Abo

Genesis-GitarristSteve Hackett verführt die ausverkaufte Philharmonie

3 min
Folgen
24.052026, Köln: Konzert von Steve Hackett und Band in der Kölner Philharmonie.

Der ehemalige Genesis-Gitarrist Steve Hackett spielte am 24. Mai 2026 in der Kölner Philharmonie.

Mit seiner fünfköpfigen Band entführte der Meistergitarrist sein Publikum in die fantastischen Gegenwelten des Prog Rock. Unsere Kritik.

Immer weiter in die Höhe schraubt sich das Sopransaxofon einem imaginären Kirchengewölbe entgegen, bis sein Höhenflug jäh von dröhnenden Orgeltönen unterbrochen wird. Erst nach diesem gotischen Gothic-Intro tritt Steve Hackett vor – die halblangen Haare dunkel gefärbt, die Haltung ein wenig gebeugt, sonst kaum verändert – und gibt auf der E-Gitarre das musikalische Thema seines kleinen Horror-Hörfilms vor.

Der handelt, man kann es den Zeilen des dramatisch gestikulierenden Sängers Nad Sylan entnehmen, von der Zweitbesetzung eines Shakespeare-Bösewichts, die hinter den Kulissen dunkle Pläne schmiedet, dessen Rolle und anschließend dessen Leben zu übernehmen. „Devil’s Cathedral“, der Song, mit dem der 76-Jährige sein Konzert in der ausverkauften Kölner Philharmonie eröffnet, ist gerade mal fünf Jahre alt. Und fügt sich doch nahtlos in die Epen ein, mit denen der ehemalige Genesis-Gitarrist in den grauen 1970er Jahren seine Hörer in grüne Gegenwelten entführte, in den Wald von Epping, ins Auenland, oder in die üppig ausgeleuchteten Monsterfilme der Hammer-Studios.

War Prog-Rock nicht immer schon aus der Zeit gefallen?

Progressive Rock, kurz Prog-Rock, könnte kaum altmodischer klingen, mit seinen Fantasy-Themen, seinen überlangen Soli, seinen sinfonisch ausladenden, plattenseitenlangen Liedern, seinen aufmerksamkeitsheischenden Tempiwechseln, auch seinem Hang zum Größenwahn und zum latenten Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem klassischen Kanon. Aber war dieses Aus-der-Zeit-gefallen-Sein nicht immer das eigentliche Thema des Genres?

Insofern ist der Meistergitarrist der perfekte Protagonist des Genres: Als Genesis sich zu ihrem langen Marsch Richtung Pop aufmachten, verließ er die Band – und verzauberte auf seinen Soloalben weiterhin mit technisch ungemein einfallsreichen, aber ohrschmeichelnden Gitarrensoli, mitreißend schön wie Opernarien, allerdings auf einem Drachen reitend dargebracht.

24.052026, Köln: Konzert von Steve Hackett und Band in der Kölner Philharmonie.

Steve Hackett mit seiner Band in der Kölner Philharmonie

Diesem Solowerk ist die erste Stunde des Konzerts gewidmet, dem höchst auf höchst elegant dahinsausenden „Ace of Wands“ vom Tarot-beeinflussten Debüt „Voyage of the Acolyte“ oder dem bedächtigeren „Shadow of the Hierophant“ vom selben Album, eingeleitet von einem phänomenalen Fingertapping-Solo Hacketts, einer Technik, die sich unter anderem Eddie Van Halen von ihm abgeschaut hat. Das Stück hatte er, scherzt der Gitarrist, noch aufgenommen, während er in seiner Boyband spielte: „Einmal Boyband, immer Boyband.“

Nach der Pause wird der Witz mit Inhalt gefüllt, gespielt wird jetzt ausschließlich Material von den frühen, herrlich versponnenen Genesis-Alben, „The Cinema Show“, „Firth of Fifth“, „Supper’s Ready“, die fünfköpfige Band klingt wie ein Orchester im Mahler-Format, die Fans, die Steve Hackett schon zu Anfang einen Heldenempfang bereitet hatten, erheben sich jetzt nach jedem Song, und der verwandelt sein Instrument in eine Sirene, eine Leier, eine Hardrock-Axt.

Alles scheint möglich, jede Kauzigkeit erlaubt, und 50-, 60-, 70-Jährige verschwinden durch den Wandschrank ins Narnia ihrer Jugend. Wunderbar.