Es ist nicht nur eine, sondern möglicherweise sogar „die“ Ikone der klassischen Musik – und das, obwohl sie zwar buchstäblich jeder vor sich hinpfeifen kann, deutlich weniger Menschen aber die Herkunft und den Komponisten kennen. Populär wurde sie übrigens durch ein sehr „unklassisches“ Medium: das Fernsehen. Es geht – selbstredend, möchte man fast sagen – um die Eurovisionsmelodie, genauer: um jene Fanfare, mit der die 1950 gegründete European Broadcasting Union seit 1954 Live-Sendungen einleitete, die in mindestens drei beteiligten Ländern stattfanden. Die erste war die Übertragung des Narzissenfestes im schweizerischen Montreux.
Wer wohl als – ja, das war sie wirklich – Europa-Hymne vor Beethovens „Song of Joy“ ausgerechnet das Prélude aus einer der „Te Deum“-Vertonungen des französischen Barockmeisters Marc-Antoine Charpentier für besagten Zweck auserkor? Die Frage ist heute nicht mehr sicher zu beantworten, es muss die Auskunft reichen, dass da jemand in einer Etage eines europäischen Rundfunksenders einfach den richtigen Riecher hatte.
Was kann es Erhebenderes geben als diese pauken- und trompetenglänzende Acht-Takt-Phrase, die sich zunächst triumphal zur Oberquinte aufschwingt, sich nach vier Takten halbschlüssig zur Dominanten A wendet, um am Schluss mit bombastischem Ritardando wieder im Hafen des tonikalen D-Dur zu landen?
Die rhythmisch geglättete TV-Version unterschlug übrigens tendenziell, dass es sich bei diesem instrumentalen Vorspiel der ausladend-mehrsätzigen Vertonung des lateinischen „Te Deum laudamus“ um einen Marsch handelt. Dank der energischen Punktierungen in der heute üblichen Präsentation dieser Musik durch die Spezialensembles der Alten Musik kommt dieser Charakter endlich angemessen zur Geltung.
Und noch etwas unterschlug die Eurovisions-Fassung: Charpentiers Prélude ist nicht ein-, sondern fünfteilig: Der Marsch ist lediglich der Refrain, der jeweils zwei gleich lange, im Ausdruck indes deutlich kontrastive Couplets umschließt. In ihnen wird auf die martialischen Pauken und Trompeten verzichtet, dort geht es vorübergehend charmant-beschwingt zu – behaglicher, melodiöser, idyllischer.
Wie auch immer: Als Eurovisionsmelodie stand die Musik zwangsläufig für festliche Europa-Begeisterung nach einer historischen Katastrophe unvergleichlichen Ausmaßes, die in Gestalt des Zweiten Weltkriegs den alten Kontinent heimgesucht hatte. Das Pikante daran: Von seinem geschichtlichen Hintergrund her eignete sich kaum etwas schlechter zur musikalischen Bebilderung erhebend-friedlicher Europa-Gefühle als Charpentiers „Te Deum“.
Der Franzose hatte sich nämlich in seiner Komposition (mutmaßlich, ganz gesichert ist der Zusammenhang nicht) verherrlichend auf den Ausgang der Schlacht von Steinkerque bezogen, in der im August 1692 – im Kontext des Pfälzischen Erbfolgekriegs – die Truppen König Ludwigs XIV., seines Landesherrn, die der britisch-niederländischen Koalition geschlagen hatten. Der genannte Krieg steht im Kontext zahlreicher militärischer Auseinandersetzungen, mit denen das expansive Frankreich des Sonnenkönigs nach dem Dreißigjährigen Krieg Mitteleuropa überzog und die in Südwestdeutschland zu großflächigen Verwüstungen führten. Von wegen europäischer Friedensgedanke!
Für einen Schlachtensieg also dankte dem Weltenlenker das „Te Deum“ Charpentiers, dessen innere Beteiligung an diesem Vorgang man freilich nicht allzu hoch veranschlagen sollte – als von der königlichen Gunst abhängiger Auftragskomponist tat er halt, wie ihm geheißen. Tatsächlich repräsentiert diese in der spezifisch französischen Tradition der Grands Motets stehende Musik geradezu exemplarisch die Musikkultur des Königshofes in Versailles. Von Haus aus eine geistliche Komposition, betreibt sie im Zeichen des gewählten Idioms – eines majestätischen Prunks auf höchster Ebene – die Verschränkung der geistlichen mit der weltlichen Sphäre, von Religion und Macht. Das absolute Königtum Ludwigs XIV. ist mit der Klangapotheose genauso „gemeint“ wie der Himmelsherrscher.
Diese (derzeit leider wieder wenn auch weniger im christlichen Kulturkreis sehr aktuelle) Instrumentalisierung Gottes für machtpolitische Zwecke im Sinn einer die Kräfte der je eigenen Seite und deren Tun segnenden Hand im Krieg mag uns heute, insoweit wir uns als Kinder der Aufklärung verstehen, fremd und abstoßend berühren. Sie will uns als blasphemischer Missbrauch erscheinen.
Allerdings ist der Aspekt der musikalischen Siegesfeier in der Rezeption verblasst – wer weiß heute noch von Steinkerque und den Kriegen Ludwigs XIV.? Das zeigt wieder einmal, dass und wie weit Kunstwerke sich von ihren Entstehungskontexten zu emanzipieren vermögen. Geblieben ist die zutiefst „säkularistische“ Imprägnierung dieser Musik – eine dezidiert geistliche Ausrichtung, die kaum jemand an ihr wahrzunehmen geneigt ist, hätte sie auch kaum zu einer Rundfunk-Fanfare prädestiniert.
Im übrigen lädt die eindrucksvolle Eröffnung dazu ein, auch den „Rest“ dieses „Te Deum“ kennenzulernen. Und da wartet auf den Hörer Großartiges und Bewegendes, das ebenfalls nicht mehr an tumben Jubel nach siegreicher Schlacht denken lässt. Der Aufbau der auf das Prélude folgenden „Vokalstrecke“ ergibt sich zwanglos aus der Aufteilung des umfangreichen Textes in zehn unterschiedlich lange Abschnitte, die in kontrastierenden Besetzungen, Ton-, Takt- und Satzarten vertont werden.
Im Prinzip wechseln chorische und solistische Sätze einander ab, aber es kommt auch innerhalb der einzelnen Nummern zu Tutti/Solo-Wechseln. Der vielleicht schönste Satz ist das klangzauberisch von den beiden „arkadischen“ Blockflöten begleitete Sopransolo „Te ergo quaesumus“. Sehr flexibel handhabt Charpentier den Chor zwischen blockhaft-akkordischer Wucht, jubelnden Koloraturen und kontrapunktischer Auffächerung, die sich am Schluss – in „Te domine speravi“ – zu einer veritablen Fuge auswächst.
Macht und Zorn des Weltenrichters wie Demut und Furcht der bittenden und hoffenden Menschheit hat Charpentier in eine Komposition von großem, ekstatischem Ausdrucksreichtum eingebracht.
CHRONIK
Entstehung: Das „Te Deum“ H 146 für Soli, Chor und reich besetztes Orchester komponierte Marc-Antoine Charpentier (1643-1704), der auch den Prolog zu Molières „Eingebildeten Kranken“ verfasst hatte, mutmaßlich im Jahr 1692 zur Feier des französischen Sieges in der Schlacht von Steinkerque. Im Kontext der Siegesfeiern wird auch die Uraufführung stattgefunden haben. (MaS)
BESTE EINSPIELUNG
Ich empfehle die Aufnahme durch das Barockensemble Les Arts Florissants unter William Christie aus dem Jahr 2004. Zeremonielle Gestik, Grandeur und Klangeleganz gehen hier eine überzeugende Verbindung ein.