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Großer Gestus, kleinstes Zittern

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Es ist jetzt also sage und schreibe 30 Jahre her, dass Hans-Georg Bögner von der SK Stiftung Kultur die Idee kam, der breit aufgestellten Kölner Theaterszene mit einem Preis zu größerer Aufmerksamkeit zu verhelfen.

Nicht alle Theaterschaffenden waren damals begeistert, man fürchtete, in einen Leistungswettbewerb hineingezogen zu werden. Inzwischen wird man keine ablehnenden Stimmen mehr finden, außer vielleicht bei den Nicht-Bedachten gleich nach der Bekanntgabe eines der Preise. Tatsächlich gilt jedoch bereits eine Nominierung als kleiner Ritterschlag, jedenfalls drucken die Bühnen sich auch solche auf die Plakate.

Die 30. Verleihung der Kölner Tanz- und Theaterpreise fand wie immer im Haus der SK Stiftung Kultur im Mediapark statt, zum ersten Mal allerdings in aufgelockerter Atmosphäre, mit Stehplätzen im Komed-Saal und einer Bar auf der Bühne, an der Jurymitglieder Platz genommen hatten, um bei Bedarf kurz Auskunft zu den Gewinnern geben zu können. Zudem teilte sich Hans-Georg Bögner erstmals die Moderation mit der Schauspielerin Aischa-Lina Löbbert, die 2012 an dieser Stelle mit dem Nachwuchspreis Puck ausgezeichnet worden war.

Der mit 2500 Euro dotierte Preis ging an diesem Abend an Fee Zweipfennig, die just ihren 26. Geburtstag feierte. Auch der Darstellerpreis (3500 Euro) ging 2019 in weibliche Hände: Sibel Polat, „eine der aktivsten, interessantesten und vielseitigsten Darstellerinnen der Kölner Theaterszene“, wie Winfried Gellner für die Jury lobte.

Polat spielt – und das könnte eine Premiere sein – gleich in zwei der diesjährigen Gewinnerproduktionen mit: so in Tim Mroseks radikaler Bearbeitung von Shakespeares „Sturm“, einer Co-Produktion seines Ensembles mit dem Orangerie-Theater und der Studiobühne Köln, die in nur 60 Minuten „ein faszinierendes, dynamisches Spiel zwischen real und irreal, tot und lebendig, Hinterlist und Wahnsinn“ entwickelt (laudierte Jurorin Ulrike Westhoff). Mrosek gehörte bereits vor zwei Jahren zu den Nominierten, nun hat der Regisseur den Kölner Theaterpreis (10 000 Euro) zum ersten Mal gewonnen.

Ebenso kann man Polat in „Wem gehört die Straße?“ erleben. Das Jugendstück der Comedia, eine Co-Produktion mit dem Gelsenkirchener Consol Theater, wurde mit dem Kinder- und Jugendtheaterpreis (5000 Euro) ausgezeichnet. Die Regisseurin Andrea Kramer hat die Dystopie einer Gesellschaft, in der Mädchen in ihren Zimmern eingesperrt bleiben, während draußen grapschende Jungs marodieren, zusammen mit dem Ensemble entwickelt. Vom Alltagssexismus wird hier, so Ulli Türk in ihrer Laudatio „berührend, humorvoll und mit hohem Tempo“ erzählt.

Über den ebenfalls mit 5000 Euro dotierten Tanztheaterpreis konnte sich die Choreographin Carla Jordão freuen. Ausgezeichnet wurde sie für ihr in der Tanzfaktur zu sehendes Stück „A UniversalWeakness“. Jordão, rühmte Jury-Mitglied Rita Kramp, oszilliere zwischen großem Gestus und kleinstem Zittern, zwischen verdichteter Konzentration und rascher Bewegungsfolge, zwischen dunkler Beklemmung und fröhlicher Leichtigkeit.

Der von der Freien Volksbühne ausgelobte Kurt-Hackenberg-Preis für politisches Theater (5000 Euro) geht in diesem Jahr gleich an ein ganzes Festival, nämlich an das vom Kölner Ensemblenetzwerk Freihandelszone seit 2017 alljährlich ausgerichtete „Urbäng!“-Festival für performative Künste.

Bereits bekannt war der diesjährige Träger des Ehrentheaterpreises, Werner Meyer: Der Fotograf begleitet seit Jahren die freie Theaterszene in Köln. „Er ist ein Betrachter, ein Zusammenführer, ein Verbinder, ein Raumlasser“, charakterisierte ihn die künstlerische Leiterin der Schauspielschule der Keller. Sabine Hahn war 2018 mit dem Ehrentheaterpreis bedacht worden und fand in ihrer Laudatio die schönsten Worte des Abends: „Jünger als schwerelos kann man nicht sein.“

Kleine Preis-Statistik

Seit 1990 wurden 32 Theater-, und 29 Kinder- und Jugendtheaterpreise vergeben. Der erste Theaterpreis ging an „Sindbadland“ im Urania Schauspiel Ehrenfeld, der erste Kinder- und Jugendtheaterpreis an Ömmes & Oimel, den Vorgänger der heutigen Comedia. Der Tanztheaterpreis wurde seit dem Jahr 1994 27-mal vergeben. Nur ein einziges Mal, nämlich auf der ersten Verleihung in der Alten Feuerwache, wurde dagegen der Mundart-Theaterpreis vergeben. Bislang konnten sich 20 junge Schauspieler und Schauspielerinnen über den Nachwuchspreis „Puck“ freuen, erst elfmal wurde dagegen der Preis für den besten Darsteller vergeben, erste Preisträgerin war hier Bettina Muckenhaupt. Auch die bislang letzten vier Ausgezeichneten waren weiblich: Sylvana Seddig, Nadja Duesterberg, Fiona Metscher, Sibel Polat.

Seit 2000 gab es 21 Ehrentheaterpreisträger, gewählt jeweils von allen bisherigen Trägern des Ehrenpreises.

Ab 2007 kam noch der Kurt-Hackenberg-Preis für politisches Theater dazu, benannt nach dem legendären Kölner Kulturdezernenten. Die in den 30 Jahren der Verleihung vergebenen Preisgelder summieren sich zur Summe von 810 000 Euro. Rekordhalter beim Theater- und Kurt-Hackenberg-Preis ist das Theater im Bauturm, das achtmal gewonnen hat bei 42 Nominierungen, gefolgt vom Theater der Keller mit sieben Preisen bei 44 Nominierungen. Beim Kinder- und Jugendtheaterpreis führt die Comedia mit mittlerweile acht Auszeichnungen.