Köln – „Ein Engländer spielte mit der Mundharmonika eines deutschen Kameraden, andere tanzten, wieder andere hatten einen kolossalen Stolz, auf ihrem Kopf einen deutschen Helm zu tragen.“ Das schreibt der Gefreite Josef Wenzl vom bayerischen Reserve-Infanterieregiment 16 am 28. Dezember 1914 von der Flandern-Front an seine Eltern in Schwandorf. „Die Engländer stimmten ein Lied an, wir sangen hierauf »Stille Nacht, heilige Nacht«. Es war dies etwas Ergreifendes: Zwischen den Schützengräben stehen die verhasstesten und erbittertsten Gegner um den Christbaum und singen Weihnachtslieder.“ Der Soldat schließt mit den Worten: „Weihnachten 1914 wird mir unvergesslich bleiben.“
Der Brief schildert ein Ereignis, das in der Dramaturgie der Generalstäbe für jenen Krieg, der später der Erste Weltkrieg genannt wird, nicht vorgesehen ist: Obwohl seit Beginn des großen wechselseitigen Tötens im August bereits 160.000 Briten, 300.000 Franzosen und 300.000 Deutsche gefallen sind, kommen an Heiligabend 1914 – also vor genau 100 Jahren – nach Zurufen aus den manchmal nur 20 Meter voneinander entfernten vorderen Linien die feindlichen Soldaten aus ihren Gräben – vor allem Deutsche und Briten, in geringerer Zahl Deutsche und Belgier, Deutsche und Franzosen.
An vielen Stellen der Front in Flandern und Nordfrankreich wird nicht mehr geschossen; statt dessen brennen Kerzen auf Christbäumen. Man trifft sich im Niemandsland, schüttelt einander die Hände, wünscht „Fröhliche Weihnachten“ und „Merry Christmas“. Zigaretten und Zigarren werden getauscht, deutsches Bier und englischer Pudding. Deutsche, die vor dem Krieg in London gearbeitet haben, bitten die Briten, Briefe an die mitzunehmen, die bis vor fünf Monaten noch ihre Freunde waren.
Ein Engländer, im Zivilberuf Barbier, schneidet ohne Ansehen der Nationalität Bärte und Haare. Die teils seit Wochen in den Drahtverhauen des Niemandslandes hängenden Toten werden bestattet, Priester beider Seiten sprechen Gebete – auch für die jeweils „anderen“. Auf dem dank plötzlichen Frosteinbruchs gefrorenen Boden arrangieren Deutsche und Briten sogar ein Fußballspiel.
Klassenkampf aus den Gräben
„Wir schießen nicht, ihr schießt nicht“ – das ist die einfache Losung, die die Männer aus ihren Unterständen treibt. Inspiriert ist sie vom Geist der Weihnacht, aber sie setzt ein Zeichen über die Erinnerung an die Geburt des Friedensfürsten vor 1914 Jahren hinaus: Diese Soldaten sind den Krieg leid, sie haben es satt, durchnässt in vollgelaufenen Gräben auszuharren – verdreckt und verlaust, ohne Schlaf, den Gestank der Leichen in der Nase und eine zerstörte Mondlandschaft um sich herum.
Und vor allem haben sie es satt, auf die zu schießen, oder sich von ihnen beschießen zu lassen, mit denen sie in dieser Situation unendlich mehr verbindet als mit den Kriegstreibern in den jeweiligen Hauptquartieren und Hauptstädten. Dieser 1914er Weihnachtsfriede – teilweise hält er bis in die ersten Januartage 1915 an.
„Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.“ Der Wunschtraum der Friedensbewegung der 1980er Jahre – damals wurde er für kurze Zeit Wirklichkeit. Und es war auch Klassenkampf aus dem Schützengraben heraus. Denn es waren auf beiden Seiten die einfachen Soldaten einfacher Herkunft, die sich den Befehlen ihrer Vorgesetzten widersetzten, auch an Weihnachten Krieg wie üblich zu machen. Jener Generäle und hohen Offiziere, die es sich selbst in der Etappe gut gehen ließen, aber von ihren Untergebenen verlangten, sich ohne Murren abschlachten zu lassen. Selbst Scharfschützen, von ihren Oberen brüsk angehalten, nun endlich wieder zu töten, schossen absichtlich daneben.
Der Kriegsfreiwillige Carl Zuckmayer beschreibt in seinem Erinnerungsbuch „Als wär’s ein Stück von mir“ die Frontmentalität am Jahresende 1914: „Längst war der Hass gegen den »Feind« im Nachbargraben erloschen. Der Feind, für uns alle, war der Krieg, nicht der Soldat in Stahlblau oder Khaki, der dasselbe durchmachen musste wie wir.“
Freilich schildert Zuckmayer auch die praktische Unmöglichkeit, eine Ausnahmesituation auf Dauer zu stellen. Ein übereifriger Offizier, der im deutschen Schützengraben über einige dort fröhlich schmausende Franzosen stolpert, lässt sie sogleich gefangen nehmen. Und der Meldegänger Adolf Hitler, in dem der Krieg den Fanatiker geweckt hat, missbilligt ebenfalls das gräbenübergreifende Weihnachtsfest: So etwas dürfe in der Kriegszeit nicht zur Debatte stehen. Die nationalistisch aufgeputschte Heimatfront schäumt eh über die „vaterlandslosen Gesellen“ im Schützengraben. So die Zensur Nachrichten über das unerhörte Ereignis überhaupt durchdringen lässt.
Kaum Spuren in der Anti-Kriegsliteratur
Tatsächlich blieb, weil seine Rahmenbedingungen rasch erodierten, der kleine Friede einmalig. Nicht nur sorgten hüben wie drüben ausgewechselte Einheiten, die das Geschehene nur als Anekdote kannten, dafür, dass das Menschenschlachten nach Neujahr wieder anhob. Vielmehr verhinderten die mit seiner Dauer zunehmende Brutalität des Krieges und der entschiedene, mit massiven Strafandrohungen wegen Hochverrats bewehrte Druck von oben eine Wiederholung im folgenden Jahr. Noch einmal so eine anarchisch-destruktive Verbrüderung? Die Herrschenden waren – erfolgreich – gewillt, sie zu verhindern.
Schlüsselszenen des „Weihnachtsfriedens 1914“ in Flandern haben militärhistorisch interessierte Zivilisten aus mehreren Ländern, darunter die deutsche Vereinigung „Alte Armee“, jetzt an historischer Stätte nachgestellt. In originalgetreuen Uniformen und unter (fast) realistischen Bedingungen.
Die Deutschen singen „Stille Nacht“, die Briten antworten mit „Amazing Graze.“ Wildfremde Männer, bis eben noch erbitterte Feinde, liegen sich auf einem matschigen Stoppelfeld nahe der Ortschaft Ploegsteert in den Armen. Plötzlich hält ein Soldat im Schottenrock einen verbeulten Ball wie eine Trophäe in die Höhe. „Let’s play!“ Minuten später ist auf einer durchnässten Wiese Anstoß zum legendären „War Match“, das die Tommys seinerzeit 3:2 verloren.
Es war kein Einzelereignis, sondern hat wie auf einen geheimen Befehl an mehreren Stellen entlang der Westfront Nachahmung gefunden. Hundert Jahre danach läuft es für die Deutschen spielerisch nicht so gut, tut dem Spaß aber keinen Abbruch. Wie damals dienen Pickelhauben, Tornister und Uniformjacken als Torpfosten. Vor ein paar Tagen hat UEFA-Präsident Michel Platini einen Gedenkstein eingeweiht, der an das historische Spiel erinnert. (bk)
„Am Nachmittag setzten sie“, schrieb Ernst Jünger unter dem 25. Dezember 1915 in seinem Kriegstagebuch, „ein paar schwere nach Monchy, dass die Mauern nur so spritzten. Im dritten Zuge verloren wir einen Mann. Querschläger durch den Kopf. Nachher versuchten die Engländer sich anzubiedern, indem sie vor dem Abschnitt des zweiten Zuges einen Christbaum mit Fähnchen auf die Brustwehr stellten. Unsre Leute fegten ihn mit etlichen Schüssen wieder herunter.“ So verlief das Front-Weihnachtsfest anno 1915 ganz anders als sein Vorgänger.
Während der „Christmas Truce“ in England zum Mythos wurde, finden sich in der deutschen Kriegsbewältigungsliteratur, ganz gleich ob aus der verherrlichenden oder der pazifistischen Perspektive, kaum Spuren des Ereignisses.
Dass die heldische Richtung die Friedensbereitschaft der Soldaten als defätistische Entgleisung totschwieg, ist nachvollziehbar. Aber auch in den Anti-Kriegsbüchern der 20er und 30 Jahre – von Koeppens „Heeresbericht“ über Remarques „Im Westen nichts Neues“ bis zu Zweigs „Erziehung vor Verdun“ – spielt der Weihnachtsfrieden von 1914 keine Rolle, obwohl er als utopischer Vorschein einer besseren Zukunft ein dankbares Motiv gewesen wäre. Möglicherweise wollten die Autoren der Gefahr wohliger Weichzeichnung entgehen – der Krieg sollte bis in seinen letzten Winkel katastrophal und inhuman gewesen sein.
Heute ist das anders. Dank intensiver Forschung ist das Geschehen mittlerweile gut dokumentiert. Für einen Rührseligkeitsanfall eignet es sich auch 100 Jahre später nicht. Es ist ein Beispiel dafür, dass unter günstigsten Umständen die Macht ohnmächtig bleibt, wenn es nur derer genug gibt, die zu dem über sie verhängten Wahnsinn „nein“ sagen.
