Ein verstoßenes Makakenbaby, dem ein Stofftier zur Ersatzmutter wurde, wird zum Star – und verdeutlicht die Widersprüche unserer Zeit.
Ein Affe erobert die WeltDas Tier, an das wir uns klammern

Der kleine Affe Punch ist in den sozialen Medien ein Star.
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Dieses Makakenbaby hat in seinem jungen Leben schon viele Schläge einstecken müssen. Im Juli wurde der kleine Affe im Ichikawa-Zoo nahe der japanischen Hauptstadt Tokio geboren, doch seine Mutter nahm ihn nach der schweren Geburt nicht an. Pfleger zogen das Baby mit dem bezeichnenden Namen Punch mit der Flasche auf. Und wäre es dabei geblieben, hätte die Welt vermutlich nie von dieser Geschichte gehört.
Doch weil er Körperkontakt braucht, gaben die Pfleger dem Kleinen ein Stofftier, an das er sich klammern kann, so wie es Affenbabys sonst bei ihrer Mutter tun. Das Ablenkungsmanöver funktionierte so gut, dass Punch den orangfarbenen Plüsch-Orang-Utan mit den großen Augen überall in dem tristen Gehege hinter sich her schleift.
Wenn die anderen Affen ihn piesacken, läuft er zu seiner Ersatzmutter. Wenn er schläft, kuschelt er sich an seinen einzigen, aber treuen Freund. Das Stofftier sieht mittlerweile ganz schön mitgenommen aus, aber wahre Zuneigung erfordert eben manchmal Opfer.
Die Bilder dieser Affenliebe verbreiteten sich erst in Japan – und nun in der ganzen Welt. Wer irgendein soziales Netzwerk öffnet, wird Punch früher oder später begegnen. Millionen nehmen Anteil an seinem Schicksal und verfolgen gespannt, ob die Gruppe ihn doch integriert. Denn so innig die Bindung zu seiner Ersatzmutter auch sein mag, das Sozialverhalten in der Horde kann sie ihm nicht beibringen. Und so braucht Punch auch weiterhin ein dickes Fell.
Der Starruhm nimmt mitunter bizarre Formen an. Schon melden sich die ersten Influencer, die das Tier angeblich kaufen wollen. In dem Zoo sind die Schlangen vor dem Gehege schier endlos, und Ikea, Hersteller des Plüschtiers, vermeldet unter anderem in Japan und den USA dessen Ausverkauf. Das schwedische Möbelhaus hat auch gleich mal eine Werbung mit beiden veröffentlicht, auch andere Firmen springen auf den Zug auf. Die Sprachlern-App Duolingo wirbt mit dem Foto eines Affen mit einem Smartphone in der Hand fürs Japanischlernen: „Damit ich mir Punchs Eltern vornehmen kann.“
Es ist schon erstaunlich: In unserer Welt ist so vieles in Aufruhr, gibt es so viele Krisen, Kriege und Katastrophen, dass Nachrichtenmüdigkeit zu einem Schlagwort wurde. Fast zwei Drittel der erwachsenen Internetnutzenden in Deutschland gaben 2023 laut dem Reuters Institute Digital News Report an, Nachrichten gelegentlich zu meiden. Und gefühlt wird es immer schlimmer statt besser.
Die Widersprüche unserer Zeit
Wir blenden das Leid der anderen aus, um durch den Alltag zu kommen. Dieser kleine Affe hat sich dennoch in die Herzen von Millionen geschlichen. Tierliebe fällt ja selbst den größten Menschenfeinden oft sehr leicht, auch wenn vermutlich so mancher auf seinem Schnitzel aus Massentierhaltung herumkaut, während er sich Videos von Punch anschaut.
Dieses verstoßene Affenbaby verdeutlicht eben die Widersprüche unserer Zeit so anschaulich wie nur wenig anderes. Denn plötzlich ist Empathie möglich, plötzlich wollen auch die diesen Affen retten, die sonst schreien, es gelte eben das Recht des Stärkeren in dieser Welt. Punchs Schwäche ist augenfällig. Hätten die Pfleger ihn nicht aufgepäppelt, wäre er verhungert. Und doch macht sich niemand im Netz über ihn lustig, das Mitgefühl ist gewaltig. Vielleicht auch, weil er einem menschlichen Kind so sehr ähnelt. Fast jeder kann eine Geschichte von einem Stofftier erzählen, das er oder sie in seiner Kindheit über alles liebte und überallhin mitnahm.
Dieser kleine Affe, der in zigtausendfach produzierten Fotos und Videos verbreitet wird, ist zu einem Rettungsanker für Millionen geworden. Punch beweist, wie groß die Macht der Bilder noch immer ist. Vielleicht ist sie sogar größer als je zuvor. In einer Welt, in der man im Internet seinen Augen nicht mehr trauen kann, erlaubt uns Punch, mit einem Wesen mitzufühlen, von dem wir wissen, dass es nicht von einer KI generiert wurde. Im vergangenen Jahr ging das Video von trampolinspringenden Kaninchen viral, doch schnell wurde klar: Die süßen Tierchen waren einer KI entsprungen. Punch hingegen ist echt, man kann ihn im Zoo besuchen. Und so klammern wir uns an diesen Affen, wie er sich an sein Stofftier klammert.

