Frau Ebner, Sie haben sich undercover in Extremisten-Gruppen eingeschlichen, sowohl online als auch durch Besuche oder Treffen. Gibt es etwas Verbindendes?
Alle diese Gruppen zeichnen sich durch ein äußerst hohes Maß an Zusammenhalt und ideologischer Geschlossenheit aus. Es sind verschworene Gemeinschaften, die geistig ganz stark auf die Vergangenheit ausgerichtet sind, aber in der Nutzung der modernen Kommunikationsmittel auf dem neuesten Stand sind. Ideologisch reaktionär, technisch fortschrittlich – das ist die Kombination.
Für wie gefährlich halten Sie die Organisationen, die sich im Internet formiert haben?

Julia Ebner
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Es gibt unterschiedliche Grade der Gefährlichkeit – einige sind gewaltbereit, andere sehen ihre Aufgabe und Stärke in der Planung und Durchführung von Desinformationskampagnen. Was ich für nicht minder gefährlich halte, weil diese politische Stimmungen beeinflussen und ganze Gesellschaften destabilisieren können. Mit der klassischen Definition extremistischer Gruppierungen lässt sich das nicht mehr adäquat erfassen. Wir beobachten zunehmend einen weniger straffen Aufbau, sondern bewegliche, biegsame Organisationsformen, die auf nationale und internationale Vernetzung angelegt sind.
Das Internet ist also nicht nur ein Medium, sondern eigentlich der Lebensraum, ohne den es diese Gruppen gar nicht gäbe.
Das Internet ist auf jeden Fall der entscheidende Tonverstärker. Es bietet die Möglichkeit punktueller Allianzen, wo immer sie als strategisch sinnvoll erscheinen. Das Internet erlaubt Kampagnen, die über die sozialen Medien in die Breite der Gesellschaft gelangen. Bemerkenswert ist, dass ideologische Unterschiede zwischen den Gruppen letztlich keine entscheidende Rolle spielen. Nehmen Sie die rechten Aufmärsche voriges Jahr in Chemnitz: Da genügten für den Schulterschluss ein gemeinsamer Feind – die Migranten – und ein entschlossenes Empörungsmanagement.
Reichweite ist das alles bestimmende Prinzip?
Größere Reichweite bedeutet mehr Polarisierung, mehr Provokation. Das Phänomen lässt sich vor Wahlen gut beobachten. So hat in Deutschland die Identitäre Bewegung vor der Bundestagswahl 2017 gemeinsame Sache mit der neonazistischen Gruppierung Reconquista Germanica gemacht, einfach weil man die Chance sah, mit eigenen Kampagnen noch besser durchzudringen – etwa durch Einflussnahme auf die Algorithmen, die die Verbreitung der eigenen Botschaften steuern.
Wenn man Sie hört, schwingt so etwas von Faszination mit …
Faszination und Widerwärtigkeit zugleich. Inhaltlich haben mich diese Gruppen teils aufs Äußerste abgestoßen. Faszinierend sind sie mit ihrem Identifikationsangebot und mit der Rasanz, mit der es ihnen gelingt, Menschen an sich zu binden. Die Anwerber gehen äußerst geschickt vor, knüpfen an die Erfahrungen an, die mögliche Interessenten haben. Es dauert manchmal nur wenige Wochen, bis sich jemand so weit in diese Gruppen hinbegeben hat, dass sich Sprache und Denken komplett zu verändern beginnen.
Wie einfach ist es, sich zu extremistischen Gruppen Zugang zu verschaffen?
Es kommt darauf an. Als sie sich noch unbeobachtet fühlten, war es relativ leicht. Seit ein, zwei Jahren aber haben die Gruppen ihre Sicherheitschecks massiv verstärkt, nachdem sie gemerkt hatten, dass sich Journalisten und auch die Sicherheitsbehörden darum bemühten, bei ihnen einzusickern. Inzwischen gibt es regelrechte Bewerbungsverfahren mit mehrstufigen Interview-Prozessen. Man muss seine persönlichen Accounts in den sozialen Medien zugänglich machen und sich bisweilen sogar genetischen Tests unterziehen. US-Neonazi-Gruppen haben Fotos meines Handgelenks von mir verlangt – als Nachweis der weißen Hautfarbe. Für meine Recherchen hatte ich mir am Ende fünf Avatar-Profile – virtuelle Schein-Identitäten – aufgebaut.
Wie gefährlich ist das?
Auch das kommt darauf an. Als ich mich offline oder analog in solchen Gruppen bewegte, etwa auf Treffen amerikanischer Neonazis oder auch bei dem rechtsextremen Rock-Fest „Schild und Schwert“ in Ostritz, habe ich mich weniger unbehaglich gefühlt bei dem Gedanken, dass meine persönlichen Echt-Daten am Ende doch im Netz auffindbar sein könnten und ich so zum Ziel fanatisierter Einzeltäter werden könnte. Aber dieses Risiko gehen nicht nur investigative Journalisten oder Extremismus-Forscher ein, die undercover agieren. Sondern bedroht sind alle, die offen ihre Meinung sagen. Das ist eine sehr beunruhigende, bedrückende Dynamik.
Welche Möglichkeiten sehen Sie, den versteckten Akteuren im Internet wirksam zu begegnen. Manchmal kommt einem das ja wie ein Hase-und-Igel-Spiel vor.
Der entscheidende Ansatzpunkt muss es sein, die Reichweite extremistischer Inhalte zu verringern. Gegenwärtig bieten Aufbau und Funktionslogiken der sozialen Netzwerke extremistischen Inhalten breiten Raum, ja geben ihnen sogar Priorität. Da braucht es entschiedenere Regulierungen von staatlicher Seite. Die großen Plattformen müssen dazu gezwungen werden.
PERSON UND LESUNG
Julia Ebner, geboren 1991 in Wien, forscht am Institute for Strategic Dialogue in London zu Online-Extremismus. Ihr Buch „Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen“ war ein Bestseller.
Ihren soeben erschienenen Titel „Radikalisierungsmaschinen. Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren“ (Suhrkamp-Verlag, 334 Seiten, 18 Euro) stellt sie am Mittwoch im Gespräch mit der WDR-Journalistin und Grimmepreisträgerin Isabel Schayani in der Kölner Stadtbibliothek vor: Josef-Haubrich-Hof 1, 19 Uhr. Eintritt: 8 Euro (ermäßigt 6 Euro). Karten im Vorverkauf über KölnTicket und an der Abendkasse. (jf)
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