Matthias Koeberlin, der Privatdetektiv Hartwig Seeler ist in Anlehnung an seinen Namen tatsächlich ein sensibles Seelchen, noch dazu gezeichnet durch das Trauma des Verlusts seiner Lebenspartnerin. Wie kamen Sie zu dieser Rolle?
Regisseur Johannes Fabrick, mit dem ich schon einmal arbeiten durfte, hat „Hartwig Seeler“ mit mir im Hinterkopf geschrieben – worüber ich mich wahnsinnig gefreut habe.
Ein ungewöhnlicher Detektiv …
Für mich ist der Film eher ein Drama und kein klassischer Krimi. Das Dasein als Privatermittler kommt zwar auch vor – für Seeler aber stellt der Fall, den er dort bearbeitet, eher eine Katharsis dar. Er will Antworten, nicht nur auf den Fall bezogen, sondern auch für sich ganz privat.
Ist es eine Ausnahme für den deutschen Fernsehkrimi, solche Wege zu gehen?
Ich kann mich zumindest nicht erinnern, etwas Vergleichbares gesehen zu haben. Natürlich habe ich nicht alles gesehen und kann mich täuschen – aber ich denke schon, dass die Ausgangslage ganz und gar außergewöhnlich ist und vielleicht auch manche Sehgewohnheit enttäuscht.
Sie selbst sind ein ziemlich eifriger Fernseh-Ermittler.
Jetzt geht es wieder an den Bodensee, dort bin ich dann wieder für zwei Folgen Kommissar.
Außerdem spielen Sie häufig bei Hörspielen mit und sprechen Hörbücher ein.
Das mache ich gerne und mit Leidenschaft.
Was weckt diese Leidenschaft?
Dass man so vieler Mittel beraubt ist. Für meinen Job brauche ich in der Regel meinen Körper und meinen physischen Ausdruck. Im Hörspiel und im Hörbuch habe ich einzig und allein meine Stimme zur Verfügung. Nur mit diesem Mittel die Hörer über eine lange Strecke zu fesseln ist immer wieder eine Herausforderung.
Sie leben in Köln. Ist das ein guter Ort für Ihren Beruf?
Ich wüsste im Moment keinen besseren für mich. Ich habe fast zwölf Jahre in Berlin gelebt, aber durch meine Frau, die eine Kölsche ist, bin ich hierhergekommen, obwohl ich Berlin sehr mag. Allerdings ist es mir dort inzwischen zu hektisch, und alles ist immer so wahnsinnig wichtig, da bin ich lieber hier in Köln. Auch hier gibt es eine tolle Szene von Kollegen, die hier leben, welche nach meinem Empfinden aber viel familiärer als im hippen Berlin ist.
Trotzdem: Geht von Berlin nicht ein Sog aus?
Das ist schon so. Vielleicht verbaue ich mir mit meiner Haltung auch das ein oder andere, aber ich bin einfach lieber in Köln und eh kein großer Netzwerker.
Stört Netzwerken Sie?
Ich beherrsche es einfach nicht gut. Kontakte nur in der Hoffnung zu pflegen, dass daraus irgendetwas erwächst, interessiert mich nicht. Ich vertraue darauf, dass schon eins zum anderen kommt – auch ohne permanent herumzutelefonieren.
Wenn Sie sagen, dass Fabrick Hartwig Seeler entwickelt und dabei an Sie gedacht hat – gibt es also Leute, deren Vertrauen Sie brauchen und mit denen Sie dann immer wieder arbeiten?
Nach Möglichkeit gerne. Es gab immer wieder Regisseure, die mich über eine Zeit lang begleitet haben. Am Anfang war das Uwe Janson, der mir die Chance gegeben hat, Ende der 90er Jahre eine Hauptrolle zu bekommen – wir haben dann viele Filme zusammen gemacht. Mit Hartmut Schoen verhielt es sich ähnlich. Und jetzt ebenso mit Johannes Fabrick.
Sie haben „Gefährliche Erinnerung“ auf einer kroatischen Insel gedreht.
Das war ja schon fast kitschig! Aber da wir eine ganz harte Geschichte verhandeln, ergeben sich daraus interessante Kontraste.
Es geht nicht zuletzt um eine Sekte. Gab es dafür Vorbilder?
Das war rein fiktiv. Möglicherweise gibt es Überschneidungen mit real existierenden Vereinigungen solcher Art.
Und der psychologische Aspekt, von dem der Film erzählt: Erinnerungen, die sogar komplett falsch sein können – gibt es dafür eine Entsprechung in der Realität?
Das ist verbürgt. Dass es gefälschte Erinnerungen gibt, ist definitiv so, das war mir selbst gar nicht bewusst. Ich hatte bis dahin mit Hypnose keinerlei Berührungspunkte und habe das erst im Zusammenhang mit dem Film kennengelernt. Johannes Fabrick kann tatsächlich hypnotisieren, er hat das gelernt. Er hat mich während der Probenwoche zum Film gefragt, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er das bei mir mal versucht. Das war eine sehr intensive Erfahrung.
Warum?
Das ging so weit, dass mir die Tränen herunterliefen und ich erst einmal eine längere Pause brauchte, weil mich das komplett weggerissen hat. Auf einmal kommen ganz tief verborgene Dinge an die Oberfläche.
Das Fernsehen verändert sich gerade rasant, auch durch das Format der Serie. Verfolgen Sie das?
Ich versuche es. „Bad Banks“ zum Beispiel war toll gemacht – so etwas möchte ich schon verfolgen. Ja es stimmt, es gibt viele neue Möglichkeiten.
Wäre das für Sie ein Ziel, etwa bei einer Netflix-Serie mitzumachen?
Ich denke, dass man sich in meiner Rolle als Schauspieler ohnehin umschauen muss, so dass man den nächsten Zug erwischt. Das klassische Erzählen, das auch die öffentlich-rechtlichen Sender pflegen, wird nach wie vor seinen Platz haben. Aber wenn man sieht, was gerade alles angeschoben wird, kommt noch viel mehr dazu. Die Serie „Charité“ zum Beispiel war für mich so eine Möglichkeit, den Anschluss zu halten.
Gibt es Rollen, von denen Sie glauben, dass Sie sie sehr gerne noch spielen würden?
Die kaputten, sperrigen, negativen Figuren, die reizen mich, die gebrochenen Charaktere – das ist etwas, das ich mehr und mehr verfolgen möchte. Ich mag das Kommissar-Sein sehr, aber im Moment bin ich eher auf der Suche nach dem Schurken in mir.
ZUM FILM
„Hartwig Seeler – Gefährliche Erinnerung“ läuft am Samstag, 11. Mai, um 20.15 Uhr in der ARD. Buch und Regie: Johannes Fabrick. Neben Matthias Koeberlin in der Titelrolle sind Michael Wittenborn, Friederike Becht, Caroline Hellwig und Mona Seefried zu sehen.
