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Bob Dylan zum 85.Alles, was er machte, war eine Frechheit

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27.04.1965, Großbritannien, London: Bob Dylan, US-amerikanischer Singer-Songwriter, und seine Kollegin Joan Baez.

Bob Dylan im Jahr 1965 mit seiner Kollegin Joan Baez auf seiner Großbritannien-Tour.

Bob Dylan feiert seinen 85. Geburtstag. Als er vergangenen November in Köln Station machte, provozierte er bei seinem Publikum starke Reaktionen.

„Frechheit“, „eine bösartige, unverschämte Missachtung des Publikums“, „einfach nur traurig“. Bob Dylans Auftritt in der Lanxess-Arena vergangenen November trieb etliche Zuschauer auf die Barrikaden. Der Künstler – an diesem Sonntag wird er 85 Jahre alt – hatte sich hinter seinem frontal zur Bühnenrampe aufgebockten Klavier verschanzt, hatte die Besucher gezwungen, ihre Handys wegzuschließen, und sie noch zusätzlich mit grellen, direkt auf die teuren Sitzplätze gerichteten Scheinwerfern geblendet.

Kein Wort der Begrüßung, kein Wort des Dankes, keine Zugabe. Die Stimme krächzend, schnaufend, bellend, die Songs bis zur Unkenntlichkeit umarrangiert, das Konzert ein einziger Akt der Verweigerung. Genau die aber macht das Wesen dieses singulären, eselsstörrischen Künstlers aus.

Sein berühmtester Bühnenmoment? Ein „Judas“-Ruf.

„Eine Frechheit“ umschreibt so gut wie alles, was Bob Dylan in den 69 Jahren seiner Karriere produziert hat. Die beiden berühmtesten Live-Momente seiner Laufbahn erzählen von aufgebrachten Zuschauern: die Buh-Rufe, die ihm im Juli 1965 auf dem Newport Jazz Festival entgegenschallten, als er und seine Band ein elektrisch verstärktes Set spielten. Und der „Judas“-Ruf, mit dem ein einzelner enttäuschter Fan im Mai 1966 in Manchester beschimpfte. Auch der galt der Elektrifizierung des einstigen Folk-Barden. „Ich glaub’ dir nicht, du bist ein Lügner“, parierte Dylan damals – und rief seiner Band zu: „Play it fuckin’ loud.“ 

Dabei hatte der Zurufer gar nicht mal Unrecht: Dylans Modus operandi ist der Verrat. An hohlen Idealen, an Geliebten, Freunden und Mitmusikern, deren Nützlichkeit für ihn sich überlebt hatte, an den formalen Anforderungen eines auf der Stelle tretenden Genres und vor allem an den Erwartungen strukturkonservativer Fans.

(FILES) Legendary American singer, songwriter, poet, artist and actor, Bob Dylan performs from his repertoire of over 400 songs and 50 albums at the 22nd annual Bluesfest music festival near Byron Bay on April 25, 2011. (Photo by Torsten BLACKWOOD / AFP)

Bob Dylan performt im Jahr 2011. Schon lange lässt er sich nicht mehr bei der Arbeit fotografieren.

Das fing mit seiner untrainierten, näselnden Nicht-Stimme an und der bis zum Surrealismus gesteigerten Bildhaftigkeit seiner Texte, setzte sich fort in unscharfen Coverfotos („Blonde on Blonde“), im totalen Rückzug auf dem Höhepunkt seines Ruhms, in Country-Platten, auf denen seine Stimme nicht wiederzuerkennen war („Nashville Skyline“) oder Alben, die selbst wohlmeinendste Kritiker zum Verzweifeln brachten („Self Portrait“), in der Wendung des ewigen Zweiflers zum evangelikalen Christentum, in nicht einem, sondern drei Sinatra-Cover-Alben, in Werbespots für Jeeps, Computer und Reizwäsche. Und einer eigenen Bourbon-Marke.

Als ihm der Literaturnobelpreis zugedacht wurde, schwieg Dylan erst tagelang, nahm dann schließlich doch noch an, erschien dann aber nicht zur Preisverleihung, sondern ließ eine Rede vortragen, die er aus einer kommentierten „Moby-Dick“-Ausgabe zusammengeschustert hatte.

Das alles wäre nur semi-originelles Getrolle, verbürge sich dahinter nicht ein weites, offenes Werk, das unendliche Interpretationsmöglichkeiten erlaubt und sich zugleich jeder einzelnen davon elegant verweigert. Noch im hohen Alter von 79 Jahren hat Dylan mit „Rough and Rowdy Ways“ ein Meisterwerk veröffentlicht. „I Contain Multitudes“ heißt ein Song darauf. Das Walt-Whitman-Zitat haucht der Mannigfaltige seitdem Abend für Abend hinter dem Klavier, verschluckt vom Scheinwerferlicht.

Es ist große, amerikanische, transzendentale Kunst.