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Gefahr Der Anarchie - Janusgesichtige Freiheitsidee - Der Marktliberalismus -...E ...

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„Misanthropie plus Hoffnung“ – auf diese Formel brachte der 2009 verstorbene Soziologe Ralf Dahrendorf, der bis heute zu Recht sein herausragender, ja paradigmatischer Vertreter in Deutschland gilt, das eigene Verständnis von Liberalismus. Die Misanthropie – weniger aggressiv formuliert: ein skeptisches Menschenbild – würde der Liberalismus demnach mit dem Konservatismus teilen, während in der „Hoffnung“ ein „linker“ Fortschrittsoptimismus zum Ausdruck käme – die Zuversicht, dass sich mit noch so unvollkommenen Menschen „Staat machen“ lässt.

Das klingt nach Anschlussfähigkeit hin zu unterschiedlichsten Richtungen. Indes ist das Vertrauen in die gestalterische Kraft des Einzelnen – wenn man ihn denn lässt und nicht mit Beschränkungen traktiert – genuin liberal. Denn Konservative und Linke neigen aus unterschiedlichen Gründen dazu, nach einem starken Staat zu rufen: Konservative , weil sie generell der Menschennatur misstrauen; Linke, weil sie glauben, dass nur ein potenter Staat ihr Projekt der sozialen Egalité durchsetzen kann.

Zum Fluchtpunkt hat die Idee der freigesetzten Individualkräfte aus systemischer Perspektive den Anarchismus – was Dahrendorf wusste und als Gefahr erkannte: „Anarchie ist schön, aber unpraktisch.“ Dennoch: Der anarchistische Impuls bringt sich heute noch zur Geltung, wenn Vertreter der FDP, des organisierten Liberalismus in der Bundesrepublik, in Talkshows gegen die linke und grüne „Verbotskultur“ wettern.

Hier droht das liberale Credo zur Ideologie zu verkommen, während „denkenden“ Liberalen – nicht nur Dahrendorf – von jeher klar war und ist, dass ein gesellschaftliches Zusammenleben ohne Regeln und ohne Verbote nicht funktionieren kann. Im Zentrum eines intelligenten Liberalismus steht daher die Frage, wo individuelle Freiheit einzuschränken ist, auf dass sie die Freiheit anderer nicht bedroht. Das Recht des Stärkeren ist – das war auch Dahrendorfs Credo – durch die Stärke des Rechts zu humanisieren.

JANUSGESICHTIGE FREIHEITSIDEE

Tatsächlich hat die liberale Freiheitsidee, wie sie sich im späten 18. Jahrhundert im Vor- und Umfeld der großen bürgerlichen Revolutionen entwickelte (der britische Nationalökonom Adam Smith etwa gehörte zu ihren Protagonisten), immer schon ein Janusgesicht; genauer: Sie setzte sich aus zwei Komponenten zusammen, die auf Anhieb kompatibel wirken, es tatsächlich aber nicht sind.

Zum einen galt und gilt besagte Idee der Freiheit von staatlicher oder kirchlicher Bevormundung – der Liberalismus ist in diesem Sinne die Bastion der Bürgerrechte, der Abwehrrechte des Citoyen gegen obrigkeitliche Gängelung und Reglementierung. Zum anderen meint sie die Freiheit des Wirtschaftsbürgers, der sich am unregulierten Markt gegen seine Konkurrenten durchsetzt.

Es ist nicht zu bestreiten, dass sich die gesellschaftliche, ökonomische und wissenschaftliche Dynamik der vergangenen zweieinhalb Jahrhunderte zumal in Europa und Nordamerika dieser Entfesselung wirtschaftsbürgerlicher Aktivität verdankt. Andererseits sind die Grenzen zu einem kruden Sozialdarwinismus fließend (Mario Vargas Llosa malt diesbezüglich in seinem lesenswerten liberalistischen Großessay „Der Ruf der Horde“ allzu sehr in Rosarot).

DER MARKTLIBERALISMUS

Historisch gesehen hat ein ungehemmter Marktliberalismus immer wieder – nicht nur im England des 19. Jahrhunderts – unsägliches soziales Elend produziert. Und aus konzeptioneller Perspektive ergibt sich tendenziell ein Widerspruch zum Bürgerrechtsliberalismus: Das Marktgeschehen produziert Gewinner und Verlierer mit dem Ergebnis, dass die Verlierer sich perspektivisch auch von der Wahrnehmung ihrer Bürgerrechte ausgeschlossen sehen. Und sei es, weil die Gewinner ihre wirtschaftliche und soziale Macht als Durchsetzungsmacht auch in den politischen Bereich einbringen. Drastisch sehen wir diese liberalistische Fehlentwicklung in den USA, wo nicht Eignung, sondern allein die Beschaffenheit des Geldbeutels darüber entscheidet, ob jemand überhaupt für ein prominentes politisches Amt kandidieren kann.

Die Erkenntnis, dass individuelles Fortkommen von der sozialen Herkunft nicht abhängen darf und in diesem Sinne auch der Liberalismus normativ gehalten ist, zumindest für eine Gleichheit der Startchancen zu sorgen, muss man „guten“ Liberalen nicht beibringen. Dahrendorf zufolge ist Liberalismus „der Versuch, die praktische Notwendigkeit von Herrschaft so intim wie möglich mit den größten Lebenschancen der größten Zahl zu verbinden“.

Größe und Elend gerade auch des deutschen Liberalismus bemessen sich an der Gewichtung der genannten zentralen Ordnungsbegriffe. Liberale des 19. und 20. Jahrhunderts haben hierzulande viel getan für die Durchsetzung demokratisch-ziviler Lebensverhältnisse, und wer weiland glaubte, Liberalismus und Faschismus als „Formen bürgerlicher Herrschaft“ (Reinhard Kühnl) vulgärmarxistisch in einen Topf rühren zu können, wusste aus ideologischer Verblendung nicht, wovon er redete.

NEIGUNG ZUM UMFALLEN

Auf der anderen Seite neigte der politische Liberalismus unstrittig auch immer wieder zum Umfallen, zur Aktivierung seiner entschieden schlechteren Potenziale. Als Nationalliberalismus knickte er nach der Reichsgründung ausgerechnet vor einem seiner von Haus aus ideologischen Todfeinde ein: vor Bismarck. Hier war es der Maßstab des unbestrittenen machtpolitischen Erfolgs, der korrumpierend wirkte. Eine klägliche Rolle spielte der Liberalismus auch in der ausgehenden Weimarer Republik, da er sich ohne nennenswerte Gegenwehr vom braunen Mahlstrom aufsaugen ließ.

GEGENWÄRTIGE KRISEN

Wie andere politische Richtungen stellen die Gegenwartskrisen den Liberalismus vor Herausforderungen, die an seine Substanz rühren. Angesichts der Klimakrise etwa greift das traditionelle ordnungspolitische Vertrauen in die Marktkräfte nicht mehr. Der Markt als solcher ist umweltpolitisch blind. Im klassischen Liberalismus ging es immer auch um das Verhältnis von individueller Freiheit und überindividueller Ordnung. Der aktuelle Liberalismus dürfte kaum umhin kommen, dieses Verhältnis neu zu justieren.

UNSERE SERIE

Wo verlaufen die Linien zwischen links und rechts, konservativ und liberal – in Zeiten der großen Koalition, welche „die Mitte“ erreichen will, und in Anbetracht von Landtagswahlen, die ungeahnte Bündnisse denkbar machen? Nächste Folge der Farbenlehre: Grün

TEIL 3: LIBERALISMUS