Abo

„Götterdämmerung“ mit Kent NaganoIn beklemmender Weise dramatisch

5 min
Der amerikanische Dirigent Kent Nagano am 24. Juni 2021 in Berlin. Foto: Reto Klar / Funke Foto Services

Der amerikanische Dirigent Kent Nagano

Das Finale des „Rings“: Kent Nagano, das Dresdner Festspielorchester und Concerto Köln vollenden Wagners Meisterwerk im Originalklang.

So bekommt man auch ohne Inszenierung im engeren Sinn eine inhaltlich-interpretatorische Aussage hin: Am Ende der „Götterdämmerung“ in der Kölner Philharmonie standen links auf dem Podium die drei Rheintöchter und schauten empört-betreten zum hämisch grinsenden Alberich auf der rechten Seite hinüber. Das kennt man doch: Es ist exakt die Konstellation der Eröffnung von Wagners „Ring“-Tetralogie, des „Rheingolds“ mithin. An ihrem Ende sind viele tot, darunter auch der klassische Bad Guy Hagen, aber eben gerade nicht sein Vater, der fiese Zwerg. Alberich hat sogar das Ende von Walhall überlebt – und alles könnte wieder von vorn losgehen.

Eine zyklische Geschichtsauffassung, mit der Wagner den Schopenhauerschen Pessimismus adaptiert: Die Welt ist unrettbar heillos. Unterstützt wurde diese Lesart dadurch, dass der Sänger des Alberich vom „Rheingold“ bis zur „Götterdämmerung“ der nämliche war: der in seiner meckernd-beflissenen Nervosität unübertreffliche Daniel Schmutzhard. Und auch die Rheintöchter Ania Vegry, Ida Aldrian und Eva Vogel kehrten aus dem „Rheingold“ wieder.

Enthusiastischer Beifall

Der besagten fatalen Diagnose dürften angesichts der aktuellen politischen Zeitläufte viele Besucher im Saal zugestimmt haben, wenngleich sich selbstredend im enthusiastischen Beifall, der losbrach, nachdem Kent Nagano am Pult seinen Stab gesenkt hatte, nicht diese Tatsache spiegelte. Mit Recht zu bejubeln galt es vielmehr den glanzvollen Schluss des weitläufigen Dresdner „Wagner Cycles“-Projekts, das Concerto Köln und das Dresdner Festspielorchester unter Nagano in den vergangenen Jahren ins Werk gesetzt hatten.

Eine Pionierleistung, denn es ging um nicht weniger als die Produktion des kompletten „Rings“ auf der Basis einer genau rekonstruierten und rekonstruierenden historischen Aufführungspraxis – um ihre „wiederaneignende“ Umsetzung im heutigen Konzertsaal. Sie war zuvor von langer Hand in – das musikalische Umfeld – abgrasenden „Wagner-Lesarten“ entwickelt worden. Vieles war da auf den Prüfstand gekommen: Temperatur, Instrumentation und Klangästhetik, Gesangsstile und Spielweisen.

Auch diesmal war der Abstand zur Wagner-Traditionsaufführung beträchtlich. Das lag gar nicht mal so sehr an den Tempi – eine Gesamtdauer von mehr als fünf Stunden (inklusive zwei Pausen) ist nicht spektakulär kürzer als das, was man so kennt. Der Eindruck einer hastig-forcierten Abwicklung stellte sich jedenfalls in keinem Moment ein. Im Orchester wurde vibratoarm, dafür mit expressiven Portamenti gespielt, während insgesamt die auf 435 Hertz heruntergefahrene Stimmung auch diesmal im vokalen wie instrumentalen Bereich zu einer wahrnehmbaren Entspannung führte.

Großartige Artikulation der Sänger

Erneut war der Gesamtsound nicht „brillant“, sondern eher gedeckt. Das – mit Fehlern aufwartende – Blech fuhr nicht aggressiv einher, während eine genaue kammermusikalische Profilierung der Register den in der konventionellen Wagner-Aufführung gepflegten sinfonischen Breitwandklang ersetzte. Da kam auch die luzide Verflechtung der immer wieder anders exponierten und eingebetteten Leitmotive zu stärkster Wirkung. Nimmermüde in der differenzierenden Justierung und Austarierung der Klangproportionen war erneut Nagano zugange – dem man kaum anmerkte, welche Schwerstarbeit er zu bewältigen hatte.

Das Ergebnis war so oder so in beklemmender Weise dramatisch – die Szene rund um Brünhildes Ring-Erkennung im zweiten Akt etwa geriet zur denkbar eindringlichen Erforschung zerstörter Psycho-Landschaften zwischen Herrschsucht, Gier, Verrat, unheilbarer Kränkung und Rache. Wagner wollte bekanntlich keinen Belcanto von seinen Sängern, sondern eine charakteristische Bühnendarstellung mit Mut zum Hässlichen in Stimmtönung und -führung. Das war ebenfalls eine Leitlinie der Kölner Aufführung – die großartige Artikulation der Sänger machte die Übertitel nahezu verzichtbar. Die Palme in dieser Hinsicht dürfte Patrick Zielkes Hagen gebühren, dessen sägende Vokalfarben einen Bösewicht von schwärzester Intensität erleben ließen. Diese Figur mit den Händen in den Hosentaschen vergisst man so schnell nicht.

Indes zeigte gerade der Unterschied zwischen Schmutzhard-Alberichs Meckern und Zielke-Hagens tragender Bassfülle, dass die Ästhetik der Aufführung die simple Antithese von Sprechgesang und Cantabile durchaus sprengte. Da gab es vielmehr ein gut abgedecktes Kontinuum, in das auch die naiv-virile, aber keineswegs brüllende Protzerei von Young Woo Kims Siegfried genauso integriert war wie die herrlich raumfüllende Üppigkeit von Åsa Jägers Brünhilde in ihren meisterlich changierenden seelischen Reaktionsformen.

Die Vielzahl der Beteiligten – bis hin zum in Block Z agierenden Dresdner Festspielchor und Chor der KlangVerwaltung, die in der Summe nicht viel zu tun hatten, mit ihren Interventionen aber nach oft genug langen Pausen punktgenau da sein mussten – lässt an dieser Stelle keine ausführlichen Einzelbeurteilungen zu. Obgleich sie diese allesamt positiv verdient hätten – es gab keine Ausfälle: Johannes Kammlers Gunter, Sophia Brommers Gutrune, Olivia Vermeulens Waltraute, dazu die Nornen Jasmin Etminan, Marie-Luise Dreßen und Valentina Farcas trugen mit ihrer sängerischen Pracht wie ihren individuellen Stimmcharakteren zum überwältigenden Gelingen des Ganzen bei.

In der Summe machte die Aufführung – auch dank der Raumwirkungen der immer mal wieder im Saal verteilten Blechbläser und Sänger – vergessen, dass sie „nur“ konzertant war. Szenische Wucht stellte sich gleichsam auf ihrer Innenseite ein, dem Zuhörer erstanden die entsprechenden Bilder im Kopf, er musste sie nicht mehr sehen. Und sogar der Humor blieb nicht auf der Strecke: Wenn Hagen Siegfried den Trunk des Vergessens in einer ordinären Plastik-Sprudelwasserflasche reichte und damit den historischen Appeal der Produktion spektakulär konterkarierte, dann war das endlich mal nicht zum Heulen, sondern zum Lachen.