Der chinesische Staatschef zitiert den antiken Historiker Thukydides und lockt den US-Präsidenten in die rhetorische Falle.
China-GipfelWie Xi Trump mit einem alten Griechen austrickst


US-Präsident Donald Trump (links) geht auf sein Auto zu, während Chinas Präsident Xi Jinping (rechts) ihm nach einem Besuch im Zhongnanhai-Garten in Peking am 15. Mai 2026 nachblickt.
Copyright: Evan Vucci/AFP
Es waren der Aufstieg Athens und die Furcht, die er in Sparta auslöste, die den Krieg unvermeidlich machten. Schrieb der griechische Historiker Thukydides in seiner „Geschichte des Peloponnesischen Krieges“. Ein Werk, das sich durch seine Nüchternheit und analytische Schärfe auszeichnet, die knappe Feststellung beweist es.
2400 Jahre später, genauer gesagt im Jahr 2014, griff der Harvard-Politologe Graham T. Allison den Satz in einem Artikel für die „Financial Times“ wieder auf, um damit seine These von der „Thucydides Trap“, der Thukydides-Falle, zu untermauern. Wenn eine aufstrebende Großmacht (Athen) zur Bedrohung für die bestehende Ordnung (hier Sparta) wird, den so genannten Hegemonen, dann geraten beide Seiten unweigerlich in eine strukturelle Falle, in eine Spirale aus Misstrauen, Aufrüstung und Eskalation.
Interpretierte Allison seinen antiken Vorläufer und führte dazu ein Dutzend Beispiele aus der Geschichte an, vom Osmanischen Reich, das im 16. Jahrhundert den Habsburgern die Stirn bietet, über den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, bis zum aktuellen Kollisionskurs, auf dem sich die USA und China befänden, wie der Politikwissenschaftler in seinem Buch „Destined for War“ argumentiert.
Xi Jinping widerspricht US-Historiker
Dem widersprach Xi Jinping damals persönlich. Jetzt bemühte Chinas Staatschef die Allinson’sche These erneut bei seinem Treffen mit Donald Trump. Die entscheidende Frage laute, so Xi, ob die USA und China die Thukydides-Falle überwinden und ein neues Modell für die Beziehungen zwischen Großmächten entwickeln könnten. Gleich im Anschluss kam er auf die Taiwan-Frage zu sprechen. Die sei das wichtigste Thema in den chinesisch-amerikanischen Beziehungen, sagte Xi. Bei falscher Handhabung dieses Themas könnten die beiden Nationen in eine äußerst gefährliche Lage geraten. China beansprucht die autonome Insel als Teil seines Staatsgebiets.
Der „Überragende Führer“ ist ein kluger Kopf: Da konfrontiert er den fernsehgebildeten US-Präsidenten mit einem Klassiker des westlichen Kanons und der viel diskutierten These eines US-Forschers, weist dabei den Vereinigten Staaten durch die Blume die Rolle der etablierten Weltmacht zu, die dem Verlust ihrer Vormachtstellung entgegensieht. Weshalb sie das selbstbewusstere Auftreten Chinas als kriegerischen Akt missverstehen könnte. Mit anderen Worten: Nicht das nach Taiwan gierende China ist der Aggressor, sondern die USA, wenn sie dem Inselstaat zu Hilfe eilen würden.
Immerhin, Trump oder zumindest seine Berater, verstanden das rhetorische Manöver. Xi habe, schrieb der Präsident in den sozialen Medien, die Vereinigten Staaten sehr elegant als eine Nation bezeichnet, die sich möglicherweise im Niedergang befindet. Aber das sei natürlich kein Hinweis auf die USA unter seiner Führung: „Heute sind die Vereinigten Staaten die angesagteste Nation der Welt, und hoffentlich wird unsere Beziehung zu China stärker und besser sein als je zuvor!“
Da sieht man den Unterschied zwischen Wunschdenken und Strategie. Übrigens – wie Xi sicher weiß – muss nicht zwangsläufig die aufstrebende Macht gewinnen: Den Peloponnesischen Krieg entschied Sparta für sich – war durch diesen antiken Weltkrieg jedoch so geschwächt, dass bald darauf die Makedonier Philipp II. und Alexander der Große als lachende Dritte die Macht übernahmen. Das ist die wahre Falle des Thukydides.
