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Şeyda Kurts „Zeit der Monster“Eine atemlose Hommage an ein vergessenes Viertel

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Eine junge Frau mit schwarzem Haar und schwarzem Kleid steht an eine Industriemaschine gelehnt, die an der Kalker Hauptstraße an das ehemalige Chemiewerk im Viertel erinnert.

Die Kölner Autorin Şeyda Kurt steht am Turboverdichter, einem Relikt aus der chemischen Fabrik Kalk, deren Geschichte in ihrem Roman eine große Rolle spielt. 

Nach zwei Sachbüchern hat Şeyda Kurt ihren ersten Roman vorgelegt. Die Geschichte ist wild, widerspenstig und weise. Und führt hinaus über die Grenzen des Viertels, das doch der Star ist.  

Parallelität der Ereignisse: In „Zeit der Monster“, dem Debüt-Roman von Şeyda Kurt, ächzen die Menschen unter unerträglicher Hitze, genau wie im realen Leben im Kölner Sommer des Jahres 2026. Doch die aufgeheizte Atmosphäre hat nicht allein meteorologische Ursachen, eine Prophezeiung vom nahen Weltuntergang versetzt alle in einen Ausnahmezustand. 

Seyda Kurt lädt mit ihrem Debüt-Roman ein zu einer erzählerischen Achterbahnfahrt, die mit ihren sieben Kapiteln, in denen sie sieben irre Tage schildert, nicht weniger ist als eine Schöpfungsgeschichte rückwärts. Wer auf der Suche ist nach gefälliger Strandlektüre, halte sich lieber fern.  Aber wer Lust hat auf eine Geschichte, die so wild, wagemutig und verstrickt ist wie die Biografien der Charaktere, kann Einiges erleben und erfahren. Denn Kurt verwebt Fakten und Fiktion zu einer Erzählung, die sich trotz oder gerade wegen ihrer apokalyptischen Anmutung einen unwiderstehlichen Sog entfaltet.  

Shamiram, die Herrscherin im Rüschenbademantel

Auftritt Shamiram, genannt Mira. Sie ist die Rollstuhl-fahrende Herrscherin des Viertels, im Rüschenbademantel mit Lady-Di-Meise und Lippenunterspritzungsabo. Zudem ist sie die Betreiberin des Muskelpalastes McBurn. Sie lenkt die Geschicke des Stadtteils mit ihrem Nachbarschaftsrat. Unermüdlich schreibt sie Briefe an die Kanzlerin, um auf die Missstände in ihrem Viertel hinzuweisen, das chronisch von der Stadtpolitik vergessen wird. „Unser Asphalt ist aufgeplatzt, wir brauchen Rampen für Rollstühle, was machst du eigentlich den ganzen Tag? Bist du dumm oder was?“

Auf einem Regal stehen verschiedene Bücher.

Im Kalker Buchladen steht Şeyda Kurt. Foto: Alexander Schwaiger

Weil sie keine Antwort erhält, nimmt sie das Schicksal selbst in die Hand. Denn sie ist es, die die Prophezeiung vom Weltuntergang in Umlauf bringt. Als die Nachricht endlich in der Tagesschau auftaucht, fühlt sie sich bestätigt, doch dass ihr Viertel schließlich doch im Chaos versinkt, kann sie nicht verhindern. Zumal sie den Rückhalt ihrer klügsten Mitstreiterin verliert: Ihre Tochter Nabû ist die Dokumentaristin. Sie läuft durch die Straßen des Viertels und nimmt mit ihrem Diktiergerät alles auf „was die anderen nicht wichtig finden“.

Eine Kirche liegt an einer Straße.

Die KIrche St. Marien ist in Kalk und im Roman von Seyda Kurt ein Dreh- und Angelpunkt.

Genauso hat es  Şeyda Kurt gemacht, als sie im Herbst 2024 anfing, Notizen und Gedanken zu sammeln, die schließlich in den fertigen Roman mündeten. „Ich habe ein Werktagebuch geführt, das ich dem Domid, den Machern des Migrationsmuseums Selma, übergeben habe.“ Das Museum soll einmal in den Hallen Kalk eine Heimstatt finden. „Wenn es dort eines Tages ausgestellt würde, würde sich ein Kreis schließen“, sagt Kurt beim Ortstermin in der Sieversstraße 20, wo sie bis zu ihrem elften Lebensjahr mit ihren Eltern und der zehn Jahre älteren Schwester lebte. Man kann von dort auf die Hallen Kalk blicken, Reste der Industriegeschichte des Viertels, die Kurt in ihrem Roman einfließen lassen. 

Doch zurück zur fiktionalen Familie: Nabû, 24 Jahre alt, die leibliche Tochter Shamirams, hat eine Beziehung zu Sanya, einer rothaarigen jungen Frau, die im Roten Löwen kellnert. Mira hat sie als Kind zu sich genommen. Die beiden sind wie Schwestern aufgewachsen, was sie aber nicht daran hindert, eine romantische Beziehung zu führen. Nabû verschwindet, weil sie die Idee ihrer Mutter ablehnt, mithilfe von Fake News einen Aufstand anzuzetteln. 

Eine junge Frau mit schwarzem Haar und schwarzem Kleid steht vor der Haltestelle Kalk Post.

Die Autorin Seyda Kurt hat eine atemlose Tour de Force über ihr Viertel geschrieben.

Die Suche führt ins Land von Euphrat und Tigris

Miras Sohn Yousip unterstützt die Pläne seiner Mutter: Wo das Ende der Welt naht, braucht es einen Messias, den er in einem Wettbewerb suchen lässt. Doch nicht der Messias ist es am Ende, der die Welt (oder zumindest das Viertel als Welt in der Nussschale) rettet, sondern ein namenloser Mensch, der an Tag 1 wie von Geisterhand im Gemeinschaftsgarten auftaucht und fortan zu Sanyas Schatten wird. Tatsächlich ist Sanya diejenige, die in Nabûs Hinterlassenschaft einen entscheidenden Hinweis entdeckt. Ein Silberbecher mit einer Gravur in einer fremden orientalischen Sprache wird zum Symbol einer Suche, einer Suche nach den Wurzeln der Menschen im Viertel, deren Eltern oder Großeltern wie die der Autorin, aus dem Mittleren Osten stammen, dem Land zwischen Euphrat und Tigris.

Hinter einer Straße liegt ein Platz, auf der fernen Seite liegen alte Industriehallen.

In Sichtweite der Sieversstraße: die Hallen Kalk.

Von dort stammen fast alle Protagonisten, bis auf  Pfarrer Angelo, der auf Italienisch flucht angesichts der Vielzahl der Menschen, die in seiner Kirche Zuflucht suchen, und Köbes, den eigentlichen Viertelsbürgermeister, der dauerbetrunken ist. „Die Kirche St. Josef im Roman ist eine Verschmelzung der realen Kirchen St. Josef und St. Marien“, erzählt Şeyda Kurt. In St. Josef ging sie als Kind jeden Donnerstag zur Messe, als Schülerin der Katholischen Grundschule. In der Kirche St. Marien hat sie  ihren Roman vorgestellt. Dort, wo jetzt St. Josef steht, entstand einst die Siedlung, die im Jahr 1003 erstmals als „Sumpfloch“ urkundlich erwähnt wurde. Und als Sumpf wird es im Buch auch benannt. Der Sumpf, der Symbol ist für den Elendssumpf, als das das Viertel gebrandmarkt ist, wahlweise auch als Drogensumpf. 

Doch Kurt, die am Herder-Gymnasium ihr Abitur machte, lässt ihre Figuren Sturm laufen gegen diese Stigmatisierung. In ihrer Erzählung versuchen sich die Menschen, sich buchstäblich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen, weil es sonst keiner tut. Ihre Figuren sind stolz, wehrhaft und entschlossen. Sie ziehen zu Felde gegen das negative Image, das ihnen durch Presse und Politik aufgedrückt wird. Vor allem die Frauen sind stark und übernehmen Verantwortung. Ob als Chefin des Nachbarschaftsrats (Mira), Anführerin der Karl-Küpper-Brigade, die sich um Obdachlose kümmert (Nabû) oder als Ärztin in der Soli-Ambulanz (Dr. Shifa) oder als weise Café-Inhaberin, die den Geschmack des Orients auf die Teller zaubert (Rahil). 

Eine junge Frau mit schwarzem Haar im schwarzen Kleid sitzt auf dem Geländer einer Brücke, die zwei Klettertürme verbindet.

Şeyda Kurt auf dem Spielplatz im Kalker Stadtgarten, der einzigen kleinen Grünfläche.

„Die Politik lässt Kameras auf der Hauptstraße installieren und übersieht dabei, was die Menschen hier täglich schaffen. Viele haben Schlimmes überlebt, sei es Flucht oder täglicher Kampf mit dem Amt. Dadurch gibt es hier viel Weisheit. Und wenig Bevormundung. Hier stört es keinen, wenn mal mal bei Rot über die Ampel geht.“ Şeyda Kurt ist in Kalk zu Hause. Auch nach einem Intermezzo in Berlin, kam für sie kein anderes Kölner Viertel infrage. Denn sie hat großes Zutrauen in seine Menschen. „Ich wünsche mir, dass sie weiter selbst bestimmen können, wie sie leben und arbeiten.“ 


Zeit der Monster, Hanser Verlag, 288 Seiten, 23 Euro

Seyda Kurt (Jg 1992) stammt aus Köln-Kalk. Sie studierte Philosophie und Französisch, arbeitete als freie Autorin für den Kölner Stadt-Anzeiger und Zeit Online. Im Jahr 2021 erschien ihr Sachbuch „Radikale Zärtlichkeit- Warum Liebe politisch ist“. Im Jahr 2023 „Hass - Von der Macht eines widerständigen Gefühls“. Sie lebt in Kalk und Berlin.