Die Autorin Katja Lewina über die vermeintliche Beziehungsunfähigkeit junger Menschen und warum sie Trennungen nicht als Scheitern betrachtet.
Katja Lewina„Es ist ein gutes Zeichen, dass es so viele Trennungen gibt“

Die Autorin und Journalistin Katja Lewina ist mit ihrem neuen Buch „Wir können doch Freunde bleiben“ (DuMont) in Köln zu Gast.
Copyright: Julija Goyd
Frau Lewina, Ihr neues Buch heißt „Wir können doch Freunde bleiben“ – eine Floskel, der wohl jeder schon einmal begegnet ist. Aber könnten wir nach einer Trennung vielleicht wirklich Freunde bleiben?
Nein, aber wir können Freunde werden, davon bin ich überzeugt. Egal wie umsichtig, klug und beidseitig eine Trennung war, sind doch nahezu immer verletzte Gefühle und Enttäuschung im Spiel. Deshalb braucht es erst einmal eine Zeit, in der sie abkühlen und die Verletzungen ausheilen können. Dann ist eine vergangene Beziehung aber die beste Grundlage, um eine Freundschaft zu begründen: Man hat viel Zeit zusammen verbracht, vielleicht einiges durchgestanden, kennt sich so gut wie kaum sonst jemand. Das wegzuwerfen, weil es mit der romantischen Liebe nicht geklappt hat, finde ich sehr schade. Aber natürlich gilt das nur für Beziehungen, die nicht missbräuchlicher Natur waren. Solche Menschen haben in unserem Leben nichts verloren.
Sie versammeln im Buch Trennungsgeschichten, die Ihnen zugetragen wurden. Woran scheiterten denn die meisten der Beziehungen?
Ich serviere natürlich die ganze Palette der Absurditäten, aber die Klassiker sind wahrscheinlich: Jemanden anderen kennengelernt, fremdgegangen, auseinandergelebt. Aber das sind nur sichtbare Symptome für Dinge, die viel tiefer liegen. Die viel spannendere Frage ist ja: Was ist eigentlich da drunter zwischen den beiden passiert? Wie konnte diese Situation entstehen? Haben sie vielleicht aufgehört, miteinander zu reden?
Die meisten haben schon teilweise über Jahre geahnt, dass das nicht die richtige Beziehung für sie ist.
Es gab also schon vorher größere Probleme in der Beziehung.
Egal von wem die Trennung am Ende ausging: Die meisten Menschen, mit denen ich gesprochen habe, haben schon teilweise über Jahre geahnt, dass das nicht die richtige Beziehung für sie ist. Mit diesem Grundrauschen kann dann alles Mögliche passieren, was die Beziehung zum Einsturz bringt. Als ich mit dieser Erkenntnis auf meine eigenen vergangenen Beziehungen geschaut habe, ist mir klar geworden, dass auch ich es in den allermeisten Fällen schon lange vorher geahnt habe. Aber das traut man sich oft nicht einzugestehen und drückt es lieber weg.
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Nun gehören auch zu den Höhen jeder gesunden Beziehung Tiefen. Was raten Sie Menschen, die gerade zweifeln, wann sollte man sie tatsächlich beenden?
Wenn wir vorhaben, lange mit jemandem zusammen zu sein, können wir nicht erwarten, dass wir jahrelang nur Konfetti-Kanonen um die Ohren geschossen bekommen, sondern klar: Es werden uns große Herausforderungen begegnen. Vielleicht bekommen wir Kinder, bauen ein Haus, müssen uns um pflegebedürftige Eltern kümmern oder erkranken selbst. Die wichtigste Frage ist dann: Sind es die Lebensumstände oder ist es dieser Mensch? Das sollte man lernen, zu differenzieren, denn häufig kommt mit einer Grundunzufriedenheit mit dem eigenen Leben auch eine Unzufriedenheit mit der Partnerschaft. Das Zweite ist, die Beziehungszufriedenheit auf lange Sicht zu betrachten und wie ein Ökonom hin und wieder zu schauen, ob man eine positive Bilanz ziehen kann oder nicht.
Das ist allerdings nicht einfach.
Natürlich können wir Beziehungszufriedenheit nicht wirklich quantifizieren, aber wir können uns fragen: Ist es im Großen und Ganzen noch eine Bereicherung, mit diesen Menschen zusammen zu sein? Bei vielen der Geschichten in meinem Buch denkt man: Trenn dich doch endlich, was suchst du da noch! Da ist offensichtlich kein Fortschritt mehr möglich, aber die Partner halten trotzdem noch aneinander fest. Auf der anderen Seite bin ich auch nicht der Meinung, dass man zwingend auseinandergehen muss, weil man sich „auseinandergelebt“ hat. Wenn es keine tiefergehenden Konflikte gibt, spricht nichts dagegen, das als Elternbeziehung, WG oder eben Freundschaft weiterzuführen.
Heute wird jede dritte Ehe geschieden. Und gerade der jüngeren Generation wird gerne eine Beziehungsunfähigkeit attestiert. Stimmt das?
Erstmal sieht es so aus, als würden wir unsere Eltern- oder Großelterngeneration in puncto Beziehungsfähigkeit weit unterbieten. Aber eigentlich ist es ein gutes Zeichen, dass es so viele Trennungen gibt.
Warum?
Noch bis vor wenigen Jahrzehnten hatten gerade Frauen keine Chance ohne ihren Mann. Als Geschiedene war der soziale Abstieg garantiert, einen Beruf zu haben und eigenes ökonomisches Kapital anzuhäufen, war kaum möglich. Wir können also nicht sagen: Unsere Großeltern, die wussten noch, wie das geht mit der Liebe. Mit Liebe hatte das häufig überhaupt nichts zu tun. Je gleichberechtigter unsere Gesellschaft wird, desto mehr Trennungen wird es geben. Kein Wunder, dass sie mehrheitlich von Frauen ausgehen. Sie müssen sich nicht mehr jeden Mist gefallen lassen.
Je gleichberechtigter unsere Gesellschaft wird, desto mehr Trennungen wird es geben.
Trennungen werden meistens als Scheitern betrachtet. Sie sehen das anders?
Ich liebe Trennungen! – oder, besser gesagt, Neuanfänge. Die bringen uns dazu, uns weiterzuentwickeln, uns nach Besserem zu strecken und vielleicht auch mehr nach uns selbst. Sicher kann man sich diese Neuanfänge auch innerhalb einer langfristigen Beziehung bauen, indem man verschiedene Lebensabschnitte zusammen zelebriert und bewusst wahrnimmt. Aber alle, die jemals eine handfeste Krise in ihrem Leben durchlaufen haben, wissen, wie gestärkt man daraus hervorgehen kann. So schlimm sich eine Trennung zunächst auch anfühlen mag: Sie ist immer auch eine fantastische Chance, im Leben weiterzukommen.
Das klingt nach einem Plädoyer für Trennungen.
Soweit würde ich nicht gehen, es gibt bestimmt auch ganz tolle Beziehungen da draußen. Andererseits kenne ich keine einzige Person, die sich eine Trennung leicht gemacht hätte. Die meisten hadern Ewigkeiten damit. Und wenn es dann doch passiert, dann hat einem das Schicksal eben die Möglichkeit vor die Nase gelegt, noch einmal neu zu beginnen. Das ist doch wunderbar!
Sie haben schon sehr persönliche Bücher geschrieben. Dieses hier sollte es eigentlich nicht werden. Warum ist daraus nichts geworden?
Ich fand es super, endlich mal einfach nur über die Probleme anderer Leute zu schreiben. Aber kaum lag das Manuskript bei meiner Lektorin, hat sich mein Partner von mir getrennt. Ich habe schon gedacht, dass ich es vielleicht herbeigeschrieben habe.
Hat die Arbeit am Buch Sie dann belastet oder vielleicht sogar geholfen?
Am Ende war alles genau richtig: Ich habe in diesem Buch einen wahnsinnigen Trost gefunden – allein durch die Gewissheit, dass es all diesen Menschen auch so ähnlich ging wie mir. Wir denken ja immer, wir sind die Einzigen, denen so etwas Schlimmes passiert. Aber es geht noch viel schlimmer! Vor allem aber: Fast alle Erzählenden konnten mit Abstand sagen, dass die Trennung, egal wie sehr sie sich dagegengestemmt hatten, doch gut für sie war. Das hat mir geholfen, diese Zeit zu überstehen. Jetzt kann auch ich sagen: Gut, dass diese Beziehung zu Ende gegangen ist.
„Wir können doch Freunde bleiben – Trennungsgeschichten aus der Hölle“, DuMont Buchverlag, 208 Seiten, 20 Euro. Lesung mit der Autorin am 26.1., um 20 Uhr, in der Thalia Mayersche Buchhandlung, Neumarkt 2, 50667 Köln. Tickets kosten 15 Euro.

