Als der strenge Kirchaufseher des Mädcheninternats die zehnjährige Jane Eyre fragt, was die Hölle sei, antwortet sie prompt: „Ein Schlund voller Feuer“. Und was sie zu tun gedenke, damit sie nicht in besagten Schlund stürzt und dort auf ewig brennt: „Ich muss gesund bleiben und darf nicht sterben“, ist sich das kleine Mädchen sicher und zeigt in einem der ersten Kapitel, dass sie – später bewusst, in jungen Jahren wohl unbewusst – selten die Antwort gibt, die von ihr erwartet wird. Die Romanheldin von Charlotte Brontë ist wohl die bekannteste Gouvernante der Literaturgeschichte. Die Geschichte wurde weltweit über 20 Mal verfilmt, zuletzt 2011 mit dem viel zu attraktiven Michael Fassbender und einer ideal besetzten Mia Wasikowska als Jane Eyre.
Heute erscheinen uns die Eckdaten des Klassikers aus dem Jahr 1847 wenig überraschend, kommen eher daher wie die schlecht dosierten Zutaten einer überstrapazierten Schnulze: Die arme, einsame Waise Jane kommt nach einer lieblosen Kindheit und einer entbehrungsreichen Schulzeit in den Haushalt eines alleinstehenden Adligen. Die beiden verlieben sich einander, obwohl sie Standes- und beträchtlicher Altersunterschied trennen, liegen sich schlussendlich aber doch in den Armen. Die sympathische Heldin bekommt, was sie will: Liebe, Geld und eine Familie.
Das mag von außen platt erscheinen. Doch wir sind nicht außen. Jane erzählt den Roman aus der Ich-Perspektive, auch schon einmal direkt zum Leser gewandt, und lässt uns auf ihrer Heldenreise in ihre Gedanken. Diese kreisen in Janes Leben ständig, sie muss sich mehrfach entscheiden, ob sie das tut, was die Gesellschaft von einer jungen, unverheirateten Frau erwartet – oder was sie selbst tun will. Dabei ist sie keinesfalls entschlossen. Sie zögert, hadert mit sich, ist manchmal selbstbewusst und manchmal selbstzerstörerisch. Sie ist oberflächlich, stuft sich selbst als unattraktiv ein und glaubt: Nur schöne Menschen verdienen Glück. Schönheitswahn ist also mitnichten eine Erfindung des 20. Jahrhunderts.

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Diese einerseits in ihrem Gott-Glauben ruhende, andererseits fordernde und neidische Frau findet im reichen Edward Rochester ihren geeigneten Gegenspieler. Auch er ist launisch, griesgrämig, nicht übermäßig attraktiv, irgendwie unverschämt und mit einem dunklen Geheimnis ausgestattet. Die anderen Menschen in Janes Leben bleiben dagegen blass, sie tauchen als Projektionsfläche auf, sind entweder brav und hart arbeitend oder gefühlskalt und missgünstig. So zum Beispiel ihr Cousin St. John, der Jane heiraten und als Missionarin mit nach Indien nehmen will. Sie willigt zunächst ein, ihn zu begleiten – aber nur als Cousine, nicht als Ehefrau.
„Jane Eyre“ gilt als autobiografisch, weil es viele Parallelen zum Leben der 1816 geborenen Autorin gibt. Brontës Mutter starb, als sie fünf Jahre alt war, sie wuchs mit ihren Geschwistern im Norden Englands bei ihrem Vater auf. Um dem öden Landleben zu entfliehen, begannen sie und zwei ihrer Schwestern schreibend in Fantasiewelten zu fliehen. Auch Charlotte Brontë arbeitete als Lehrerin und Gouvernante, fand allerdings nicht ihren Mr. Rochester, sondern heiratete den Hilfspfarrer des Vaters und starb während ihrer ersten Schwangerschaft im Alter von 39 Jahren an einer Lungenentzündung.
Literaturkritiker lobten das Werk für seine Vielschichtigkeit. Die Rezeption lässt immer noch viele Lesarten zu: als Bildungsroman, denn Jane befreit sich als Lehrerin aus ihrem Schicksal als mittellose Verwandte; als Gesellschaftsroman, der immer wieder den Konflikt Kirche und Individuum zum Gegenstand hat; als Nationalwerk, denn England wird seitenweise als höchstes aller Länder gelobt, während schon das Nachbarland Frankreich als lasterhaft und gefährlich abgetan wird. Und obwohl das offensichtliche Thema die Liebe ist, lässt sich die Beziehung zwischen Jane Eyre und Mr. Rochester heute nicht mehr guten Gewissens zum romantischen Glück stilisieren. Allein das unterwürfige „Master“ und das gönnerische „Kleine“ in der Ansprache ist befremdlich. Wie Rochester Jane in der Mitte der Geschichte vor den Altar zerrt, obwohl es für die Ehe ein unüberwindbares Hindernis gibt – und sie ihm den Egoismus sogleich rücksichtsvoll verzeiht.
Doch die sensationellen Dialoge zwischen den beiden machen vieles wieder gut. Denn hier begegnen sie sich auf Augenhöhe: intelligent, sarkastisch, witzig. Und haben ihr Glück am Ende dann doch verdient.
Foto: NDR/Degeto/2011 Focus Features
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