Die „Rache“ des WestensVor 30 Jahren wurde der DDR-Rundfunk abgewickelt

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Blick in das ehemalige Sendehaus des DDR-Rundfunks

Blick in das ehemalige Sendehaus des DDR-Rundfunks

Köln – Im Sommer 1991 kursierte in den gerade erst entstandenen „neuen Ländern“ das böse Wort vom „weg-mühlfenzln“. Als sein Erfinder gilt Dieter Hildebrandt, und zunächst benutzten es vor allem Medienleute. Als das erste Nach-Wende-Jahr sich seinem Ende zuneigte, war diese Vokabel auch bei normalen Wutbürgern im „wilden Osten“ angekommen. Es brachte den verbreiteten Unmut über den von Helmut Kohl berufenen „Rundfunkbeauftragten“, den vormaligen Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens, Rudolf Mühlfenzl, zum Ausdruck.

Als Vollstrecker kam Rudolf Mühlfenzl aus München

Er hatte die Herkulesaufgabe zu stemmen, binnen kürzester Zeit den DDR-Staatsrundfunk mit seinen ursprünglich 14 000 Angestellten abzuwickeln und ihn durch öffentlich-rechtliche Sendeanstalten nach westdeutschem Vorbild zu ersetzen. Der Widerstand gegen die Pläne war gewaltig, es gab Demonstrationen und wüste Beschimpfungen gegen den „Totengräber“ aus München. Von den Attributen, mit denen der robust auftretende CSU-Mann bedacht wurde, war „Dampfwalze“ noch eines der freundlicheren, er wurde auch als „Rächer“ und „Henker“ geschmäht. So einen Job habe nur einer übernehmen können, meinte Mühlfenzl in realistischer Selbsteinschätzung, „der Prügel gewohnt ist und nichts mehr werden will“.

Als er im Oktober 1990 gemäß Artikel 36 des Einigungsvertrages zwischen der Noch-DDR und der Bunderepublik seinen Posten als oberster Liquidator der Propagandamaschine Staatsfunk übernahm, war der Journalist und Medienmanager 71 Jahre alt. Außer großem Durchsetzungsvermögen, für diese Aufgabe unerlässlich, eilte ihm der Ruf voraus, er verfolge sowohl bei Programm- als besonders auch bei Personalentscheidungen parteipolitische Interessen. Gründungs-Intendant des von Mühlfenzl stets als sein „Baby“ bezeichneten Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) war der aus München importierte CSU-nahe Journalist Udo Reiter.

Mühlfenzl hatte den gewaltigen Kraftakt zu bewältigen, die seit 1952 von der SED beherrschte Radio- und Fernseh-Landschaft mit zwei TV-Vollprogrammen, fünf Regionalprogrammen und insgesamt zwölf Hörfunk-Wellen komplett umzukrempeln, einschließlich der von Berlin-Adlershof aus zentral gesteuerten neun „Klangkörper“ (Rundfunkchor, Kinderchor, Fernsehballett).

Es war die Quadratur des Kreises, das laufende Programm aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die Inhalte nach öffentlich-rechtlichen Grundsätzen auszurichten. Der Macher Mühlfenzl, den seine zahllosen Gegner „den Vollstrecker“ nannten, war wild entschlossen, sich durch nichts und niemanden bei seinem Vorhaben beirren zu lassen. Denn ein Blackout wäre Wasser auf die Mühlen all derer gewesen, die sich vehement gegen sämtliche Veränderungen sperrten. Und der Sendeschluss an Silvester 1991 um Punkt 0.00 Uhr war alternativlos. Parallel zu den schmerzhaften Reformen mussten, auch gegen mancherlei Widerstände im Westen, neue Strukturen geschaffen werden. Im Ergebnis waren das die Drei-Länder-Anstalt MDR für Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt sowie der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB). Mecklenburg-Vorpommern schlüpfte leicht widerwillig unter das Dach des NDR.

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Zu seiner Unterstützung hatte sich Mühlfenzl eine Truppe von ausschließlich westdeutschen Medienprofis zusammengestellt. Sie fühlten sich als Pioniere, denn ihr Job war beispiellos. Anfangs existierte im Haus des Rundfunks im Ost-Berliner Stadtteil Oberschöneweide nicht mal ein Telefon mit Westanschluss. Eine simple Telefonkarte wurde zum wichtigsten Kommunikationsmittel. Im Lada ging es über die ehemalige Sektorengrenze, wo eine gelbe Telefonzelle der Bundespost stand. Sie wurde eine Zeitlang quasi zur Schaltzentrale, wenn der Chef nicht gerade durch die vereinte Republik hastete. „Wir hatten keinen Plan“, meint süffisant einer aus dem Team, „aber der funktionierte.“ Belastet wurde das Projekt „Wiedervereinigung auf dem Bildschirm“ (Mühlfenzl) durch das Beharrungsvermögen mancher Bürgerrechtler. Leute, die gestern noch die Allmacht der Partei beklagt hatten, solidarisierten sich jetzt mit einstigen SED-Genossen in Redaktion und Technik. Aus Sorge, die Ost-Identität werde auf dem Altar der Rundfunk-Einheit geopfert.

Zu Mühlfenzls „Kollektiv“ gehörte in der letzten Etappe auch der Kölner Journalist und Medienberater Markus Schöneberger. Er erinnert sich, wie erleichtert viele Redakteurinnen und Redakteure des zu seinem alten Namen „Deutscher Fernsehfunk“ (DFF) zurückgekehrten Senders waren, „dass die Zeit der Gängelung und Zensur vorbei war“. Erregte Mitarbeiterversammlungen beherrschte die Frage, wie ein demokratischer Neuanfang mit Leuten gelingen sollte, „die Jahrzehnte dem alten DDR-System treu gedient hatten“. Eine Fragebogen-Aktion, bei der es vor allem um Stasi-Kontakte ging, stieß auf Protest.

Einige DDR-Erfolgssendungen wurden sang- und klanglos eingestellt

Von etwa 9500 Fragebögen galten knapp 1700 als „überprüfungsbedürftig“ und wurden von zwei unabhängigen Kirchenvertretern begutachtet. Wenn der Daumen nach unten ging, drohte Entlassung. Mühlfenzl habe in der Belegschaft auch viel Zustimmung gefunden. Regisseur Dietmar Hochmuth erklärte, es könne nicht einfach nahtlos weitergehen. Er bekomme eine Gänsehaut, wenn er in der Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ dieselben Figuren sehe, die noch vor kurzem „offizielle Verlautbarungen stotterfrei abgelesen“ hätten, und jetzt ebenfalls „stotterfrei das absolute Gegenteil verkünden“.

In einem Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, kurz bevor in Adlershof endgültig die Lichter ausgingen, sagte Mühlfenzl, er habe gewusst, „dass ich am Ende nicht der Liebling der Götter sein kann“. Insgesamt zeigte er sich mit seiner Mission aber zufrieden. Der 1. Januar 1992 sei der „wohl bedeutendste Einschnitt in der deutschen Rundfunkgeschichte“. Es gebe keinen Kahlschlag, und es stimme nicht, dass „Polizeiruf 110“ und „Ein Kessel Buntes“ die einzigen Konstanten im neuen Programm seien. Das „Sandmännchen“ überlebte auch dank säckeweise eingetroffener Solidaritätsadressen. Für DDR-Entertainer Heinz Quermann war allerdings schon am ersten Weihnachtsfeiertag Schluss. Seine Kultsendung „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“ schaffte es nicht ins gesamtdeutsche Fernsehen.

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