Anderswo sind sie bereits geschützt: die Überreste (vornehmer: die Bodendenkmäler) des Limes, der nordalpinen Außengrenze des antiken römischen Weltreiches. In England betrifft dies den Hadrians- und in Schottland den Antonine Wall, in Deutschland ist es der „Obergermanisch-Raetische Limes“, der südlich von Bonn beginnt und bis Regensburg reicht, 550 Kilometer lang und seit 2005 Weltkulturerbe der Unesco ist.
Nicht geschützt ist bislang das 400 Kilometer lange mittlere Glied, der Niedergermanische oder auch „nasse Limes“ zwischen Bad Breisig südlich von Bonn und dem niederländischen Katwijk. Das soll sich jetzt ändern: Die Bundesländer NRW (mit einer 220 Kilometer langen Limes-Sektion) und Rheinland-Pfalz wollen unter Federführung der Niederlande erreichen, dass auch dieser Abschnitt ins Weltkulturerbe aufgenommen wird. Am morgigen Donnerstag soll der entsprechende Antrag bei der Kulturorganisation der UN in Paris übergeben werden, teilte Steve Bödecker mit, der Limes-Beauftragte des Landes NRW.
„Nass“ ist besagter Teil des Limes, weil er – im Unterschied zum obergermanischen Limes, dessen Verlauf im Nordosten die „Ecke“ von Rhein und Donau gleichsam abschneidet – im wesentlichen durch den Rhein gebildet wird. Tatsächlich reihten sich hier, am westlichen Ufer, im Verlauf des Stromes Kastelle, Wachtürme und militärische Lager wie an einer Perlenschnur aneinander.

Die Rekonstruktion eines römischen Legionslagers in Bonn
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Viele niederrheinische Städte sind – ablesbar an den Ortsnamen – frühere römische Standorte, die entweder im Zuge des Limes-Ausbaus gegründet oder – insofern sie, wie Köln mit seiner Statthalterresidenz, bereits bestanden – in das einschlägige Festungssystem einbezogen wurden. Die Überreste der römischen Stadt Colonia Ulpia Traiana bei Xanten ist eine weithin bekannte Touristenattraktion, in Neuss (Novaesium) und Bonn (Bonna) sind die Straßen der Legionslager noch heute im Stadtbild sichtbar.
Sowohl in den Niederlanden als auch in NRW weiß man, dass der Status eines Weltkulturerbes gut fürs einschlägige Geschäft ist – Städte wie Kalkar, Kleve und Köln könnten im Zuge der Aufnahme ihre römischen Wurzeln massenattraktiv feiern. Entlang des „Obergermanisch-Raetischen Limes“ hat man vorgemacht, wie es gehen könnte: Dort gibt es die Deutsche Limes-Straße für Autofahrer, den ausgeschilderten Deutschen Limes-Radweg, den Limeswanderweg. Die EU förderte 2011 bis 2013 die Entwicklung digitaler Dienstleistungen für den Limes-Kulturtourismus in den zehn europäischen Anrainerstaaten.
Vor allem aber erleichtert der Welterbestatus die Erhaltung des noch Vorhandenen gegen das Zerstörungswerk von Zeit und kommunaler Planungswut – ein moralischer, wenn auch kein rechtlicher Druck geht von ihm aus. Und was durch Schilder ausgewiesen wird, hat höhere Chancen, nicht durch Unachtsamkeit zertrampelt zu werden.
Nun ist der Limes, der als Funktionssystem in den Stürmen der Völkerwanderung des fünften nachchristlichen Jahrhunderts unterging, für Archäologen und Historiker auf jeden Fall interessant. Indes könnte er bei Nichtfachleuten auch Achselzucken produzieren. Was soll’s, ist alles lange her, bei Licht besehen sind die „Bodendenkmäler“ relevanzfreie Steinhaufen – das sind denkbare Einwände. Sie griffen aber auch aus übergeordneten Gesichtspunkten zu kurz, denn obwohl die Grenzbefestigungen aus der Antike stammen, ist ihre Symbolkraft gerade für die im Mittelalter beginnende deutsche Geschichte nicht zu unterschätzen.
Indirekt hatte der Limes auch mit einem Ereignis zu tun, das sich dem deutschen Nationalbewusstsein als Mythos eingeschrieben hat: der Schlacht im Teutoburger Wald im Jahre 9 nach Christus, da ein römisches Erkundungsheer unter seinem Feldherrn Varus von den Germanen unter dem Cheruskerfürsten Arminius (Hermann) aufgerieben wurde. Seit dem 16. Jahrhundert und erst recht im nationalistischen 19. Jahrhundert wurde die Hermannsschlacht zum Inbegriff erfolgreichen deutschen Selbstbehauptungswillens im Völkerkampf.
Tatsächlich mussten die Römer damals erfahren, dass sie militärische Erkundungszüge in die ihnen unbekannten östlichen Waldgebiete besser unterließen. Sie hielten sich an diese Erkenntnis und blieben fortan lieber in ihren Festungen am westlichen Rheinufer – der sicheren Seite des „nassen Limes“.
Eine weitere für die deutsche Geschichte wichtige Erkenntnis verdanken wir dem Philosophen und Anthropologen Helmuth Plessner, genauer: seinem Buch mit dem legendär gewordenen Titel „Die verspätete Nation“. Das zentrale Erkenntnisinteresse dieser erstmals 1935 publizierten Arbeit gilt der Frage, warum das bürgerliche Deutschland Hitler so wenig Abwehrkräfte entgegensetzte. Bei der Ursachensuche stößt Plessner auch auf die Glaubensspaltung des 16. Jahrhunderts – und kommt in diesem Kontext zu der verblüffenden Beobachtung, dass die Grenze zwischen dem katholischen und protestantischen Deutschland die des römischen Limes war.
Tatsächlich war die ehemalige römische Reichsgrenze mitten durch das Territorium des späteren Deutschland verlaufen. Sie feierte, so müsste man im Sinne Plessners fortfahren, in der Neuzeit als mentale Spaltung einer Nation katastrophenträchtige Auferstehung. Zweifellos hat die These einen hohen spekulativen Anteil, aber anregend und bestrickend ist sie allemal. In ihrem Licht wird der Limes zu einem (vergleichsweise) aktuellen Phänomen.
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Blick auf ein Gebäude im Archäologischen Park in Xanten
Die Colonia Ulpia Traiana war eine römische Stadt (Colonia) auf dem Gebiet des heutigen Xanten.
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Archäologen legen in einer Baugrube in Remagen
eine römische Fußbodenheizung frei.
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