es stellt sich dar als kultureller Hybrid aus Elementen persischer Volkskunst und jener europäischen Tradition, für die in diesem Fall zumal der Name Johann Sebastian Bach steht. In der Figuration der Geigenstimme, den vielen (Mehrstimmigkeit suggerierenden) Barriolagen, der rhythmischen Profilierung der Themen und Motive ist der Einfluss von dessen Solo-Sonaten und -Partiten völlig unabweislich. Dass „Likoo“ angesichts seines biografisch-politischen Hintergrunds zumal in den Einzugsbereich der trauernden Chaconne aus der d-Moll-Partita gerät – Mutter stellte das eindringlich heraus.
Unverhohlene Liebeserklärung
Begonnen hatte der von den Berliner Barock Solisten begleitete Abend durchaus „positiver“: mit dem zweiten Violinkonzert (inklusive zwei Cembalo-Interludien), das Mutters 2019 verstorbener Ex-Ehemann André Previn ihr als unverhohlene Liebeserklärung mehr oder weniger direkt in die Stradivari geschrieben hatte. Das ist ein munteres, aber auch gefühlvolles Stück, das sich um Stilkategorien und entsprechende Zuschreibungen nicht kümmert.
Die Musik klingt nach Mendelssohn und Korngold und immer wieder auch nach Ragtime und Hollywood. Sogar das Cembalo gerät in den neoromantischen Sog und wird gleichsam dazu genötigt, Chopin-Kantilenen abzuliefern. Keine Frage, die Solistin wohnt in diesem Stück, man hört es, wenn die Phrase unmittelbar sprechend ist und in ihr jene dunkle Glut entfacht wird, die immer wieder auch aus dem produktiven Kontakt mit den Ensemble-Celli zu kommen scheint.
Den Kontrapunkt zur maßvollen Moderne lieferten die beiden Mozart-Konzerte KV 207 und 219, also die Rahmenstücke der Salzburger Fünfer-Serie. Das erste Werk zeigte die Geigerin noch nicht auf ihrer selbstverständlich erwarteten Höhe: Ziemlich „straight“, flüssig wie Öl kamen die Passagen, aber eben auch etwas neutral, unbeteiligt und geschäftsmäßig. Expressiv unterspielt eben. Die Feinkoordination mit den Begleitern war auch nicht – und nicht nur hier – über jeden Zweifel erhaben.
Die Interpretation von KV 219 wartete mit anders gelagerten Merkwürdigkeiten auf: Muss man aus dem zweiten Thema des ersten Satzes das Tempo spektakulär herausnehmen, um danach wie von der Tarantel gestochen aufzudrehen? Dabei handelte es sich übrigens – wie die Parallelstelle in der Reprise zeigte – nicht um eine spontan entwickelte Marotte, sondern um einen kalkulierten Manierismus. Aufs Ganze gesehen war es aber eine sehr schöne, immer wieder fesselnde Darstellung: beseelt, mit einer bemerkenswerten Zartheit des Tons bis an den Rand des Phrasenbruchs im langsamen Satz, mit überzeugend-eindringlicher Dramaturgie im Finale. Als der Menuett-Refrain nach der verstörend-feindlichen Attacke des Alla Turca wiederkehrte, geschah das mit der Geste einer sich zögernd einstellenden Erinnerung an ein Verlorenes. In und mit solchen Augenblicken läuft Anne-Sophie Mutter zu ganz großer Form auf.
