Köln – Der Zeitpunkt ist perfekt gewählt. Anfang Januar wird in Deutschland die Haushaltsabgabe eingeführt, dann muss jeder Bürger für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zahlen, unabhängig davon, ob er die Angebote nutzt oder nicht. Der Medienjournalist Hans-Peter Siebenhaar nennt diese Gebühr eine ARD/ZDF-Steuer. Sie war einer der Gründe, warum sich der „Handelsblatt“-Redakteur entschieden hat, ein Buch über die Lage des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland zu schreiben. „Diese Steuer verschärft die Frage nach der Legitimation des Systems“, sagt er im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.
Die Stoßrichtung gibt schon der Titel vor: „Die Nimmersatten – Die Wahrheit über das System ARD und ZDF“ heißt das Plädoyer für „besseres Fernsehen für weniger Geld“. In Deutschland könne jeder aus der Kirche austreten, der den Glauben nicht teilt, aber von ARD und ZDF gebe es bald kein Entrinnen mehr. Und das, obwohl Deutschland das teuerste und ineffizienteste öffentlich-rechtliche Rundfunksystem der Welt habe. Akribisch hat der 50-Jährige zusammengetragen, welche Absurditäten dieser gewaltige Apparat hervorbringt. „Es geht nicht um einen Scoop, ich habe keine Investigativ-Recherche betrieben. Ich habe Mosaiksteine zusammengefügt, die als Bild aufzeigen, dass nur radikale Reformen zu einem Erfolg führen werden.“ Die Liste der Baustellen und Absonderlichkeiten, die Siebenhaar benennt, ist lang: Sie reicht von den Skandalen beim Kika, dem Auftritt des MDR-Fernsehballetts beim tschetschenischen Präsidenten Kadyrow, über die „gefährliche Symbiose des Gebührenfernsehens mit der Politik“ bis zur Expansionswut der Öffentlich-Rechtlichen im Internet.
Manche mögen ihm vorwerfen, mit Schaum vorm Mund eine unreflektierte Generalabrechnung verfasst zu haben. Doch Siebenhaar versteht sein Buch nicht als Aufruf, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abzuschaffen, sondern ihn konsequent zu reformieren. „Eindampfen, Kürzen, Streichen, Verkaufen“, das seien die nötigen Schritte, das in die Schieflage geratene System wieder ins Lot zu bringen. Dabei müsse auch über radikale Veränderungen nachgedacht werden. Siebenhaar plädoyiert dafür, die GEZ abzuschaffen und die Gebühr etwa von den Finanzämtern einziehen zu lassen. Er fordert, dass ARD und ZDF ihre kommerziellen Tochterfirmen wie das Studio Hamburg verkaufen. Seine weitreichendste Überlegung: „Warum nicht das Erste und das Zweite zu einem gemeinsamen Hauptprogramm verschmelzen und die regionalen Dritten zum Zweiten ausbauen?“ Das Motto müsse „weniger ist mehr“ lauten, niemand brauche 22 öffentlich-rechtliche Fernsehkanäle und 67 Radiosender. Außerdem fordert der Medienexperte ein freiwilliges Bezahlsystem für die Öffentlich-Rechtlichen, er will die Bürger stärker beteiligen, etwa durch eine direkte Wahl der Kontrolleure. Und er will ARD und ZDF entpolitisieren, nur so sei es möglich, die verlorene Glaubwürdigkeit wiederherzustellen. Das „System der Nimmersatten“ leide daran, „dass es zu viel Geld erhält und dadurch aufgehört hat, sich Rechenschaft darüber abzulegen, wofür öffentlich-rechtlicher Rundfunk in einer Demokratie steht“.
