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Gregor Schneider in DüsseldorfDer Poltergeist im deutschen Haus

Die Kunsthalle Düsseldorf hat Gregor Schneider und sein „Haus u r 2026“ zu Gast. Eine Ausstellung und ein Erlebnis.

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Das Foto zeigt ein Esszimmer in orangenem Licht.

Gregor Schneiders „Haus u r, Rheydt“ (2025)

Der Künstler ist in der Kunsthalle zu Besuch und dreht die Verhältnisse gleich um: Er lädt uns ein, stattdessen sein Haus zu besuchen, einzutreten in die Räume und Raumfolgen, die er in der Kunsthalle eingerichtet hat. Zum Beispiel den Raumparcours im Kinosaal: ein Flur mit einem schmalen Schrank und einer hinter einem Vorhang verborgenen Orchidee, ein Schlafzimmer ohne Bett oder andere Möbel, zwei Streaming-Zimmer mit hell leuchtendem Equipment, Computer und Monitore auf dem Tisch, schwarzer Teppich, Stühle.

Auf den Bildschirmen sieht man sich selbst den Raum betreten. Bald geht es an einem kleinen Gummibaum vorbei durch eine schwere Tür in eine Kühlzelle. Dort ist es, ja, ziemlich kalt. Es fühlt sich inzwischen auch etwas klaustrophobisch an, es gibt kein Tageslicht, nur einen vorgegebenen Weg, man ist alleine, hat längst die Orientierung verloren. Nach dem eisigen Zimmer geht es durch und vorbei an einem Keller oder Abstellraum. Es sieht inzwischen sehr ungemütlich aus, mehr wie Baustelle und Abbruchhaus. Irgendwie durch den dunklen Gang um die Ecke geht es endlich wieder hinaus. Gastlich ist das gewiss nicht.

Gregor Schneider (geboren 1969 in Mönchengladbach-Rheydt) hatte offenbar eine ziemlich glückliche Kindheit und war nicht besonders gut in der Schule. Aber man ließ ihn machen. Er ist sich sicher: Als Jüngster von vier Brüdern waren die Eltern froh, dass er etwas gefunden hatte. Er konnte gut malen, hatte früh einige Erfolge damit, es gab keinen Grund, sich zu beunruhigen und sich weiter groß zu kümmern. Und so begann der Künstler Mitte der 1980er Jahre relativ unbehelligt damit, das Haus, in dem er zeitweilig auch wohnte, Raum für Raum nachzubauen, umzubauen, zurück- und wieder nachzubauen.

Verpasst man den Ausgang, bleibt man stecken

Seither läuft das Projekt „Haus u r“ fortwährend und parallel zu allem anderen, wird erweitert, vervielfältigt, mitunter werden die Räume in Bewegung versetzt, gedoppelt, neu angeordnet, unzugänglich gemacht, verunklärt. „u r“ steht für Unterheydener Straße und Rheydt. Oder für etwas anderes, man erfährt es nicht ganz genau.

Kleine Details wiederholen sich, ein Raum kann sich unmerklich um 360 Grad drehen wie das „Kaffeezimmer“ (1993), von dem Fotografien im Foyer hängen. Oder Räume können sich in schier endloser Wiederholung aneinanderreihen wie jetzt das „Bad“ (2014) auf der Empore der Kunsthalle. Verpasst man den Ausgang, bewegt man sich endlos durch den Bäder-Reigen, ohne zu wissen, wo man ist. Alles sieht identisch aus.

Das Foto zeigt ein gelbes Haus unter Bäumen.

Die Außenansicht von Schneiders „Haus u r, Rheydt“ 2025

Die Abfolge der Räume, deren Entstehung Schneider in vielen Medien und in allen möglichen Zuständen dokumentiert, ist nicht nur Abbild einer durchschnittlichen kleinbürgerlichen Wohnung und Architektur der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit. Das ganze Projekt der Wieder- und Neuaufführung ist gleichzeitig auch ein Medium, um über das eigene Herkommen nachzudenken, über die Funktion und das Funktionieren von Hausgemeinschaft, über das Vertraute und Unvertraute. Zudem wird die eigene Wahrnehmung herausgefordert. Die dauernden räumlichen Verschiebungen und Doppelungen der Zimmer lassen uns als Besucher ratlos und ein wenig schwindelig zurück.

Man weiß es ja: Ein Haus ist nicht alleine physische Hülle, sondern immer auch ein symbolisches Konstrukt. Architektur ist keineswegs ein neutraler Behälter, sie wird belebt und selbst aktiv, ist ein soziales, psychologisches und kulturelles System. Mit der eigenen Erfahrung der räumlichen Umgebung stellen sich fast zwangsläufig Fragen nach Nutzung, Macht und Autorschaft. „Haus u r 2026“ ist eine künstlerische Arbeit, die auf uns und in unser Leben zurückstarrt.

Schneider baut ein sich wandelndes Räume-Puzzle

Für Gregor Schneider war es wohl naheliegend, an einem Gebäude in Familienbesitz zu untersuchen, mit welchen historischen, emotionalen und politischen Bedeutungen die Architektur aufgeladen ist. So ist seine Kunst gewissermaßen auch eine autobiografisch-soziologische Analyse und gleichzeitig ist es ein fantastisches, seit 40 Jahren immer wieder neu zusammengesetztes und neu erfundenes Labyrinth und Räume-Puzzle. Unter seinen nach- und eingebauten Räumen bringt er ganze Galerie- und Museumsräume zum Verschwinden. Gehen mit ihnen auch die institutionellen Koordinaten verloren?

Von 1989 an studierte Schneider an der Kunstakademie in Düsseldorf, dann in Münster und Hamburg. Er hatte verschiedene Gastprofessuren und Professuren inne, seit zehn Jahren unterrichtet er an der Düsseldorfer Akademie. Er hat zahllose Preise gewonnen und internationale Ausstellungen erhalten, hat mit seiner Kunst und seinen Projekten immer wieder provoziert und für Diskussionen gesorgt.

Inzwischen ist „Haus u r“ eine der bekanntesten und prominentesten raumbezogenen Arbeiten der Gegenwartskunst, wurde als „Totes Haus u r“ 2001 im Deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet und seither vielfach und in verschiedenen Konstellationen international ausgestellt.

Zur Biennale 2005 schlug Schneider vor, eine Skulptur in Form eines schwarzen Würfels auf den Markusplatz zu stellen. Kurz vor Eröffnung wurde die Aufstellung abgesagt, zu sehr erinnerte die Arbeit an die Kaaba in Mekka. Neben der Hamburger Kunsthalle aufgestellt war das Schwarze Quadrat dann kurzzeitig eine Hommage an Kasimir Malewitsch. Es gibt seither verschiedene ebenfalls kontrovers diskutierte Werke, etwa den Sterberaum (2011) oder die mit Hinweis auf die Loveparade-Katastrophe vier Jahre zuvor ebenfalls abgesagte Arbeit „Totlast“ (2014) in Duisburg. Innerhalb der zeitgenössischen Diskurse zu Ortsspezifik, institutionellen Kontexten und dem Verhältnis von Kunst und gelebtem Raum nimmt Schneiders Werk inzwischen eine zentrale Stellung ein. In Düsseldorf lässt sich dies nun am eigenen Leib erfahren.


„Gregor Schneider: Haus u r 2026“, Kunsthalle Düsseldorf, Di.–So. 11–18 Uhr, Do. 11–21 Uhr, bis 17. Januar 2027