Abo

Kölner PhilharmonieEtwas Nacktes und Rohes

3 min
Yoav Levanon

Yoav Levanon

Den jungen israelischen Pianisten Yoav Levanon zieht es beim Konzert mit dem WDR Sinfonieorchester zu Extremwerten.

Eine Entdeckung ist er eigentlich nicht mehr. Der 2004 geborene israelische Pianist Yoav Levanon gastierte schon als Teenager auf den großen internationalen Podien; er wurde von Zelebritäten wie Daniel Barenboim, András Schiff und Murray Perahia gefördert und unterschrieb mit 17 Jahren einen Exklusiv-Vertrag bei Warner Classics. Die beiden Klavierkonzerte von Franz Liszt hat er bereits 2024 eingespielt; mit dem ersten in Es-Dur debütierte er nun beim WDR Sinfonieorchester.

Schon die apokalyptisch donnernden Doppel-Oktaven der einleitenden Solokadenz machten deutlich, wofür irgendwann mal die Plattitüde von der „krachenden Virtuosität“ erfunden wurde. Yoav Levanon verfügt zweifellos über eine blendende Technik und einen beeindruckend guten Kraftumsatz; so konnte er den Steinway immer wieder bis an die Leistungsgrenze ausfahren, ohne dabei ins Schwitzen oder Schuften zu geraten.

Auch im Leisen und Zarten zog es den jungen Musiker zu den Extremwerten, sodass seine Interpretation ihre Wirkung letztlich vor allem aus den starken Kontrasten bezog. Die Kraftmengen, die der griechische Maestro Constantinos Carydis ins Orchester pumpte, sorgten dort auch nicht gerade für eine besonders subtile Spielweise.

Reichlich grobkörnige Darstellung

Niemand wird bestreiten, dass dieses Konzert ein auf starke Effekte berechnetes Schaustück ist, aber in seiner Verschränkung von Ein- und Mehrsätzigkeit, in der Entwicklung aller Themen aus einer gemeinsamen Motivzelle stellt es doch auch eine innovative und ambitionierte Konstruktionsleistung dar – davon war hier wenig zu spüren.

Und doch schien diese reichlich grobkörnige Darstellung einer Art höherem Plan zu folgen, einer Idee, die sich über das gesamte Programm ausbreitete. So wurde das Liszt-Konzert von zwei Werken griechischer Provenienz in die Zange genommen: Am Anfang stand das „Prooimion“ von Periklis Koukos, eine mit eher schlichten illustrativen Mitteln arbeitende Orchester-Rhapsodie, die Odysseus im Aufbruch zu seinen Irrfahrten zeigt. Auf das Konzert folgte Minas Borboudakis’ „Katharsis“, ein kurzes Klavierstück, das den Resonanzwirkungen rabiater Kantenschläge im Bassregister nachhört.

In der Kombination der drei Werke (denen noch eine jazzinspirierte Zugabe aus der Feder des Solisten folgte) sollte möglicherweise eine kritische Auseinandersetzung mit der Idee des Heroismus zum Ausdruck kommen; da wurde etwas Nacktes und Rohes erlebbar, etwas unmittelbar Physisches, das zweifellos seinen Platz in der Kunst hat, das sich aber nicht so ohne weiteres auf ein romantisches Klavierkonzert projizieren lässt.

Umso schlüssiger erwies sich dieses Konzept (wenn es denn eines war) in der fünften Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch. Takt für Takt enthüllte Constantinos Carydis, wie sich diese Musik unter der stalinistischen Knute windet; brüllend brutal zog die Marschepisode der Kopfsatz-Durchführung vorbei, fast unerträglich war die Dehnung der Tempi im langsamen Satz.

Von der berühmten Finalcoda ist in Programmheften immer wieder zu lesen, ihr affirmatives D-Dur-Pathos sei in Wahrheit kritisch gemeint, sei Jubel mit umgekehrtem Vorzeichen – nur kann man das auf dem Podium kaum je hören. Bei Carydis schon: Da trat die Militärparade qualvoll auf der Stelle, marschierte sich wund, bohrte sich fest. Und in den letzten Takten knallten die Kalaschnikows.