Caroline Wahls neuer Bestseller „Windstärke 17“Dieser Klumpen Wut im Bauch

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Caroline Wahl

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Auch Caroline Wahls zweiter Roman „Windstärke 17“ ist ein großer Erfolg – Ist der Hype um die junge Autorin berechtigt?

Der Buchmarkt ist unberechenbar: Da erscheinen Debüts, die hätten alle Aufmerksamkeit der Welt verdient, aber sie verkaufen sich schlecht. Manche Titel auf der Bestsellerliste lassen wiederum verzweifeln, weil es so vieles gibt, das so viel besser ist.

Und dann gibt es die Überraschungserfolge, über die man sich aufrichtig freut. Ein solcher Titel war 2023 Caroline Wahls „22 Bahnen“ (DuMont), der aktuell in der Taschenbuchausgabe wieder auf Platz 1 steht. Das verdankt er dem zweiten Roman der Autorin, der zeitgleich den Spitzenplatz der Hardcover-Liste nach Erscheinen innehatte und nun auf Platz 2 steht. Wieder gibt es eine Zahl im Titel, die eine wichtige Rolle spielt: „Windstärke 17“.

Wahl beherrscht eine seltene Kunst: Sie schreibt Romane, die sich einfach weglesen lassen, in die man – passend zum zentralen Motiv des Schwimmens – eintauchen kann und die dennoch Tiefe und Kraft haben.

Fans von „22 Bahnen“ werden sich deshalb sehr freuen, dass die 29-Jährige über eine vertraute Person schreibt: Ida, die kleine Schwester der Heldin Tilda aus „22 Bahnen“ blieb nach deren Auszug allein bei der alkoholkranken Mutter. Und auch wenn Tilda alles daran setzte, für die kleine Schwester weiterhin da zu sein, ist da ein Klumpen Wut in Idas Bauch, den sie nicht so einfach los wird.

Wieder schreibt Wahl mit leichter Hand über schwere Themen

Zu Beginn von „Windstärke 17“ ist aus Ida eine junge Erwachsene geworden. Die Mutter nahm sich das Leben, und Ida will nur raus, weg aus der Wohnung, weg aus der Stadt. Tilda fleht sie an, zu ihr zu kommen, aber deren geregeltes Leben mit gutem Job, Mann und Kindern erträgt sie nicht. Also fährt sie einfach los und landet auf Rügen. Niemanden kennt sie dort, aber für Ida, die ohnehin entwurzelt ist, fühlt sich genau das richtig an.

Sie findet Unterschlupf bei Marianne und Knut, der eine Kneipe betreibt, in der sie kellnert. Und sie lernt Leif kennen, der innerlich genauso versehrt ist wie sie. Aber am Horizont zieht neues Unheil auf.

Wie schon in Caroline Wahls erstem Roman gelingt es ihr auch in „Windstärke 17“, über so schwere Themen wie Krankheit, Tod, Verlust und Einsamkeit in einem Ton zu schreiben, der nie oberflächlich ist, aber dennoch nicht in Abgründe reißt. Sie will mit ihren Romanen Mut machen, sagte Caroline Wahl in einem Interview. Daher tappt sie auch nicht in die Falle, dass man sie vor allem deshalb liest, um das eigene Leben angesichts des Elends anderer aufzuwerten.

Wie schon in „22 Bahnen“ spielt Schwimmen in „Windstärke 17“ eine zentrale Rolle, aber dieses Mal ist es kein Schwimmbad, sondern die raue Ostsee, in die sich die Protagonistin stürzt. Und das passt gut, denn noch rauer und selbstzerstörerischer als Tilda agiert auch Ida. Caroline Wahls Heldinnen haben zwar zu kämpfen, aber man muss sie nicht bemitleiden. Im Gegenteil, sie nötigen Respekt ab, weil sie nicht aufgeben, obwohl es Grund dazu gäbe.


Caroline Wahl: „Windstärke 17“, DuMont Buchverlag, 256 Seiten, 24 Euro.

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