Am 10. Januar jährt sich der Tod des Rockstars zum zehnten Mal. Die Welt gedenkt mit Ausstellungen, Dokumentationen, Büchern und Theaterstücken.
Zehnter TodestagWarum David Bowies Stern heute noch heller strahlt als zu Lebzeiten

David Bowie Ende der 1970er Jahre auf seiner „Isolar II“-Tour
Copyright: Arthur Miley/Imago/Zuma Wire
„Ich habe beschlossen, dass mein Tod etwas sehr Kostbares sein sollte“, erklärte David Bowie vor 50 Jahren in einem Interview mit dem amerikanischen „Playboy“. „Ich will ihn wirklich nutzen. Ich möchte, dass mein Tod genauso interessant ist, wie mein Leben bisher war und noch sein wird.“
Als der britische Rockstar am 10. Januar 2016 in seinem New Yorker Apartment an den Folgen einer Leberkrebs-Erkrankung starb, ging dieser Wunsch in Erfüllung. Zwei Tage zuvor, es war sein 69. Geburtstag, hatte Bowie das Album „Blackstar“ veröffentlicht. Eine radikale stilistische Kehrtwende, ein mysteriöses, scheinbar undurchschaubares Werk. Das dann plötzlich, wie die Musikwissenschaftlerin und Bowie-Expertin Leah Kardos schreibt, mit der Nachricht seines Ablebens an Transparenz und Sinn gewann. Als könnte erst der Tod das Rätsel seines Lebens lösen, wenn auch nicht vollständig: „Ich kann nicht alles preisgeben“, sang Bowie im finalen Song auf „Blackstar“, es waren seine letzten öffentlichen Worte.
Gary Oldman bezeichnet Bowie als „kosmischer Klebstoff“
Nun dreht sich die Welt schon bald zehn Jahre ohne den Starman weiter, und wie sich das anfühlt, hat Gary Oldman, ein enger Freund des Sängers, beschrieben. Ob er nicht auch das Gefühl habe, die Welt sei seit Bowies Tod den Bach runtergegangen“, fragte der Schauspieler im vergangenen Sommer den Interviewer des „Hollywood Reporter“: „Er war wie so eine Art kosmischer Klebstoff. Als er starb, fiel alles auseinander.“
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Dabei ist David Bowie heute beinahe noch präsenter als zu Lebzeiten. Sein schwarzer Stern leuchtet – paradoxerweise – heller denn je. Im Januar 2016 reiste ich trauernd nach Groningen, wo die Wanderausstellung „David Bowie Is“ wegen des überraschenden Todes des Sängers gerade um vier Wochen verlängert worden war und sich in eine Art mobile Gedenkstätte für seine Fans verwandelt hatte. Glühende Liebesbekundungen füllten das Kondolenzbuch, der Souvenirshop war so gut wie leergekauft.

Plakette an David Bowies Wohnhaus an der Hauptstraße 155 in Berlin-Schöneberg
Copyright: Christian Bos
Im September 2025 fand der rund 90.000 Objekte umfassende Nachlass, aus dem sich „David Bowie Is“ speiste, seine endgültige Heimat im V&A East, der neuen Zweigstelle des Londoner Victoria & Albert Museums. Das „David Bowie Centre“ kann man nicht nur umsonst besuchen, man kann sich sogar fünf Objekte zur privaten Anschauung vor Ort reservieren lassen, Tickets dafür, oder auch nur für den Besuch der Präsentation, sind leider so gut wie immer ausverkauft. Im Dezember ließ sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, auf Staatsbesuch im Vereinigten Königreich, durch die Ausstellung führen.
Ginge es nur um Bowie-Verehrung, Steinmeier hätte auch gleich in Berlin bleiben können, der Wahlheimat des Sängers von 1976 bis '78, wie die offizielle Porzellan-Gedenktafel an dem unscheinbaren Mietshaus an der Hauptstraße 155 in Schöneberg verkündet. Hier war der einst durchs All trudelnde Major Tom ausgebrannt und drogenkrank auf die Erde zurückgestürzt. Vorderhaus, erster Stock, sieben Zimmer Altbau, hinten raus wohnte sein Freund und Protegé Iggy Pop. Eine unauffällige, proletarisch und migrantisch geprägte Gegend. Ein Ort zum Verschwinden. Heute befindet sich hier, maximal unglamourös, eine Zahnarztpraxis. Immerhin: Das Café „Anderes Ufer“ – die damals einzig offen schwule Bar der Stadt heißt heute „Neues Ufer“ –, zwei Häuser weiter, in dem Bowie spät zu frühstücken pflegte, stellt einen schwarzen Stern in der Fensterfront aus. Dunkel-schillernde Romantik wie an Jim Morrisons Grab auf dem Pariser Père Lachaise sucht man im alten Berliner Westen vergeblich.
Alexander Scheer gibt im Berliner Ensemble den Bowie
Reinhard Kleist, Deutschlands bekanntester Comic-Künstler, parkt in seinem im Herbst erschienenen Band „Low“ eine Gemini-Raumkapsel vor der Hauptstraße 155. Bowie klettert ins Cockpit und steigt auf in den Himmel über Berlin, fährt durchs psychedelische Sternentor aus Stanley Kubricks „2001“ und findet sein gealtertes Ich in der weißen Louis-seize-Suite aus dem Science-Fiction-Film im Sterbebett liegend vor, die Augen verbunden und durch kleine Knöpfe ersetzt, wie in den beiden letzten Videos zu den Singles „Blackstar“ und „Lazarus“. Er solle all die Menschen, denen er eine andere Welt versprochen hat, nicht alleinlassen, mahnt der Sterbende den noch jungen Astronauten aus der Mauerstadt, „lass sie Helden werden, für einen Tag“.
Am Abend steht Kleist in einer Loge des Berliner Ensembles – als Brecht-Fan hat Bowie das Ostberliner Theater oft besucht, Iggy im Schlepptau – und zeichnet seine Comicbilder live vor Publikum. Auf der Bühne, unter ihren vergrößerten Projektionen, zappelt sich Alexander Scheer durch das Repertoire des Sängers.

Der Schauspieler Alexander Scheer in seiner Bowie-Revue „Heroes“ am Berliner Ensemble
Copyright: Just Loomis
Im Herbst des großen Musiktrauerjahrs 2016 – auf Bowie folgten Maurice White, George Martin, Prince, Leonard Cohen, Merle Haggard und George Michael – nahm ich den Eurostar nach London, wo am King's Cross Theatre noch einmal die Broadway-Produktion von Bowies Musical „Lazarus“ gezeigt wurde, mit Michael C. Hall in der Hauptrolle. Als der „Dexter“-Hauptdarsteller „Where Are We Now?“ anstimmt, die wehmütige Erinnerung an die rauen Berliner Jahre, geht ein hörbares Schluchzen durchs Parkett.
Am Hamburger Schauspielhaus hatte Alexander Scheer zwei Jahre später Halls Part übernommen. Der ließ ihn nicht mehr los: Im vergangenen März feierte seine Revue „Heroes“ Premiere am BE. Klug eingebettet in die Arrangements liest Scheer aus einigen der hundert Lieblingswerke vor, die der bücherverschlingende Sänger drei Jahre vor seinem Tod in einer Liste veröffentlicht hatte. Zu „Where Are We Now?“ greift er zu Christopher Isherwoods Roman „Mr. Norris steigt um“, dem Ursprung von Bowies Berlin-Faszination. Und wieder fließen Tränen im Publikum. Bei „Heroes“ muss sich der Schauspieler dann stimmlich schon arg strecken, aber eine Hommage ist ja auch kein Überbietungswettbewerb. Auch an Bowies 79. Geburtstag wird Scheer hier wieder dessen Lieder singen, wie immer vor ausverkauftem Haus.
Der Meistersaal in den Hansa-Tonstudios an der Köthener Straße (von Bowie „the big hall by the wall“ getauft), der 1977 den Hallraum für „Heroes“ lieferte, wird heute vor allem als Veranstaltungssaal genutzt. Doch die Studios im Obergeschoss des Hauses kann man im Rahmen einer Führung besuchen – und sich dann auf deren gewaltigem Mischpult nicht nur besagte Hymne vorspielen lassen, die zuletzt noch die letzten Minuten der Netflix-Serie „Stranger Things“ untermalte, sondern auch Bowies Interpretationen der Lieder aus Brechts frühem Stück „Baal“, für die er Anfang der 80er in den Meistersaal zurückgekehrt war.
Zehn Jahre nach seinem Tod erscheinen etliche Bücher, darunter Alexander Larmans „Lazarus“, in dem das Spätwerk ab den 1990ern neu bewertet wird. In „Spaceboy“ erzählt der Kölner Bestseller-Autor Frank Schätzing seine Erinnerungen anhand seines lebenslangen Bowie-Fantums. In Großbritannien hat Channel 4 eine Doku zum „Final Act“ des Künstlers produziert, der Radiosender BBC 6 strahlt eine Woche lang Sondersendungen aus, Kate Moss und Neil Tennant moderieren. Und so weiter, ad infinitum. Die Sterne sind fern, der Starman hat seinen kostbaren Tod als Antrieb in die Unsterblichkeit genutzt.

