- In Deutschland sind ganze Generationen von Kinozuschauern geprägt vom letzten von Walt Disney direkt überwachten Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1966.
- Der neue, virtuelle Urwald und seine Bewohner haben aberwitzig viel Geld gekostet – aber ein abenteuerliches Flair stellt sich kaum einmal ein.
Anerkenne Autorität, gehorche Befehlen, übe dich in sportlicher Fairness – es waren schon sehr britisch geprägte Ideale, die Rudyard Kipling dem Menschenjungen Mogli durch die Tiere des Dschungels vermitteln ließ. Über die Hälfte der 16 Dschungelbücher widmete Kipling dem Jungen, der im Urwald von Wölfen gesäugt und aufgezogen wird und sich stets gewiss sein muss, dass sein größter Feind, der Tiger Shir Khan, auch mit der List der Menschen nicht leicht zu besiegen sein wird. Es sind seine besten Freunde, der Panther Baghira, der Bär Balu und die Schlange Kaa, die Moglis Kampf zu einem erfolgreichen Ende führen.

Auch in der Luft ist das Urwaldkind in seinem Element.
Copyright: 2015 Disney Enterprises
Moment! Kaa ist Moglis Freund? Ja, im Buch ist das so. Wer aber hierzulande vom „Dschungelbuch“ hört, der hat weder Zoltan Kordas stimmungsvollen Technicolor-Abenteuerfilm von 1942 vor Augen noch Jason Scott Lee, der 1994 unter der Regie von Stephen Sommers als Jung-Tarzan fürs Familienpublikum durch die Urwaldkulissen fegte. In Deutschland sind ganze Generationen von Kinozuschauern geprägt vom letzten von Walt Disney direkt überwachten Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1966. Er kennt die Figuren, er kennt die Lieder, und er kennt die Geschichte und weiß genau, wie was auszusehen hat.

Mogli nimmt ein Bad mit Bär Balu.
Copyright: 2015 Disney Enterprises
Und genau deshalb ist Jon Favreaus „The Jungle Book“ 2016 ein echter Schock, denn ab sofort muss umgedacht werden. Das Disney-Studio steht nach geschäftlichen Erfolgen mit „Rapunzel“, „Eiskönigin“ und „Star Wars“ so stark da wie kaum zuvor in seiner Geschichte und hat fürs neue Jahrhundert den Plan aufgelegt, alle seine Zeichentrickklassiker neu als Spielfilm aufzulegen.
Dieser Film zeugt von keinem guten Geschmack
Und hier ist nun also – nach „Alice im Wunderland“ – das Dschungelbuch mit einem echten Menschenkind (der zwölfjährige New Yorker Neel Sethi, der zeigt, dass auch in Amerika die Wunderkinder nicht auf Bäumen wachsen) inmitten einer Digitalwelt, in der jedes Tier und jeder Baum und jedes Blatt von Großrechnern erstellt und zu einer neuen Art von Dschungelpracht vereint wurden.
Dieser virtuelle Urwald und seine Bewohner haben aberwitzig viel Geld gekostet, es sieht auch alles sehr schön aus, aber ein abenteuerliches Flair stellt sich kaum einmal ein. Zu sehr wurde der Film als Gruselmär mit extrem reißerischen Spannungsmomenten und unpassend albernen Spaßsequenzen angerührt. Der bis ins Detail durchkalkulierte Instant-Mix enthält sogar die musikalischen Zwischenspiele aus dem Zeichentrickfilm, was im Falle des monströs überdimensionierten Affenkönigs Louis das Wichtigste demonstriert – dieser Film zeugt von keinem guten Geschmack.
