Die 20er Jahre gelten gemeinhin als „heiße“ Epoche, dominiert durch die Erfahrung eines zumindest latenten Bürgerkrieges im Minenfeld der Weimarer Republik, einer atemberaubenden Beschleunigung des Lebenstempos und eines überbordenden Krisengefühls. Indes gibt es gute Gründe, sie zugleich als „kalt“ zu beschreiben. Diese den Zeitgenossen von Literatur, Anthropologie, Philosophie und politischer Theorie als Verhaltensnorm angediente „Kälte“ trägt sogar ein stilgeschichtliches Etikett: „Neue Sachlichkeit“.
Zu den Advokaten der Kälte gehörten – der Germanist Helmut Lethen hat darauf in seiner glänzenden Studie „Verhaltenslehren der Kälte“ (1994) hingewiesen – bemerkenswerterweise Intellektuelle, die politisch oft einander feindlichen Lagern zugehörten. Einige Beispiele:
1924 veröffentlichte der Anthropologe Helmuth Plessner seine Schrift „Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus“. Der Titel ist programmatisch und spricht eigentlich für sich. Gegen den Zeitgeist der in vollem Schwange befindlichen Gemeinschaftsutopien betrieb der Autor dort eine Apologie des Gesellschaftsgedankens, die in einer Ethik menschlichen Zusammenlebens gründet. Die „Sehnsucht nach den Masken“ ist darin eine zentrale Denkfigur, hinzu kommen – allesamt positiv konnotiert – Spiel, Distanz, Zeremonie, Diplomatie und Takt. Die Neue Sachlichkeit weist – dies bezeichnet die Epochensignatur des Phänomens – den menschheitsumarmenden Expressionismus in die Schranken.
Der Grund für diese Verteidigung der Gesellschaft gegen die Gemeinschaft ist Plessners paradoxale Überzeugung, dass „der Mensch von Natur aus künstlich“ ist. Die Direktheit und Authentizität der Gemeinschaftsideologie sei somit gegen diese seine Natur gerichtet, sie überfordere ihn und führe letztlich in die soziale Katastrophe.
Mit Blick auf das Jahr 1933 scheint Plessners Grenz-Schrift eine nahezu seherische Kraft im Sinne eines Menetekels zu haben. Das ist allerdings eine Interpretation „with the benefit of hindsight“. Im Kontext der späten 20er Jahre rückt Plessner vielmehr sogar in eine heute gewöhnungsbedürftige Nähe zur Staatslehre Carl Schmitts, des späteren Kronjuristen eines Dritten Reiches.
In seinem erstmals 1927 erschienenen Buch „Der Begriff des Politischen“ definierte dieser als spezifisch politische Unterscheidung, auf welche sich die politischen Handlungen und Motive zurückführen lassen, […] die Unterscheidung von Freund und Feind. […] [Sie] hat den Sinn, den äußersten Intensitätsgrad einer Verbindung oder Trennung, einer Assoziation oder Dissoziation zu bezeichnen.“
Wie funktioniert hier der Link zu Plessner? So: Denkt man aus der Grenz-Schrift Begriffe wie Balance, Ausgleich, Spiel und Diplomatie weg, so ergibt sich als Kern der Gedanke der Unterscheidung, der Trennung vom „Anderen“ als Inbegriff der Ich-Konstitution: „Distinguo, ergo sum“ heißt es in Schmitts nach 1945 geschriebenem „Glossarium“ – Ich bin, insofern ich (mich) unterscheide. Schmitts Feind-Begriff ist dann „nur“ die Radikalisierung, die Zuspitzung dieses Trennungsgedankens.
Explizit als „kalte Persona“ stilisierte sich seinerzeit Ernst Jünger. Wobei in der Gestalt des zum Autor gewordenen Stoßtruppführers, dessen Urerlebnis der hochtechnisierte moderne Krieg war, das empirische und intelligible bzw. ästhetische Subjekt ineinanderflossen. Jüngers Blick auf die Wirklichkeit ist der des Kriegers. Es ist der genaue, wahrnehmungsscharfe, sachliche, von Moral nicht berührte und überhaupt unbe- und -gerührte Blick. Das Auge wird für Jünger zum Kameraobjektiv – dies übrigens nur eine jener technizistischen Metaphern, die die Welterfassung steuern.
Jüngers „kalte Persona“ terminiert in der Gestalt des „Arbeiters“, der er das gleichnamige Buch gewidmet hat. Sie ist wiederum die Ikone des Kriegers: Ihre Physiognomie ist metallisch, gleich ob unter Stahlhelm oder Sturzkappe: „Der Blick ist ruhig und fixiert, geschult an der Betrachtung von Gegenständen, die in Zuständen hoher Geschwindigkeit zu erfassen sind.“
Es erstaunt nur auf den ersten Blick, dass auch Jüngers ideologischer Gegenpol, Bertolt Brecht, vom neusachlichen Zeitgeist der 20er Jahre erfasst wurde. Letztlich ist aber Jüngers „Arbeiter“ eh unterschiedlich codierbar, der Typus erfasst den U-Boot-Kommandanten genauso wie den bolschewistischen Kader. Brechts Lehrstücke dieser Zeit – „Die Maßnahme“ etwa – atmen mehr Jünger’schen und Schmitt’schen Geist, als seinen Freunden heute lieb sein kann.
Erwähnt sei hier aber vor allem das 1926/27 entstandene „Lesebuch für Städtebewohner“, eine Gedichtsammlung, die als Verhaltensbrevier für gefährliche Räume und Zeiten gelesen werden kann, sprich: für den Überlebenskampf im Dickicht der Städte. Hier der Beginn des ersten Gedichts der Sammlung: „Trenne dich von deinen Kameraden auf dem Bahnhof/ Gehe am Morgen in die Stadt mit zugeknöpfter Jacke/ Suche dir Quartier und wenn dein Kamerad anklopft:/ Öffne, o öffne die Tür nicht Sondern/ Verwisch die Spuren!“
Das traditionelle Maskenspiel der „kalten Persona“, das strategische Verschwindenlassen der eigenen Identität führt hier zu einer radikalen Konsequenz, gefasst in die wiederholte Zeile „Verwisch die Spuren!“ In der Tat kann in Zeiten permanenter Bedrohung Nichtexistenz bzw. deren Simulation eine existenzsichernde Maßnahme sein. Indes stößt man hier auf eine Dialektik von Schein und Sein: Wer alle Spuren von sich verwischt, ist irgendwann tatsächlich nicht mehr „da“.
Die Hochkonjunktur der „kalten Persona“ in den 20er Jahren gründet genauso wie die Hitze im nachwirkenden Schlüsselerlebnis des Ersten Weltkrieges – bei Jünger ist das nur am offensichtlichsten. Tatsächlich konnte dieser entgegengesetzte Weisen einer – kollektiven wie individuellen – Traumaverarbeitung nahelegen: die „heiße“ moralische Empörung genauso wie den Gestus einer Coolness, die sich noch gegen schrecklichste Erlebnisse panzert.
Die „kalte Persona“ ist keine sympathische Figur – und ihre Kontextualisierung in der Lebenswelt der 20er Jahre macht sie nicht sympathischer. Indes zeitigt sie, kontextneutral, ein Verhaltensrepertoire, ohne das ein gelingendes Zusammenleben von Menschen in der Tat kaum denkbar ist. Cora Stephan veröffentlichte 1995 ein Buch über „Neue deutsche Etikette“, in dem sie sich polemisch gegen die von Richard Sennett als solche bezeichnete „Tyrannei der Intimität“ wandte. Dem ist schwer zu widersprechen, ein Quäntchen „Kälte“ im sozialen Umgang macht das Leben erst lebenswert. Wenn „alle Menschen Brüder“ werden wollen, öffnet sich erfahrungsgemäß das Tor zur menschengemachten Hölle.
