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"Das oberste Gebot: Nicht eingreifen!"

6 min

Herr Barfuss, welches Tier hat in Ihrer Kindheit als Erstes Ihr Herz erobert?

Die Katzen. Ich bin auf einem ökologischen Bauernhof aufgewachsen. Wir hatten sämtliche Tiere, die man sich da so vorstellt, inklusive Hund. Katzen mochten meine Eltern überhaupt nicht. Die kamen freiwillig zu uns, bekamen auf dem Heuboden ihre Babys und lagen frühmorgens in meinem Bett. Die Katzen haben mich quasi ausgewählt, und ich habe sie immer geliebt.

Haben Sie als Kind selbst gerne Tierfilme gesehen?

Regisseur Matto Barfuss

Tiere haben mich immer sehr beeinflusst. Wobei wir zu Hause gar keinen Fernseher hatten. Ich habe mit zehn, elf Jahren das erste Mal ferngesehen.

Grzimek und Sielmann kannten Sie also früher gar nicht?

Doch, mit denen bin ich natürlich auch aufgewachsen. Dabei habe ich schon immer an das hinter der Kamera gedacht und überlegt: Wie haben die das gemacht? Wie arbeiten die? Der größte Film für mich damals war "Serengeti darf nicht sterben". Zum einen aus der Warte des Tierfilmers. Welches Abenteuer stand dahinter? Aber auch die Gedanken des Artenschützers, wie es Grzimek ja war. Und dadurch wurde bei mir ein Samen gesät: Afrika.

Gab es weitere Vorbilder?

Neben Grzimek und Sielmann begeisterten mich von Anfang an die Walt-Disney-Filme. "Die lustige Welt der Tiere" fand ich klasse. Was mich so inspirierte, waren die Nähe und die Gefühle. Ich wollte schon immer wissen: Wie fühlt sich so ein Tier? Und ich wollte das übersetzen, damit möglichst viele verstehen, wie sich so ein Tier wohlfühlt.

Apropos Gefühle: Viele Kinder haben daran zu knabbern, dass sie in Tierfilmen mit der Erbarmungslosigkeit der Natur konfrontiert werden - so wie in "Maleika". Warum halten das für wichtig?

Ich denke, es ist wichtig, dass Kinder verstehen: Was steht dahinter? Meiner Erfahrung nach können Kinder mit dem Thema Jagd und Tod sehr gut umgehen, wenn man ganz sanft heranführt. Als wir "Maleika" entwickelten, arbeiteten wir sehr früh in der Screening-Phase mit Kindern zusammen. Da passierte etwas Spannendes. Die Eltern waren ängstlich und vorsichtig, die Kinder völlig entspannt. Als wir die Kinder später malen ließen, was sie in dem Screening gesehen haben, was sie interessierte, haben sie meistens die Verletzung Maleikas gemalt. Das hat sie am meisten berührt und erschrocken. Aber das Thema Tod überhaupt nicht.

Die emotionale Spannbreite zwischen dem Niedlichen und dem Erschütternden ist sehr groß.

Aber mit den Emotionen sind wir in einer Pattsituation. Man kann mal herzhaft lachen, und dann gibt es wieder Szenen, da sind wir im Dramabereich. Aber ein guter Film über das Leben ist doch beides. Die Frage ist, in welcher Form man versucht, das rüberzubringen. Wir haben nach vielen Diskussionen entschieden, dass wir bei den Tod der Jungtiere den "Wide Angle" nehmen. Das im Close-up zu zeigen, wäre eine Katastrophe gewesen. Nun sieht man, wie die Mutter trauert und die Kinder es nicht verstehen. Als sie später erwachsen sind, sieht man sie gemeinsam trauern. Und plötzlich hat man eine ganz intensive Trauerphase.

Da würde jetzt mancher Wissenschaftler stutzen ...

Genau, da geht das gar nicht. Aber so war es ja. Das ist ein wichtiger Punkt im Film. Die Tiere gingen über vier lange Tage jeden Morgen und jeden Abend an die bestimmte Stelle am Fluss zurück, suchten, riefen und wollten nicht aufgeben. Was ist das bitteschön anderes als Trauer?

Wenn man in solchen Momenten dabei ist, nicht eingreifen kann, das muss wahnsinnig schwer sein.

Es ist die Hölle. Wir sind fast verrückt geworden hinter der Kamera. Am schlimmsten war es für uns, als Maleika nach dem Jagen aus den Büschen kam und dieses tiefe Loch in ihrer Brust klaffte. Für uns war klar, dass sie zu 95 Prozent tot ist. Eine Mutter von fünf Babys, die es schon im gesunden Zustand gerade so schafft und so viel leisten muss, und nun dieses extreme Verletzung am wichtigsten Muskel für die Beschleunigung trägt - die hat keine Chance. In diesem Moment habe ich einen Veterinär konsultiert. Ich wollte wissen, was wir tun können. Er sagte, faktisch eigentlich nichts. Wir hätten versuchen können, sie zu sedieren, wussten aber nicht, wie die Kinder reagieren würden. Und das Sedativ wäre in die Muttermilch gegangen, so dass die Kleinen zusätzlich gefährdet gewesen wären. Es galt weiter das oberste Gebot: Nicht eingreifen! Der Film wäre in dem Moment natürlich auch zu Ende gewesen.

Bei Tierfilmen schreibt das Leben das Drehbuch. Was braucht es, ein solches Projekt trotzdem planen zu können?

Unglaubliches Vertrauen und positives Denken. Ich habe Maleika das erste Mal 2012 getroffen. Da hatte sie gerade einen Sprint über zwei Kilometer hingelegt, so dass wir mit dem Auto kaum hinterher kamen. Da hatte ich tief im Inneren das Gefühl: diese Frau wird dir mal eine tolle Geschichte erzählen. Damals war überhaupt nicht absehbar, was daraus wird. So richtig begann es 2014, als Maleika dann plötzlich mit sechs Babys da saß. Allein das war crazy, denn normalerweise hat eine Gepardin drei bis vier Junge. Da dachte ich: Es gibt keine Zufälle im Leben, das muss irgendwie funktionieren.

Wie nah kommen sie beim Dreh an die Tiere heran?

Am Anfang arbeitete ich mit Tele. Nachdem ich merkte, Maleika akzeptiert das alles, und die Beziehung enger wurde, gingen wir immer näher. Ich habe ja früher mit Geparden zusammengelebt, wollte diesmal aber eine externe Kameraposition und keine Interaktion, sondern unbeeinflusst ihre Geschichte erzählen. Maleika ist allerdings sehr schnell und sprang manchmal auf unser Filmauto. Da lag sie dann auf einer Klappe über mir und konnte von dort natürlich weit gucken. Manchmal schlief sie dabei ein und ihr Kopf fiel auf meinen Arm.

Wie können Sie eigentlich sicher sein, dass sie die Tiere nicht stören?

Mit meiner Anwesenheit bin ich erst mal ein Faktor in der Natur, wie auch immer wahrgenommen. Für mich ist entscheidend: Funktioniert ihre Jagd, stimmt die Quote? Oder beeinträchtige ich sie? Und da muss ich sagen, dass Maleika ja mehr Junge großgezogen hat als die Statistik für Geparden sonst leider aufweist.

Welche Lektion hat Sie Maleika gelehrt?

Egal, was auch passiert: Es gibt keinen Grund, aufzugeben. In so mancher Situation hätte man als Mensch die Flinte ins Korn geworfen. Wenn man denkt, wie oft man aus der Haut fährt oder etwas mit der Brechstange will, kann man nur sagen: Wie ein Gepard kommt man einfach besser durchs Leben.

Zur Person

Matto Barfuss, geboren 1970 in Sinsheim/Baden-Württemberg, wurde bekannt als "Gepardenmann". Er lebte 1998 bei einer seiner Afrika-Expeditionen ein halbes Jahr mit einer wilden Gepardenfamilie zusammen. Der Künstler, Filmer, Fotograf und Autor widmet sich mit einer Stiftung, Multivisionsshows und Filmen dem Umwelt- und Artenschutz und wurde 2011 durch Bundesumweltminister Peter Altmaier zum UN-Dekadenbotschafter für biologische Vielfalt berufen. "Maleika" ist sein erster Kinofilm. (jdü)