Im Nachrichtenformat „Fun Facts“ sprechen prominente Hosts über die Klimakrise und Rechtsextremismus. Warum ausgerechnet Comedy gegen Nachrichtenmüdigkeit helfen soll.
Comedy gegen Nachrichtenmüdigkeit„Fun Facts“ macht Nachrichten zur Bühnenshow

Comedians Abdul Kader Chahin und Sebastian 23 bei der Aufzeichnung einer Folge in Köln im Comedia Theater.
Copyright: Fun Facts
Ein Schreibtisch, Backsteine vor einer gezeichneten Skyline im Hintergrund und ein großer Fernseher mit „Fun Facts“ darauf: das klassische Set einer Late-Night-Show. Bei Jimmy Kimmel und Stephen Colbert sind nur die Schreibtische ein wenig imposanter und aus Holz. Bei „Fun Facts“ sitzen auf dem Platz des Talkshow-Moderators Anja Reschke, Eckart von Hirschhausen, Katharina Thalbach oder Luisa Neubauer.
120 Folgen gibt es inzwischen, und das innerhalb eines halben Jahres. Comedians, Musiker und Künstlerinnen sprechen über taktisches Wählen, die PISA-Studie oder den verschwundenen Goldschatz der AfD. Die Aufzeichnungen der Shows laufen als 15-minütige Videos bei Spotify, YouTube, Instagram und TikTok.
Mit Humor sollen die Nachrichten eine möglichst große Zielgruppe erreichen. Damit möchten die Gründer gegen einen Trend ankämpfen, der in den vergangenen Jahren immer wieder Thema war. Viele Menschen meiden Nachrichten oder sind von Schlagzeilen erschöpft. Laut dem „Reuters Institute Digital News Report 2025“ gehen in Deutschland so viele Menschen wie nie zuvor bewusst Nachrichten aus dem Weg. 71 Prozent der erwachsenen Internetnutzer sagen, dass sie Nachrichten zumindest gelegentlich vermeiden.
Der wichtigste Grund: Nachrichten wirken sich negativ auf ihre Stimmung aus. Das Interesse an Nachrichten ist aber da und bleibt stabil. Wie 2024 sagen 55 Prozent, dass sie sich sehr oder außerordentlich dafür interessieren. Die Nachrichtenmüdigkeit wächst, aber das grundsätzliche Interesse bleibt bestehen. Die Zeit scheint also reif für Formate, die die Nachrichtenvermittlung neu denken. „Fun Facts“ möchte so eins sein.
Fokus auf Spaß und Fakten
Einer der Gründer ist der Bochumer Comedian Sebastian Rabsahl, bekannt als Sebastian23: „Ich glaube, dass Humor die Hemmschwelle abbauen kann, sich mit schwierigen Themen auseinanderzusetzen.“ Wenn Menschen sagen, sie könnten sich nicht mehr mit der Klimakrise beschäftigen, ihnen sei das zu gruselig, dann könne er das verstehen. „Aber gleichzeitig kann ich nicht die Augen schließen, wenn ich auf diese Wand zurenne. Wir müssen einen bewussten Umgang finden und dann möglicherweise auch eine Lösung.“

Mit vier anderen Kulturschaffenden hat Comedian Sebastian Rabsahl das Nachrichtenformat „Fun Facts“ gegründet.
Copyright: Charlotte Groß-Hohnacker
Neben der Klimakrise beschäftigen sich die Sendungen noch mit zwei weiteren Schwerpunkten: sozialer Ungerechtigkeit, etwa die Ungleichverteilung von Vermögen, und der drohenden Gefahr des Rechtsextremismus. Immer mit einem konstruktiven Ansatz, sodass die Zuschauer sich nicht alleingelassen fühlen sollen, sondern eine neue Perspektive auf ein Thema gewinnen können.
Während ihrer Sommertour in Sachsen-Anhalt haben sie über die Energiewende gesprochen. Als recht kleines Bundesland hat es mehr Windräder als Baden-Württemberg und Bayern zusammen. Weil der Strommarkt nicht regionalisiert ist, profitieren die Menschen dort aber nicht vom günstigeren Strom. „Da kannst du schon das Gefühl bekommen, dass das unfair ist, wenn vor deinem Haus ein riesengroßer Windpark steht. In unserer Folge haben wir dann gezeigt, dass es dafür aber auch Lösungen gibt. Etwa Windparks mit Bürgerbeteiligung“, sagt Rabsahl. Die Gewinne aus den Windrädern könnten direkt den Gemeinden zugutekommen, etwa in Form eines neuen Kreisverkehrs oder Kindergartens. Die Zuschauer und Zuschauerinnen sollen das Gefühl bekommen, dass sie auch aktiv werden können.

Die Band „II Civetto“ trat während der Sommertour im „Kiez Kino“ in Dessau auf.
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Mit Rabsahl haben die Autorin und Komikerin Sarah Bosetti, der Autor Marc-Uwe Kling, die Neurowissenschaftlerin Maren Urner und der Kulturveranstalter Till Hoffmann „Fun Facts“ gegründet. Aus den fünf sind über 100 Menschen geworden, die an dem Projekt mitarbeiten. Aufgezeichnet werden die Sendungen in Köln, in München, Hamburg und Berlin. Im Oktober kommt noch Wien dazu. Ihre Shows sind in zwei Hälften aufgeteilt: gut 30 Minuten „Nachrichten“ und dann der zweite Teil, den die Hosts selbst gestalten dürfen. Zum Beispiel als Konzert oder Bühne für Stand-up. An jedem Standort gibt es einen Pool aus Freelancern, die an den Folgen abwechselnd mitschreiben. Die Hosts dürfen aber letztlich selbst entscheiden, welchen Witz sie machen und welches Thema sie noch ansprechen.
Hauptsächlich finanziert sich das Projekt aus den Einnahmen der Shows, sagt Rabsahl. Ihnen sei es wichtig gewesen, von Anfang an unabhängig zu sein, von großen Medienkonzernen oder Anzeigen. „Wir glauben, dass es zu wenige solcher unabhängigen Formate gibt.“ Das bisherige Medienangebot wollen sie nicht ersetzen, sondern eine Ergänzung dafür sein. „Wir laden immer dazu ein, sich auch über ein Thema zu informieren. Ein Thema wie die PISA-Studie kann man in seiner Ausführlichkeit gar nicht in 15 bis 20 Minuten komplett erzählen.“
Von journalistischer Seite werden sie dabei vom Medium „Correctiv“ unterstützt. „Wir wollten nicht nur den ‚Fun‘-Part ernst nehmen, sondern auch die Fakten.“ Die Journalisten und Journalistinnen unterstützen immer bei der Überprüfung dieser Fakten. Manche ihrer Folgen, wie die zum AfD-Goldschatz, basieren auch auf Recherchen von „Correctiv“. Investigativjournalist Jean Peters hat diese Folge auch selbst moderiert.
Raus aus den Großstädten
Von August bis September waren sie auf Sommertour durch Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Die Überlegung dahinter sei gewesen, eine Ergänzung zum Programm in den Großstädten anzubieten, sagt der Bochumer Comedian: „Uns ist wichtig, die Perspektiven der Menschen vor Ort und die Themen, die sie beschäftigen, abzubilden.“ Sachsen-Anhalt ist zuletzt wegen der Wahl und des dortigen Erstarkens der AfD mehr in den Fokus gerückt.

Die zweite Hälfte des Programms dürfen die Hosts selbst entscheiden. Die Band „Il Civetto“ hat sich für ein Garten-Konzert entschieden.
Copyright: Yasmin-Sara Ergen
Für andere Themen, die die Menschen vor Ort beschäftigten und die vielleicht auch zum örtlichen Aufstieg der Partei geführt hätten, hätten sich die Medien aber nicht interessiert. „Beides muss Raum finden. Wir wollen ein Schlaglicht auf Chancen und Probleme der Region werfen, ohne das Thema Rechtsextremismus und den Aufstieg der AfD zu vernachlässigen.“
Ein Team aus Journalisten hat vor der Tour Gespräche mit den Menschen auf der Straße geführt, um mögliche Themen für die Shows zu finden. Abwanderung und Energiewende haben die Menschen dabei immer wieder genannt. Themen, die vor Ort eine Rolle spielen, die sich aber auch auf andere Bundesländer ausweiten lassen. „Darüber hinaus wollten wir Menschen auf die Bühne setzen, die eine enge Verbindung zur Region haben oder selbst daher kommen“, sagt Rabsahl. Den Kunstschaffenden vor Ort wollten sie eine Bühne geben, um Themen umzusetzen, die sie beschäftigen.
Seit Anfang September drehen sie die Folgen wieder in den vier Großstädten und ab Oktober kommen die Folgen dann auch wieder aus dem Comedia-Theater in Köln.
