Kriege, Krisen, zerbröselnde Gewissheiten: Die Menschen sehnen sich nach Gemeinsamkeiten - aber das letzte Gefühl, das wirklich alle teilen, ist die Überzeugung, die Welt nicht mehr zu verstehen. Das erzeugt Stress.
Generation ChaosWarum wir die Welt nicht mehr begreifen können

Zu schnell, zu viel auf einmal, zu komplex: Das ist die Welt, wie sie Millionen Menschen aktuell erleben. . /RND (Montage); Fotos: solidcolours//
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Es ist ein Text, dessen prophetischer Furor nichts von seiner Faszination verloren hat: Der Mensch, schrieb der Philosoph Günther Anders 1956 in seinem berühmten Werk „Die Antiquiertheit des Menschen“, fühle sich zunehmend minderwertig gegenüber den von ihm selbst ersonnenen Systemen. Er hinke quasi der Moderne hinterher. Denn kein Mensch sei mehr in der Lage, das, was er geschaffen habe - technisch, politisch, kulturell, industriell - noch zu durchschauen oder gar moralisch zu bewerten.
Das war vor 70 Jahren. Anders diagnostizierte seiner Zeit eine „prometheische Scham“: Der überforderte Mensch schäme sich angesichts seiner eigenen Unvollkommenheit im Vergleich zur kalten Effizienz der Maschinen. Und er beginne deshalb, auch sich selbst nach Maßstäben von Funktionalität und Produktivität zu beurteilen. Nicht die Technik passe sich dem Menschen an, sondern der Mensch der Technik. Das Ergebnis: eine tiefgreifende Entfremdung von der Welt.
Uns entgleitet die Fähigkeit, die Welt zu entschlüsseln
Günther Anders wusste noch nichts von Tiktok. Er wusste nichts von ChatGPT, von ferngelenkten Todesdrohnen, Optimierungs-Apps, Hackerkriegen, Genmanipulation, Youtube-Algorithmen und globalen Finanzgeschäften zwischen Computern, deren Komplexität nicht mal Ökonomen verstehen. Und doch beschrieb er eine Zeit, die der unseren erstaunlich ähnlich ist.
Zu schnell, zu viel auf einmal, zu komplex. Das ist die Welt, wie sie Millionen Menschen aktuell erleben. Multiple Krisen, chaotische Politik, mächtige Unholde, rätselhafte Kräfte. Wir sind die Generation Chaos. Es ist, als entgleite uns die Fähigkeit, die Gegenwart zu entschlüsseln. Als seien wir nur verwirrte Zaungäste eines rasenden Ereignisstroms.
Das macht mürbe. „Ich verstehe die Welt nicht mehr!“, klagt Meister Anton in Friedrich Hebbels Trauerspiel „Maria Magdalena“ von 1844. Der berühmte Stoßseufzer ist das Gefühl der Stunde. Wir sehnen uns nach Vertrautheit, nach Gemeinschaft. Aber das letzte Gefühl, das uns noch eint, ist die verstörende Gewissheit, die Welt nicht mehr zu verstehen.
Mit wachsender Verzweiflung suchen wir vertraute Muster, errichten baufällige Gedankengebäude und versuchen, letzte Gesetzmäßigkeiten im Chaos auszumachen. Aber die glühende Lava der Veränderung scheint alles mit sich zu reißen, was einst Gültigkeit besaß. Auf der Strecke bleibt: ein gemeinsamer Referenzrahmen. Die Welt zerfällt in Millionen Parallelrealitäten, die kaum noch miteinander kommunizieren.
Selige Zeiten, als „Generation Golf“ einen Nerv traf
Selige Zeiten, als ein einzelnes Auto noch zum Sinnbild des Lebensgefühls einer ganzen Generation werden konnte. 26 Jahre ist es her, dass Florian Illies in „Generation Golf“ den Nerv seiner Zeit traf. An seinem kantigen VW kristallisierte sich westdeutsche Identität. Heute bleibt nur maximal fragmentierte Einsamkeit.
Die Welt ist auf so vielfältige Weise verkorkst, dass ein Kalter Krieg als Zentralkonflikt plötzlich vergleichsweise berechenbar wirkt. Ein irrlichternder Pöbler an der Spitze der größten Supermacht. Ein kalter Krieger in Moskau. Populisten und Despoten, die die Komplexität der Welt zu ihrem Vorteil nutzen, indem sie vermeintlich einfache Parolen als Entlastungsventile anbieten. Es ist ein perfekter Sturm, der sich über Jahre brausend aufgebaut hat.
Berechenbarkeit ist das große Manko der Gegenwart. Denn das elfte Gebot heißt: Disruption! Kirche? Uncool. Parteien? Von gestern. Arbeit? Wird maximal fragmentiert. Verantwortung wird dadurch diffus: Kein Mensch fühlt sich zuständig, weil niemand mehr den gesamten Prozess kontrolliert. Und ein ungutes Gefühl macht sich breit: Der Mensch selbst fühlt sich als Bremsklotz des Fortschritts. „Wir lungern“, schrieb Anders damals, „wie verstörte Saurier zwischen unseren Geräten herum. Unser Fühlen humpelt unserem Tun nach.“
Es gibt diese fiktive Anekdote eines amerikanischen Ureinwohners, der nach einer langen Zugreise an den Schienen sitzenbleibt und auf die Frage, was er tue, antwortet: Ich warte auf meine Seele. Es ist nur ein Mythos, aber ihr Kern bleibt wahr: Der Mensch ist in Wahrheit nicht geschaffen für das Tempo und die Masse der Veränderungen, die er selbst vorantreibt. Wir nehmen uns nicht mehr die Zeit, auf die Seele zu warten.
Und wo bleibt das Positive? Ein Funken Trost liegt in der Tatsache, dass wir zwar glauben mögen, als erste Menschheit der Geschichte von den Zeitläufen überfordert zu sein. In Wahrheit führte noch jede Generation dieselbe Klage. Sie ist die Begleitmusik allen Fortschritts.
„Alles Heilige wird entweiht“
Schon Cicero beklagte das „Turba negotiorum“, das „Gedränge der Geschäfte“. „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht“, schrieb Karl Marx 1848 im „Kommunistischen Manifest“. Und Georg Simmel stellte 1903 fest, die tiefsten Probleme des modernen Lebens quöllen „aus dem Anspruch des Individuums, die Selbstständigkeit und Eigenart seines Daseins gegen die Übermächte der Gesellschaft, des geschichtlich Ererbten, der äußerlichen Kultur und Technik des Lebens zu bewahren“.
Vor gut 100 Jahren dann beklagte der Schriftsteller Kurt Pinthus in seinem Essay „Die Überfülle des Erlebens“ das „Trommelfeuer von bisher ungeahnten Ungeheuerlichkeiten, das auf unsere Nerven niederprasselt“. Das Individuum werde „herabgedrückt zu einem Staubkorn gegenüber einer ungeheuren Organisation von Dingen und Mächten, die ihm alle Fortschritte, Geistigkeiten, Werte allmählich aus der Hand spielen“. Klingt das nicht sehr nach 2026?
Pinthus beobachtete eine „Reserviertheit mit dem Oberton versteckter Aversion“ der Menschen untereinander. Auch Thomas Mann schrieb 1924 im „Zauberberg“: „Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigem Wortwechsel, zum Wutausbruch.“ Es ist dasselbe Gefühl, das heute viele teilen: Gemotze und Gemecker allerorten. Die Lunten sind kurz. Eine mürbe Gesellschaft geht sich auf den Keks.
Noch jede Generation war davon überzeugt, an einem historischen Kipppunkt zu stehen. Überforderung tritt immer dann auf, wenn sich die Wirklichkeit schneller verändert als die Begriffe, mit denen sie deutbar bleibt. Wenn also alte Ordnungssysteme zerfallen, während neue noch nicht stabil genug sind.
Neu ist die schiere Masse gleichzeitiger Vorgänge
Und doch unterscheidet sich die aktuelle Deutungskrise von vorherigen. Neu ist nicht nur die schiere Masse gleichzeitiger Transformationen. Sondern auch das Ausmaß, in dem die mächtigsten Kräfte im Geheimen wirken. Das moderne Leben vollzieht sich nach immer intransparenteren Entscheidungslogiken: Nebulöse Algorithmen beeinflussen nicht mehr nur das Denken, sondern modellieren das menschliche Verhalten selbst neu. Wir spüren die Effekte, aber sehen nicht die Mechaniken.
Die irrwitzigen Veränderungsdynamiken sind kein Zufall und kein Naturgesetz. Die Verwirrung der Welt geschieht mit voller Absicht. Diffusion ist ein Geschäftsmodell, genau wie die hyperaktive Kurzatmigkeit der sozialen Medien. „Das ideale Subjekt totaler Herrschaft“, schrieb schon Hannah Arendt, „ist der Mensch, für den die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion nicht mehr existiert.“
Globale Konzerne wissen extrem viel über uns, wir aber so gut wie nichts über sie. Je unsichtbarer eine Macht wirke, desto stabiler sei sie, sagt die US-Wirtschaftsforscherin Shoshana Zuboff. Denn je mehr die kulturelle Verarbeitung den technischen Revolutionen hinterherhinke, desto schwieriger ist Widerstand. Gegen Unbekanntes rebelliert man nicht.
Viele klammern sich aus Verunsicherung mit fast kindlichem Trotz an Vertrautes, wüten bellend gegen alle Angriffe auf die Reste ihrer Lebensrealität. Die Bereitschaft, dem Fortgang der Dinge eine Chance zu geben, weicht resignativer Mutlosigkeit.
„Angelus Novus“ heißt eine Ölfarbzeichnung von Paul Klee, entstanden 1920, die den deutschen Philosophen Walter Benjamin tief beeindruckte: Ein Engel mit übergroßem Kopf und dunklen Augen blickt aus dem Bild heraus. Später, mit dem Aufstieg der Nazis, wird Benjamin in ihm den „Engel der Geschichte“ sehen, der mit dem Rücken voraus in Richtung Zukunft gerissen wird und hilflos-entsetzt zurückblickt auf „eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert“.
Geschichte ist für Benjamin keine kausale Kette deutbarer Ereignisse. Und Fortschritt in Wahrheit eine chaotische Folge großer und kleiner Katastrophen, deren Wirkmächtigkeit selbst Engel überfordert, erst recht Menschen. Es war ein radikaler Bruch mit dem bürgerlichen Fortschrittsnarrativ.
Günther Anders nennt den Menschen „ein Wesen, dessen Elastizität sich nicht ad libitum strapazieren lässt“. Diese Erkenntnis ist der einzige Ausweg aus dem kräftezehrenden Stress der Gegenwart: Nehmen wir Abschied vom Anspruch, mit den Maschinen mithalten zu müssen. Es wäre eine kolossale Erleichterung. Wir haben unser eigenes Tempo. Wir brauchen Zeit. Wir sind Menschen.