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Alexander Scheer in der PhilharmonieWir Kinder vom Bahnhof Bowie

5 min
BERLINER ENSEMBLE: "Heroes" Alexander Scheer singt David Bowie

Alexander Scheer singt David Bowie in der Kölner Philharmonie

Der Berliner Film- und Theaterstar beschwört in Köln das Vermächtnis von David Bowie, singend wie lesend. Unsere Kritik. 

Vor einer Woche, bekennt Alexander Scheer in der Kölner Philharmonie, ist er 50 Jahre alt geworden. Mitte des Lebens. Nicht mehr jung. Nie mehr jung. Gerade hat er aus Christa Wolfs Roman „Nachdenken über Christa T.“ vorgelesen. „Lebst Du eigentlich heute, jetzt, in diesem Augenblick? Ganz und gar?“, fragt Christa T. darin die Kindheitsfreundin. Im Ostberliner Hinterhof singt eine Nachtigall. Nun ist Christa T. tot und die Erzählerin denkt über die Zukunft nach, die man nie erreichen kann, weil sie mit uns vergeht. Bis einmal keine Zeit mehr sein wird, auch nicht zum Innehalten. „Lebst Du jetzt?“ Scheer hebt den Blick vom Textblatt, fixiert die Zuschauerinnen und Zuschauer im Konzertsaal: „Wirklich?“

Dann schwillt die Musik an, die im Hintergrund den Takt angegeben hatte, langsam, ganz langsam. Erhebt sich aus dem alten Ostberliner Grau, und auch Alexander Scheer streckt seine Stimme dem Himmel entgegen, singt: „Solange die Sonne scheint. Solange es regnet. Solange das Feuer brennt. Solange ich da bin. Solange Du da bist.“

Christa Wolf gehörte zu David Bowies Berliner Lieblingslektüren

Wir hören David Bowie, der über seine Berliner Jahre nachdenkt. Der ausgebrannte Star war vor 50 Jahren hierhin geflüchtet, kurz nach Alexander Scheers Geburt, vor einer Zukunft, die sich Tag für Tag verengte, um innezuhalten, im Schutz der Mauer. Wir hören Bowie, der sich darüber wundert, dass man jetzt einen Zug direkt vom Potsdamer Platz nehmen kann, der auf einen Wendepunkt seines Lebens zurückblickt, und sich wundert, wie die Zeit alles verändert, der sich fragt, wo er, wo wir, jetzt stehen.

Wolfs Roman über eine Zukunft, für die kein Platz war im System, gehört zu den Lieblingslektüren des leseverrückten Popstars. Weiß man, weil Bowie wenige Jahre vor seinem Tod eine Liste mit seinen hundert Lieblingsbüchern veröffentlicht hat. Bei der bedient sich Scheer für „Heroes“, seine Hommage zum zehnten Todestag des Sängers, die vergangenes Jahr ihre Premiere im Berliner Ensemble feierte und sich als Publikumsrenner erwies.

Jetzt tourt der Film-, Fernseh- und Theaterschauspieler mit seiner Bowie-Revue durch Deutschland. „Christa T.“, erzählt Scheer in Köln, habe seine Mutter im Jahr 1976 gelesen, als sie den kleinen Alexander stillte, während Bowie auf der anderen Seite der Mauer im Dschungel an der Nürnberger Straße saß. „Man kann sagen, ich habe das mit der Muttermilch eingesogen“, sagt Scheer, nur halb im Scherz.

Er hat schon Keith Richards und Blixa Bargeld und den DDR-Liedermacher Gerhard Gundermann gespielt. Er war der Bowie-Avatar Thomas Jerome Newton in dessen Musical-Vermächtnis „Lazarus“, er war Bowie selbst in der Neuverfilmung von Christiane F.s „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Aber in „Heroes“ verzichtet er auf bloße Imitation, ist sein eigenes, zappeliges Selbst, ein entfernter ostdeutscher Verwandter des flamboyanten Briten.

Ist ein Vermittler zwischen immer-noch-trauernden Fans und ihrem entrückten Star, wenn auch einer mit erheblichen Charisma-Reserven: Scheer schillert zwischen fahrig-flapsig und hoch konzentriert, irritiert und bezirzt gleichermaßen, lässt Raum für den Augenblick, für die Begegnung zwischen Du und Ich und den anderen Stimmen, denen der Autorinnen und Autoren, die Bowie durch den Kopf schwirrten, wenn er seine neuen Rollen und Welten entwarf – von Anthony Burgess bis Fran Lebowitz, von Alfred Döblin zu Christopher Isherwood, „der Schwulenikone vom Nollendorfplatz“.

Das Bühnenbild besteht schlicht aus dem – angeblichen – Originalreisekoffer, in dem der dauertourende Bowie Teile seiner Bibliothek mit auf seine Zug- oder Schiffsreisen nahm. Er litt zeit seines Lebens unter Flugangst. Es gibt auch noch eine Leinwand, die klug und sparsam eingesetzt wird. Manchmal zeigt sie Live-Aufnahmen von Scheer, manchmal Videoschnipsel, die weniger vom Live-Geschehen ablenken, als dass sie dieses emotional und hintersinnig unterfüttern.

Wie Bowie und Iggy Pop in der Loge des Berliner Ensembles lümmelten

Zur Ruhmesabsage „Fame“ (mit der Bowie in den USA erst berühmt geworden ist) sehen wir in schneller Abfolge Konterfeis, die sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt haben, dann greift Scheer zu James Baldwins Großessay „Nach der Flut das Feuer“, liest von der Blindheit der Weißen in einer rassistischen Gesellschaft, setzt wieder zu „Fame“ an – und prompt zeigt der Videozusammenschnitt Gesichter schwarzer Idole, dass zuvor alle weiß waren, hatten die Wenigsten bemerkt.

Ab und an sieht man auch Bilder des Comic-Künstlers Reinhard Kleist auf der Leinwand. Der hat bereits zwei Graphic Novels über David Bowie veröffentlicht. Eines dieser Bilder zeigt den Ex-Ziggy zusammen mit seinem Entzugskumpan Iggy Pop in einer Loge des BE lümmelnd – als Brecht-Verehrer hat er sich in dessen Ostberliner Theater „Baal“ und „Die Dreigroschenoper“ angeschaut –, links und rechts davon pikierte Abonnenten. Dabei war Bowie doch immer auch ein Theaterkünstler, ein Freund des schnellen Rollenwechsels. Anschließend, berichtet Scheer, ging man gegenüber ins Edelrestaurant Ganymed, wo im Stuck die Abhörmikrofone steckten. Ob es eine Stasi-Akte von Bowie gibt? Bei den Berliner Vorstellungen zeichnete Kleist live aus einer ebensolchen Loge, aber das ist der einzige Abstrich, den man in der Tourversion des Programms in Kauf nehmen muss.

Allemal wichtiger ist die vierköpfige Band. Wie einfallsreich die Musiker die allzu bekannten Arrangements variieren, andere Stücke kurz zitieren, die Spannung halten, wenn Scheer mitten im Lied liest. Bei „Heroes“ stellt er den Text allerdings voran, es ist eine hinreißende Passage aus Alberto Denti di Pirajnos „Das Mädchen auf dem Delfin“ und plötzlich versteht man, warum Bowies Liebende sich wie schwimmende Delfine fühlen, wird selbst vom ozeanischen Gefühl mitgetragen – selbstredend ist es diese Berliner Überhymne, die das Publikum von den Stühlen reißt. Das Leben ist ein Rausch.

Noch eindrücklicher aber erinnert man sich an „Ashes to Ashes“: Alexander Scheer trägt die verkaterte Bilanz eines Ausgebrannten als spätnächtlichen Chanson im Kimono vor. Bowie hat den Song exakt in der Mitte seines Lebens geschrieben, im Augenblick innehaltend.