Anthropic scheint jetzt den universalen digitalen Türöffner entwickelt zu haben, von dem Hollywood 1992 in „Sneakers“ träumte.
Claude MythosWie Hollywood die nächste KI-Revolution vorhersah


Robert Redford (rechts) mit Mary McDonnell im prophetischen Film „Sneakers - Die Lautlosen“
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Prophetie ist Glückssache, aber so viel Glück wie Hollywood muss man erst mal haben. Als dort vor bald einem Vierteljahrhundert der Thriller „Sneakers“ vom Fließband lief, wurde er von Kritik und Publikum als launiges Vehikel für den scheinbar ewig jungen Robert Redford akklamiert. Als freundlicher Hacker jagt dieser einem Kryptochip hinterher, mit dessen Hilfe man sämtliche Türen und Hintertüren der digitalen Welt aufschließen kann. Redfords Gegenspieler will das Wunderding dazu verwenden, um das globale Finanzsystem zu sprengen und König der daraus folgenden Anarchie zu sein.
Das konnte man als Science-Fiction abtun und den sagenhaften Computerchip als MacGuffin, der die Handlung in Gang bringen soll, koste es an Glaubwürdigkeit, was es wolle. Zumal die Sache Hollywood-typisch gut ausging: Der Schurke wurde mit einem leeren Schatzkästlein übers Ohr gehauen, und Redford verschwand mit dem digitalen Sesam-Öffne-Dich an einen unbekannten Ort.
Hat Anthropic einen Nachschlüssel für das Internet in der Hand?
Leider kann uns Redford heute nicht mehr retten, und die Hollywood-Träumerei scheint Wirklichkeit geworden zu sein. Jedenfalls gab die KI-Firma Anthropic diese Woche bekannt, ihre Claude Mythos genannte Künstliche Intelligenz sei zu gefährlich, um veröffentlicht zu werden. Bei internen Testläufen, so Anthropic, habe Claude Tausende bislang unbekannte Schwachstellen in kritischer IT-Infrastruktur entdeckt, durch die man in alle bekannten Betriebssysteme eindringen könne.
Wenn das stimmt, hat Anthropic einen universalen Nachschlüssel für das Internet in der Hand – einen General-Dietrich, wie es findige Experten formulierten. Falls nicht, sind die Anthropic-Gründer Marketing-Genies. Jedenfalls haben sie nach guter Hacker-Sitte die potenziellen Opfer ihres KI-Modells eingeladen, dieses vorab zu nutzen, um die Sicherheitslücken heimlich, still und leise zu verschließen. Zu den dankbaren Kunden dieses „Project Glasswing“ gehören Amazon, Apple, Google, Microsoft und etliche weitere Größen der schönen neuen digitalen Welt.
Selbstredend wird auch diese Büchse der Pandora irgendwann geöffnet und ein Mythos-Klon durch die freie Wildbahn spuken. Mit diesem könnte der finstere Plan des „Sneakers“-Schurken bald zum Tagtraum sämtlicher Geheimdienste, Schurkenstaaten und Pennäler werden. Regiert also in Kürze die Anarchie das globale Bankensystem, und ist der Kapitalismus damit endgültig gecrasht? Fragen, die sich anscheinend auch der US-Finanzminister und der US-Notenbankchef stellen. Am Dienstag sollen sie die Chefs der großen US-Banken einberufen haben, um sie vor der nächsten digitalen Revolution zu warnen.

