Abo

Den anonymen Opfern ein Gesicht geben

Lesezeit 2 Minuten

Das Projekt „school is open“ engagiert sich an der Humanwissenschaftlichen Fakultät mit unterschiedlichen Formaten für die pädagogische Arbeit gegen israelbezogenen Antisemitismus. Zum Auftakt einer neuen Veranstaltungsreihe hielt der Wiener Kultur- und Filmwissenschaftler Frank Stern im Januar einen Vortrag zum Thema „100 Jahre Alijah: Zionismus, Utopie und die andauernde Flucht vor dem europäischen Antisemitismus“. Die Reihe steht unter dem Gesamttitel „100 Jahre Alijah von Alumni der Universität zu Köln – Geschichten der Einwanderung nach Israel“ und wird am kommenden Donnerstag mit einer Lesung von Martin Doerry aus seinem Buch „Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn 1900 bis 1944“ fortgesetzt. Darin dokumentiert der Historiker, Autor und „Spiegel“-Journalist die Geschichte seiner Großmutter vor und während der Shoah.

Vor 100 Jahren legte Lilli Jahn an der Kaiserin-Augusta-Schule in Köln ihre Abiturprüfung ab und nahm im Anschluss das Studium der Medizin auf. 1924 promovierte sie an der Universität zu Köln. Während der nationalsozialistischen Verfolgung durfte Lilli Jahn den Doktortitel nicht führen, dem Berufsverbot zum Trotz praktizierte sie weiter. 1944 wurde Lilli Jahn in Auschwitz-Birkenau ermordet.

„Im Grunde steht ihr Schicksal nur für das von Millionen“, schreibt ihr Enkel Martin Doerry im Vorwort zu seinem Buch. „Und doch steckt hinter jedem Holocaust-Opfer eine ganz eigene, besondere Geschichte.“ So stellen Doerrys Lesung wie die Reihe der Humanwissenschaftlichen Fakultät insgesamt nicht zuletzt den Versuch dar, der anonymen Opfermasse der Shoah individuelle Gesichter zu geben. Martin Doerry gelingt dies vor allem mit einer Vielzahl von Briefen. Selbst während des Transports ins Vernichtungslager schaffte es Jahn, einen Bericht an die Familie zu senden: „Wir müssen nun abwarten, wie alles wird. Ich werde weiter tapfer sein und fest die Zähne zusammenbeißen und an Euch denken und durchhalten, wenn’s auch noch so schwer sein wird.“ Auf mehr als 570 Briefe stützt sich Doerrys Buch, hinzu kommen amtliche Dokumente und private Notizen.

Das Projekt der Uni „100 Jahre Alijah“ steht allen Interessierten offen, richtet sich vor dem Hintergrund eines wachsenden Antisemitismus an Schulen vor allem aber auch an Lehramtskandidaten. Es wird nach Doerrys Lesung fortgesetzt mit Julia Bernstein, Soziologieprofessorin in Frankfurt, die am 14. Mai um 18 Uhr „Aktuelle Befunde zu Antisemitismus in Schulen“ vorstellt. Gudrun Hentges von der Uni Köln richtet ein Abschlusssymposion am 13. November aus. Martin Doerry liest am 2. Mai um 19.30 Uhr in der Gronewaldstraße 2, 50931 Köln, im Raum H122 (HF, 2. Obergeschoss) schoolisopen.uni-koeln.de

KStA abonnieren