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Dry Cleaning in KölnAlles machen, nichts fühlen

3 min
09.11.2022
Köln:
Konzert von Dry Cleaning im Club Volta.
Foto: Martina Goyert

Florence Shaw, Nicht-Sängerin von Dry Cleaning im Club Volta

Dry Cleaning aus dem Süden Londons kombiniert nervösen Postpunk mit dem stoischen Sprechgesang Florence Shaws. Jetzt gab die Band im Mülheimer Club Volta ihr erstes Kölner Konzert.

Was redet die Frau da bloß? Florence Shaw verdreht auf der Bühne des Köln-Mülheimer Club Volta die Augen, stemmt eine Hand in die Rippen, spielt mit ihrem langen, mittelgescheitelten Haar. Und spricht, oder sprechsingt, in einem schier endlosen Redefluss.

Aber es sind keine simplen Assoziationsketten, und es ist auch keine zwanghafte Echolalie. Ihr Gedankenstrom kennt einen Autor, der kürzt, verdichtet, aus fremden Quellen entlehnt und dem Einerlei der Tage so neue Bedeutungen entlockt. Fast schon berühmt geworden ist der Quasi-Refrain von „Scratchyard Lanyard“, der Single vom Debütalbum „New Long Legs“ ihrer Band Dry Cleaning. „Do everything and feel nothing“, wiederholt die Südlondonerin immer wieder im Song. Alles machen, nichts fühlen: Das fasst das urbane Lebensgefühl unserer Tage schon sehr eindrücklich zusammen. Dabei wiederholt Shaw hier nur den Werbespruch einer Tampon-Firma. Das nennt man wohl die Kunst des Zitats.

Genau genommen kann man Dry Cleaning auch nicht als ihre Band bezeichnen. Die drei Musiker, Gitarre, Schlagzeug, Bass, waren alte Freunde, Shaw eine ehemalige Kommilitonin des Gitarristen Tom Dowse. Der brauchte angeblich Monate, um die zurückhaltende Frau zu überzeugen, eine Probe zu besuchen. Und als sie kategorisch erklärte weder singen zu können, noch Frontperson einer Band sein zu wollen, schlug ihr Schlagzeuger Nick Buxton vor, die Alltagsbeobachtungen und Gedanken, die sie obsessiv auf Zettel kritzelte oder in sardonische Cartoons verwandelte, doch einfach zur Musik vorzutragen.

Da hat es Boom gemacht, ungefähr so wie bei der schottischen Band Life Without Buildings vor gut 20 Jahren: Auch hier spricht die Frontfrau, auch hier hatte man sich im Schatten einer Kunsthochschule zusammengefunden. Doch Florence Shaws Sicht der Dinge ist schon ziemlich einmalig und das ist auch Dry Cleanings schwer fassbarer Sound. Konnte man zum Debüt noch Postpunk sagen, haben sich die Dinge auf dem Zweitling „Stumpwork“ verkompliziert, hier darf der Bass mal locker-funky klingen, dann wieder werden die Saiten wie die apokalyptischen Unkenrufe des Doom-Metal geschwungen. Und die Gitarre malt mal liebliche englische Landschaften, das perlt wie einst bei Johnny Marr, nur um im nächsten Moment einen elektrischen Sturm heraufzubeschwören.

Jedenfalls bleibt es immer interessant und es ist Shaws unaufgeregter Vortrag, der das Ganze zusammenhält. Im Song „Gary Ashby“ berichtet sie von einer gleichnamigen entlaufenen Schildkröte, falls „entlaufen“ hier das richtige Wort ist, und zeichnet das Bild eines kleinen Tieres, das hilflos auf dem Rücken liegt und mit seinen kleinen Beinstümpfen (daher also der Albumtitel „Stumpwork“!) die Luft tritt. So haben wir uns doch alle schon einmal gefühlt, Dry Cleaning spielen den Soundtrack dazu.