Der kanadische Starpianist Jan Lisiecki erwies sich in der Philharmonie mit dem Rotterdamer Philharmonischen Orchester als würdiger Ersatz für die ausgefallene Martha Argerich.
Starpianist Jan Lisiecki in der Kölner PhilharmonieGeschmeidigkeit und schlanke Noblesse

Pianist Jan Lisiecki
Copyright: Ksawery Zamoyski
Martha Argerich, auf die sich die meisten Ticketkäufer gespitzt haben dürften, hatte krankheitshalber absagen müssen – mit der Folge, dass etliche von ihnen ihre Karten zurückgegeben hatten. Die Enttäuschung ist nachvollziehbar, indes verpassten die Verzichtenden den tatsächlich sehr hörenswerten und also würdigen Ersatz: den kanadischen Starpianisten Jan Lisiecki (den man freilich im Unterschied zu der gerade 85 Jahre alt gewordenen Grand Dame des Klaviers noch Jahrzehnte lang zu vernehmen Gelegenheit haben wird).
Exquisite Kammermusik-Effekte
Griegs a-Moll-Konzert stand im Konzert des Rotterdamer Philharmonischen Orchesters unter seinem Chefdirigenten Lahav Shani auf der Agenda (dass den Kölner Auftritt des israelischen Künstlers erneut vor der Philharmonie postierte Polizei schützend flankieren musste, ist beschämend genug). Lisiecki stellte das Werk nicht als martialisch gepanzertes Schlachtross vor, sondern aus dem Geist einer noch Chopin-nahen Geschmeidigkeit und schlanken Noblesse. Der silbrige Höhenanschlag – vom Feinsten! Auch die Kadenz des ersten Satzes schwitzte in keinem Augenblick. Und im Dialog mit den Orchesterinstrumenten stellten sich immer wieder exquisite Kammermusik-Effekte ein. Aufs schönste gelang der zweite Satz mit seinem rhapsodischen Abtauchen in romantisch-poetische Traumwelten, während das Finale durch seine energische rhythmische Pointierung erfreute – da hörte man geradezu die nordischen Elementargeister durch das Refrainthema hüpfen.
Rotterdamer Orchester blieb diesmal hinter Nachbarn zurück
Das Orchester begleitete inspiriert und zuverlässig, manchmal funktionierte es nicht hundertprozentig an Einsatz- und Nahtstellen. Das wäre nicht weiter zu beanstanden gewesen, wenn sich diese leichten Defizite nicht auch in der folgenden zweiten Brahms-Sinfonie bemerkbar gemacht hätten. Zu hören war eine gute, aber keine Weltklasse-Interpretation – das Spielniveau ihrer Nachbarn vom Amsterdamer Concertgebouw erreichten die Rotterdamer diesmal jedenfalls nicht. Unstrittig gab es viel Gutes und Schönes zu hören: Gleich den ersten Satz ließ Shani (erneut) mit großer kammermusikalischer Transparenz spielen. Die Lautstärke kam selten über ein Mezzoforte hinaus, und die Metamorphosen des alles beherrschenden dreitönigen Pendelmotivs wurden mit nahezu didaktischer Eindringlichkeit zelebriert. Dicht und erfüllt war immer wieder das Cantabile der Geigen. Manchmal staute sich über alldem die Musik, kam nicht richtig in den Fluss.
Dieses Problem, so es eines war, löste sich in den Folgesätzen auf, aber auch im Funken sprühenden Finale fehlte der letzte Aplomb, jene Zusatzportion an fokussierter Schlagkraft und Brillanz, die den Drive des Satzes erst so richtig unwiderstehlich macht. Druck und Power lieferte die Zugabe, der womöglich berühmteste von Brahms’ Ungarischen Tänzen, dann schier im Übermaß. Da wurde der Publikumsbeifall zielsicher herbeigespielt.
