Es ist schon lange still geworden um den wortgewaltigen Philosophen. Einmal sagte Ernst Tugendhat, er könne nur denken, wenn er an seiner Schreibmaschine sitzt. Doch geschrieben hat er schon lange nichts mehr auf ihr. Keinen Aufsatz, kein Buch, keine Rede. Seinem Freund Jürgen Habermas hatte er das in seiner Tübinger Wohnung angekündigt: Er wolle mit dem Philosophieren Schluss machen. Habermas verstand zunächst nicht, wie er das meint. Aber das Denken fiel Tugendhat in den letzten zehn Jahren immer schwerer.
Beim letzten Besuch in Tübingen stand die Schreibmaschine noch auf dem Tisch links in der Ecke mit Blick auf den Holzmarkt. Sie ist so alt, dass man meinen könnte, Tugendhat hätte sie schon zu Beginn seiner philosophischen Karriere in Gebrauch gehabt. Das war in Freiburg. Damals, im Jahr 1949, habe er sich noch sehr unsicher gefühlt, sagt er. Als Philosoph habe er sich nicht ernst genommen, obwohl er immer ein hohes Bild von sich gehabt habe und seine Leistungen stets ungewöhnlich gut waren. Dem Leiden des hohen Selbstbildes sucht er noch im fortgeschrittenen Alter mit einer lindernden, altbewährten Arznei beizukommen. Mit einer Mystik, „die uns lehrt, uns selbst etwas zurückzunehmen“.
Tugendhat hat seine Wendung zur Mystik in seinen beiden zuletzt veröffentlichten Büchern vorgetragen. „Egozentrizität und Mystik“ heißt das eine, „Anthropologie statt Metaphysik“ das andere (beide erschienen im Beck-Verlag). Die Mystik habe ihn bereits seit seiner Jugendzeit beschäftigt, dann habe er sie allerdings außer Acht gelassen. Die Mystik ist der Schlusspunkt unter sein Leben für die Theorie. Damit schließt sich ein Kreis in seinem philosophischen Leben, das Tugendhat zu einem der bedeutendsten Philosophen in Deutschland werden ließ. Die Mystik ist ja mit etwas verbunden, was er bei seinem früheren Lehrer Martin Heidegger erfahren hat: dem Staunen vor dem Sein. Der Verwunderung, dass es so etwas wie diese Welt überhaupt gibt.

Philosoph Ernst Tugendhat im Jahr 2005
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Tugendhat stammt aus einer wohlhabenden Familie. Er hat eine Schwester in Wien, ein Bruder hatte sich bereits früh das Leben genommen. Im Jahr 1938 verließ er mit seiner Familie seine Heimatstadt Brünn, wo er bis dahin in der „Villa Tugendhat“, die heute zum Weltkulturerbe zählt, gelebt hatte. Die jüdische Familie siedelte wegen der nationalsozialistischen Bedrohung über die Schweiz nach Venezuela über. Er kehrte nach Deutschland zurück, weil er unbedingt bei Heidegger studieren wollte. Ein Wendepunkt war 1965 eine Einladung nach Ann Arbor in Michigan. „Dort habe ich gesehen, dass man mit der analytischen Philosophie Dinge leichter klären kann“, sagt Tugendhat. „Heideggers Philosophie spielte von da an für mich keine Rolle mehr.“
Tugendhat zählt zweifellos zu den bedeutenden Philosophen hierzulande. Er wirkt in den geistigen Kraftzentren Deutschlands: in Münster, in Heidelberg oder später in Berlin an der Freien Universität. Seine auf Vorlesungen zurückgehenden Werke über Ethik, das Selbstbewusstsein und die Sprachphilosophie zählen zum philosophischen Kanon deutscher Geistesgeschichte. Seine „Einführung in die sprachanalytische Philosophie“ wurde Pflichtlektüre einer ganzen Studentengeneration. Er habe die meiste Zeit seines Lebens nichts anderes getan als zu philosophieren, sagt er. Die Philosophie war sein Leben. Sein Tübingen hat er inzwischen verlassen. Am Sonntag wird Ernst Tugendhat 90 Jahre alt.
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