- Die Ufa, Deutschlands wichtigste Filmproduktionsfirma, wird am 18. Dezember 100 Jahre alt - Ein Rückblick auf Kunst und Propaganda der frühen Glanzzeit, auf die großen Stars, gebrochene Biografien und den ersten Tonfilm-Satz
Hans Albers Der Sohn eines Hamburger Schlachtermeisters hatte schon in mehr als 100 Stummfilmen mitgespielt, ohne dem Publikum besonders aufzufallen. Seine Erfolge feierte er auf dem Theater, der titelgebende Karussellbremser in Ferenc Molnárs "Liliom" war seine Paraderolle. Dann endlich wurde der blonde Hans mit der Filmoperette "Bomben auf Monte Carlo" - er sang "Das ist die Liebe der Matrosen" - auch zum Leinwandidol. Das war 1931. Zwei Jahre später zwingen ihn die Nationalsozialisten, sich von seiner jüdischen Lebensgefährtin Hansi Burg zu trennen. Offiziell stimmt Albers zu, privat lebt er weiter mit ihr in seiner Villa am Starnberger See. Keiner ist so blond und kernig wie er, ein Teufelskerl, die Zuschauer lieben ihn, die Nazis können ihm gar nichts. Dafür aber spielt er in ihren Filmen mit, zum Beispiel im Prestigeprojekt "Münchhausen", dem ersten Farbfilm der Ufa. "Er ist weder ein großer Schauspieler noch ein bedeutender Mensch, aber ein durchaus anständiger und famoser Kerl und hat mehr Charakter bewiesen als viele Andere", urteilte der Dramatiker Carl Zuckmayer in einem Dossier für den US-Geheimdienst. (cbo)
Marlene Dietrich Auch wer den Film noch nie gesehen hat, kennt diese Szene aus "Der blaue Engel": Eine junge Frau sitzt auf einem Holzfass, auf dem Kopf ein Zylinder, die langen Beine in Strapse gehüllt. So verdrehte Marlene Dietrich als Lola nicht nur dem alternden Professor Rath (Emil Jannings) 1930 den Kopf. Für die damals noch unbekannte Berlinerin war der Ufa-Film der Durchbruch und der Beginn einer Weltkarriere. Regisseur Josef von Sternberg hatte sie für die Rolle durchgesetzt, auch gegen den Widerstand von Jannings, mit dem Dietrich sich gar nicht verstand. Das von ihr gesungene "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" (komponiert von Friedrich Hollaender) wurde ein großer Hit. Die Dietrich folgte von Sternberg nach Hollywood und wurde an der Seite von Cary Grant, Gary Cooper und James Stewart zum größten Filmstar, den Deutschland je hervorgebracht hat. Angebote von Joseph Goebbels, in Deutschland Filme zu drehen, lehnte sie ab. 1939 nahm sie die amerikanische Staatsangehörigkeit an und engagierte sich gegen die Nazis, was ihr viele Deutsche übel nahmen. (amb)
Willy Fritsch & Lilian Harvey Mit Willy Fritsch stand Lilian Harvey, die in London geborene Tochter einer englischen Mutter und eines deutschen Vaters, zum ersten Mal im Jahr 1926 vor der Kamera, in der Operettenverfilmung "Die keusche Susanne". Doch erst vier Jahre später avancierten die beiden mit "Liebeswalzer" zum Traumpaar der Ufa. Danach drehten sie noch zehn weitere Filme zusammen. Man schwärmte von Harvey als dem "süßesten Mädel der Welt". Bis die Süße, die den Nazis als "politisch unzuverlässig" galt, 1939 nach Südfrankreich emigrierte und ihre Filmkarriere beendete. Die von Fritsch hielt erheblich länger. Ihm fällt die Ehre zu, den ersten Satz des deutschen Tonfilms gesprochen zu haben: "Ich spare nämlich auf ein Pferd." In den letzten Kriegsmonaten, während in Deutschland alles zusammenbrach, drehte Fritsch mit Johannes Heesters in Prag eine elegante Filmversion von Johann Strauß' Operette "Die Fledermaus". Im Nachkriegskino traf man ihn - immer noch gut gelaunt - in Heimatfilmen wieder. (cbo)
Kurt Gerron Die Geschichte Kurt Gerrons ist die dunkelste des deutschen Filmschaffens. Im Berlin der 20er Jahre galt der studierte Mediziner als einer der scharfzüngigsten Kabarettisten der Metropole. In der Erstbesetzung der "Dreigroschenoper" war er es, der "Die Moritat von Mackie Messer" vortrug. Trotz oder wegen seiner massigen Gestalt wurde er mit Rollen in "Der blaue Engel" und "Die Drei von der Tankstelle" zum Ufa-Star und bald schenkte er der Filmgesellschaft auch als Regisseur Erfolge wie "Es wird schon wieder besser". Wurde es nicht. Die Ufa entließ gleich nach der sogenannten Machtergreifung alle jüdischen Mitarbeiter. Gerron rettete sich über Umwege nach Amsterdam - von wo aus die Nazis ihn ins KZ Theresienstadt transportierten. Dort wurde Gerron von der SS gezwungen, den Propagandafilm "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" zu drehen. Gerron machte mit, in der Hoffnung, dass auf diese Weise die Mitwirkenden und er selbst der Ermordung entgehen könnten. Doch kaum war die infame Lügengeschichte abgedreht, wurden Kurt Gerron und fast alle Beteiligten des Films nach Auschwitz geschickt. (cbo) Brigitte Helm Sie war die Femme Fatale der besten Ufa-Jahre, die heilige Hure der Neuen Sachlichkeit: Brigitte Helm - geboren unter dem ruhmesuntauglichen Namen Schittenhelm - war erst 17 Jahre alt, hatte keinerlei Erfahrung als professionelle Schauspielerin, als Fritz Lang sie in der Hauptrolle seines größenwahnsinnigen Werks "Metropolis" besetzte. Helm spielte sowohl das unverdorbene Mädchen Maria, das den Arbeitern der Unterstadt Versöhnung predigt, als auch den verführerischen Maschinenmenschen Maria, der die Ausgebeuteten zur Zerstörung von Metropolis aufhetzt. Diese Doppelrolle verfolgte Helm Zeit ihrer (zu kurzen) Karriere. 1928 trat sie als männerquälendes Wesen Alraune auf, entstanden aus der künstlichen Befruchtung einer Prostituierten mit dem Samen eines Lustmörders. Zwei Jahre später musste sie den Part erneut spielen, diesmal im Tonfilm. Es reichte: Brigitte Helm verklagte die Ufa auf andere Rollen. Und musste doch immer weiter den Vamp geben, um die Prozessschulden zu bezahlen. 1935 zog sie sich ins Privatleben zurück und gab bis zu ihrem Tod 1996 kein einziges Interview. (cbo)
Emil Jannings Man sieht das Foto mit Unbehagen: Emil Jannings 1938 im Trachtenlook direkt neben Joseph Goebbels. Es waren solche Bilder, die ihm nach 1945 ein lebenslanges Auftrittsverbot bescherten. Dabei hatte seine frühe Ufa-Laufbahn durchaus eine linke Schlagseite gehabt: unter anderem mit der Titelrolle in der Heinrich-Mann-Verfilmung "Der blaue Engel" von 1930 (in der ihm Marlene Dietrich allerdings die Schau stahl). Während viele andere an dieser Produktion Beteiligte 1933 Deutschland verlassen mussten, kriegte Jannings, der noch in der Stummfilmära einen Oscar eingeheimst hatte, die Kurve - und war sich nicht zu schade, auch an Propaganda-Machwerken wie "Ohm Krüger" mitzuwirken. Begonnen hatte die Filmlaufbahn des Bühnenschauspielers in ganz frühen Ufa-Zeiten: 1919 mit dem stummfilmischen Revolutionsepos "Madame Dubarry". Auch in den braunen Jahren war Jannings für Meisterstücke gut: etwa 1937 für die Kleist-Verfilmung "Der zerbrochene Krug", wo er als Dorfrichter Komödiengenie zeigte. (MaS)
Zarah Leander Der höchstbezahlte weibliche Filmstar im nationalsozialistischen Deutschland war eine Schwedin. Zarah Leander unterzeichnete im Herbst 1936 einen Vertrag bei der Ufa und stieg danach rasch zum Publikumsliebling auf. Neben ihrem ausdrucksstarken Gesicht war es vor allem diese fast schon irritierend tiefe Alt-Stimme, die die Menschen faszinierte. Und niemand rollte das "R" so wie sie. Goebbels war von ihr angetan, Hitler ebenso. Leander bezeichnete sich auch nach dem Krieg als unpolitisch, doch spielte sie Hauptrollen in Propagandafilmen wie "Die große Liebe" (1942). Zeitlose Schlager wie "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen" und "Davon geht die Welt nicht unter", die der wegen seiner Homsexualität verfolgte Bruno Balz ausgerechnet in oder kurz nach einer Gestapo-Haft geschrieben hatte und die auch ganz anders verstanden werden können, verkamen zu Durchhalteparolen, wenn Leander vor schunkelnden Soldaten "Einmal wird sie wieder bunter, einmal wird sie wieder himmelblau" singt. 1943 beendete Leander ihre Ufa-Karriere jäh und ging zurück nach Schweden, doch war das kein politisches Statement, sondern geschah aufgrund von Streitigkeiten über die Auszahlung ihrer hohen Gage. (amb)
Renate Müller Für die Nazis war die Frau mit dem deutschen Allerweltsnamen ein Traum in Blond, die perfekte Verkörperung des braven Mädchens von Nebenan. Aber Renate Müller wollte sich nicht von Joseph Goebbels umgarnen lassen und reiste für Schäferstündchen lieber zu ihrem nach London emigrierten jüdischen Geliebten. Und sie spielte die Hauptrolle in "Viktor und Viktoria", einer Verwechslungskomödie zwischen den Geschlechtern, die 1933 schon so modern war, dass sie Hollywood im Jahr 1982 erneut verfilmte. Aber auch Müller entkam letztlich dem eisernen Griff von Goebbels nicht: Sie wurde von der Gestapo überwacht und drangsaliert, verfiel dem Alkohol und anderen Drogen und starb 1937 an den Folgen eines Fenstersturzes. Viele Ufa-Stars gingen als Zeichen des Protestes zur Beerdigung, und noch lange wurde gemunkelt, sie könnte ermordet worden sein. (KoM) Pola Negri Ernst Lubitsch machte sie als "Carmen" in Berlin zum Star und nahm sie mit nach Hollywood, wo sie den Männern nicht nur auf der Leinwand den Kopf verdrehte: Pola Negri war der große Vamp der Stummfilmzeit und bandelte auch privat leinwandreif mit Filmgrößen wie Charlie Chaplin und Rudolph Valentino an. Als der Tonfilm nach Hollywood kam, kehrte die polnische Schauspielerin nach Deutschland zurück, um als Madame Bovary zu beweisen, dass sie auch zu bürgerlichen Dramen fähig war. 1941 ging sie erneut in die USA, wo man ihr (vermutlich zu Unrecht) nachsagte, eine Affäre mit Hitler gehabt zu haben. Sie drehte kaum noch Filme, wurde aber eine erfolgreiche Grundstücksmaklerin. (KoM) Heinz Rühmann Heinz Rühmanns berühmtestes Ufa-Produkt, zugleich sein "Legendenfilm", hätte um ein Haar nicht das Licht der Kinoöffentlichkeit erblickt: Die "Feuerzangenbowle" - 1943/44 gedreht, also zu einem Zeitpunkt, da die Kriegsniederlage des Dritten Reiches absehbar war - galt dem NS-Erziehungsminister als "autoritätsgefährdend". Rühmann - der Dr. Pfeiffer ("mit drei f") des Films - musste sich die Freigabe von Hitler persönlich abholen. Tatsächlich konnte das Werk den damaligen Herrschern durchaus genehm sein, wurde hier doch eine Märchenwelt zum Vergessen des Lebens inszeniert. "Die Feuerzangenbowle" ist wohl auch in der Rückschau der Höhepunkt von Rühmanns langer Ufa-Karriere, die 1930 (nachdem er zunächst von Produktionschef Erich Pommer abgelehnt worden war) mit "Die Drei von der Tankstelle" begonnen hatte. Da war auch viel Platthumoriges für das Publikum der Diktatur dabei, stets vergoldet freilich durch Rühmanns doppelbödig-schlitzohrige Treuherzigkeit. (MaS)