„Ich hab’ genug von dem Scheiß“, predigt Lizzo vor der goldenen Kanzel, „und ich muss nicht erst eure Geschichten hören, um zu wissen, dass ihr auch genug habt von dem Scheiß.“ Zustimmendes, ja ekstatisches Johlen im ausverkauften Palladium. Das Publikum ist zu 70, 80 Prozent weiblich, und ja, sie haben genug von dem Scheiß. Genug von wertenden Blicken, genug davon, in Schablonen gepresst zu werden.
Lizzo passt in keine Schablone. Sie trägt ein hellblaues Korsett und Netzstrümpfe, was besonders gut zur Geltung kommt, wenn sie dem Publikum ihre Rückseite zukehrt und ihre gewaltigen Hinterbacken erzittern lässt, „twerking“ nennt man den afroamerikanischen Tanzstil, bei dem das Gesäß besonders schön zur Geltung kommt.
„Es ist so schwer, dich selbst zu lieben, in einer Welt, die deine Liebe nicht erwidert“, setzt Lizzo ihre Predigt fort, „du verdienst es, dich verdammt gut zu fühlen. Wir verdienen es alle, uns verdammt gut zu fühlen.“ Mit exakt derselben Rede hat die 31-Jährige bereits bei den MTV Music Awards ihren Song „Good as Hell“ eingeleitet, aber sie hat nicht an Dringlichkeit verloren.
Mit 21 Jahren, ihr Vater war gerade gestorben, hatte die in Detroit als Melissa Jefferson geborene Rapperin, Sängerin und klassisch ausgebildete Flötistin ihr gesundes Selbstbewusstsein verloren. Sie wollte Karriere machen im HipHop-Geschäft, aber wie? Vielleicht lag es ja an ihr, lag es daran, dass sie ein „big girl“ war. Frauen wie sie kamen in Modemagazinen, Hollywood-Filmen und Musikvideos nicht vor. Also hielt sie strenge Diät, trainierte wie eine Besessene.
Bis sie genug hatte von dem Scheiß. Bis sie dem Schneewittchen-Spiegel – nachzuhören in den ersten Zeilen ihres Retro-Funk-Hits „Juice“ – den Mund verbat, sie wisse schon selbst, wie schön sie sei. Bis sie lernte, neben ihren unzweifelhaften Rap-Fähigkeiten auch noch ihrer Singstimme zu trauen, ja sogar die Querflöte, ihre erste musikalische Liebe, wieder auszupacken. In Köln kommt sie zur Zugabe zum Einsatz.
Der Erfolg kam nicht über Nacht: Lizzo zog nach Minneapolis, musizierte mit Prince, reüssierte erst als dreist reimender Underground-Star, bis ihr mit der Nummer-eins-Single „Truth Hurts“ (und dem dazugehörigen dritten Album „Cuz I Love You“) endlich der Durchbruch in den Mainstream gelang – einem Schluss-mach-Song, den Lizzo mit der unsterblichen Zeile beginnt, dass ein DNA-Test ergeben habe, sie sei „that bitch“, und in dessen Video sie sich am Ende selbst heiratet.
Jetzt liebt die sie Welt zurück. Liebt sie für ihre Botschaft, dass jeder Körper schön ist, und mehr noch für die unbekümmerte Energie, mit der sie diese Botschaft verbreitet. Klar, Aretha Franklins „Respect“ wird hier als Urtext zitiert, und Lizzos DJane Sophia Eris hatte bereits im Vorprogramm sämtliche Vorbilder von Whitney Houston über TLC bis zu Beyoncé angespielt. Doch Lizzos lässig-offene Art hebt sie von diesen Diven ab, der perfekten Pop-Inszenierung setzt sie ein kommunales Erlebnis entgegen, bei manchen Stücken singt das textsichere Kölner Publikum mehr Liedzeilen als die Künstlerin. Das stört hier aber niemanden, das stärkt nur den Rapport. Der erinnert eher an einen Gospel-Gottesdienst als an ein Konzert, nur dass Tequila und „Motherfucker“-Ausrufe hier Weihwasser und Amen ersetzt. Trotzdem, am Ende fühlt man sich ebenso geläutert und erlöst.
Was der 80-minütigen Show dagegen dringend fehlt ist eine Band, ein angemessener Resonanzboden für Lizzos stürmisches Organ. Die Musik kommt nämlich komplett aus der Retorte. Das ist zwar bei HipHop-Shows durchaus üblich, aber Lizzo hat ihr ursprüngliches Genre ja längst hinter sich gelassen.
