Als die letzten Töne des Radiohead-Stücks „Creep“ verklungen waren und Tamara Lukashevas Stimme abrupt abbrach, verharrte das Publikum für einen Moment in andächtiger Stille. Mancher konnte wohl noch gar nicht fassen, was man gehört hatte. Ein eindringlicher, verzweifelter Hilfeschrei entlud sich aus dem wuchtigen Klangkörper des Subway Jazz Orchestra, ein Seelendrama, arrangiert und aufwühlend interpretiert von einer Sängerin, die tief in das Songmaterial hinabgetaucht war: „What the hell am I doing here? I don’t belong here …“
Tamara Lukasheva wusste an diesem Abend vor knapp einem Jahr im „Subway“ sehr genau, was sie tat, und natürlich gehörte sie in diesem magischen Augenblick genau hierher. Furios hatte sie alle Register ihrer Kunst gezogen, ihre Stimme immer wieder moduliert, hatte geflüstert, geklagt, improvisiert, wie es zum Jazz auch gehört, dabei aber alle Musikkategorien gesprengt. „Ich will mich nirgendwo beschränken“, sagt sie. „Fast überall im Leben kann ich Kompromisse machen, nicht aber in der Musik.“
Vor zehn Jahren kam die 1988 in Odessa geborene Sängerin und Pianistin, Komponistin und Arrangeurin nach Köln. In ihrer Geburtsstadt hatte sie schon als 15-Jährige am Konservatorium studiert, war als Sopranistin in Opernhäusern aufgetreten und spielte in Ensembles vom Duo bis zur Big Band. In Köln ging sie an die Hochschule für Musik und Tanz, gründete mit Sebastian Scobel (Klavier), Jakob Kühnemann (Bass) und Dominik Mahning (Schlagzeug) ein Quartett und konzipierte ihr Master-Konzert 2018 auch in intensiven Zwiesprachen mit Dominik Mahning, Marina Sobyanina (Klavier) und Matthias Schriefl. Mit Schriefl bildete sie dann auch das Duo „Matria“, und wie ihre betörend schöne, mitunter jauchzende Stimme mit Schriefls Trompete, Posaune, Tuba oder Alphorn dialogisierte, war ein weiteres Meisterstück: Grenzen überspringende Heimatklänge mit Wurzeln in den Alpen und der Ukraine. Bei aller Ausdrucksfreude findet sich auch eine kontemplative Klangseite bei ihr. Im Projekt „Du bist mein Gott, den ich suche … Lob, Klage, Hoffnung im Buch der Psalmen“ ergründete sie basale menschliche Befindlichkeiten. Inzwischen sucht sie immer öfter in Soloauftritten nach dem Einklang mit sich selbst: „Wenn ich solo auftrete, muss ich noch aufrichtiger sein, muss mich auflösen, ohne dass mich die Kommunikation mit anderen Musikern ablenkt. Dann erst bin ich bei mir selbst, kann mich wirklich vergessen.“
Woraus Tamara Lukasheva vielleicht erst die Kraft für neue Herausforderungen schöpft. Für das kommende „Acht Brücken“-Festival kuratiert sie ein Programm, zu dem auch ihr eigenes, neues Big-Band-Projekt gehört. Dafür ergänzt sie das Subway Jazz Orchestra um die steirischen Streicherinnen DeeLinde (Cello) und Marie Theres Hartel (Viola), mit denen sie auch als die „Kusimanten“ spielt.
Vielleicht sind die „Kusimanten“ ja ein wenig die Inspiration für das, was Tamara Lukasheva nun im JAKI mit Johannes Weber (Gitarre), Malte Viebahn (E-Bass) und Antoine Duijkers (Schlagzeug) als „Lukoshko“ präsentieren wird. „Das ist etwas komplett Neues für mich, es wird groovig, rockig, vielleicht laut, auf jeden Fall elektronisch. Ich spiele auch Keyboards, habe zwei Mikrofone, wobei ich auf eines der beiden viele Effekte setzen kann, Hall oder ein Delay, das schwebt dann sehr schön. Das wird vielleicht manchmal gar nicht mehr wie Stimme klingen, aber so entstehen neue Klänge.“ In jedem Fall ist „Lukoshko“ ein weiterer Schritt der Sängerin zu neuen Klangufern.
Tamara Lukasheva presents Lukoshko. JAKI im Stadtgarten, 27.1., 20 Uhr. Eintritt frei.
SÄNGERINNEN IN KÖLN
26. Januar Rebekka Ziegler („Salomea“, „Of Cabbages and Kings“) singt im Masterabschlusskonzert von Jakob Kammerer. Loft, 20.30 Uhr. 27. Januar Barbara Barth singt im Blue Art Orchestra, das Kompositionen des Kölner Gitarristen David Plate aufführt. Stadtgarten, 20 Uhr. 28. Januar Taraneh Mousavi präsentiert in ihrem Bachelorkonzert ihr Quartett-Projekt „A Lullaby for the Clock“. Loft, 20.30 Uhr.